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Theatergemeinde München

Kulturvielfalt zum ermäßigten Preis

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Die TheaGe-Theaterkritiken der Spielzeit 2016/17

Premieren im März

"Baumeister Solness" im Volkstheater

Schauspiel von Henrik Ibsen
Inszenierung: Christian Stückl
Dauer 1 Stunde 40 Minuten

Die Moral, die ganzen Nährwerte des Lebens sind schon zu Beginn von Christian Stückls Ibsen-Inszenierung am unteren Level angekommen. Fast-Food isst der titelgebende Baumeister Solness, bespringt seine willfährige Sekretärin, kanzelt deren Freund, seinen Mitarbeiter Ragnar ab, wohl wissend, dass der Jungspund ihm möglicherweise bald den Rang ablaufen wird. Der Schriftzug SOLNESS prangt groß auf der Bühne, die Stefan Hageneier als Künstler-Atelier mit schiebbaren Plexiglaswänden eingerichtet hat. Ein Szenario der Seelenleere - der Solness hat durch einen Brand zwar ein Grundstück gewonnen, aber seine zwei Kinder verloren. Magdalena Wiedenhofer spielt seine Gattin, verrucht, zerbrochen, während Maximilian Brückner als Solness eine kraftstrotzende Performance hinlegt. Hilde Wangel taucht auf, Pola Jane O’Mara gibt sie als einen nach der Wahrheit bohrenden Punk. Denn der Solness hat dieser Hilde vor zehn Jahren, als sie noch ein Kind war, ein Königreich versprochen – und küsste sie. Was unter den Worten liegt, arbeitet Stückl stark heraus. Besonders mitreißend aber wird dieses Psychodrama durch den aufdrehenden, auch die tragischen Nuancen ausspielenden Maximilian Brückner. mst

"Die Selbstmord-Schwestern" in den Kammerspielen

Schauspiel nach dem Roman von Jeffrey Eugenides
Inszenierung: Susanne Kennedy
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Fünf Schwestern begehen Selbstmord, gelangweilt und erdrückt vom spießbürgerlichen Leben in der Vorstadt. Soweit die Geschichte, die Jeffrey Eugenides 1993 aufschrieb und Sofia Coppola 1999 verfilmte. Susanne Kennedy greift den Selbstmord-Exzess fragmentarisch auf und bringt ihn in der Struktur des tibetanischen Totenbuchs auf die Bühne. Von den fünf Schauspielern in tibetanisch anmutenden Gewändern (sie verkörpern die Nachbar-Jungs der Schwestern) trägt nur einer keine Maske mit Manga-Augen. Obwohl die Sprache vom Band kommt, sind die Schauspieler durchgängig präsent. Das farbenfrohe Bühnenbild (Lena Newton) gleicht einem Altar, Bildschirm-Wände laufen auf die Reliquie zu, die tote Frau liegt im Glassarg. Wenn parallel junge Mädchen ihre Schmink-Tipps in Video-Tutorials zeigen, erinnert das an den Kern der Geschichte: Mädchen können schon in jungen Jahren nicht einfach sein, wie sie sind, und gehen dabei gegebenenfalls zugrunde. Ein schonungsloser Blick auf ein zeitloses Phänomen. Das Publikum teils begeistert, teils unentschlossen. haeg

"Die Troerinnen" im Residenztheater

Schauspiel von Euripides / Jean-Paul Sartre
Inszenierung: Tina Lanik
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

Zwei Schulbänke vor zerfetzten Wänden und ein Mädchenchor in Schuluniformen, einst fröhliche Kinder, wie ein Video zeigt, nun ein verstörtes Grüppchen, das auf sein grausames Schicksal wartet. Eindringlich, aber nie aufdringlich erinnert Tina Lanik mit ihrer Inszenierung daran, dass heute die Opfer von Boko Haram oder die Jesidinnen ähnliches erleiden wie damals die Frauen von Troja: Sie werden verschleppt, versklavt und vergewaltigt. Nacheinander treten sie auf die Bühne: Kassandra (Meike Droste), die Seherin, die Agamemnon ins Bett folgen soll und in einer ergreifenden Szene von ihrer Mutter, der Königin Hekabe, zum Abschied gewaschen wird. Dann Andromache (Hanna Scheibe), die Frau des getöteten Hektors, deren kleiner Sohn und Thronfolger von den siegreichen Griechen ermordet wird. Und schließlich Helena (Juliane Köhler), eine derangierte Schönheit, die bekanntlich den Trojanischen Krieg verursacht hat. Immer anwesend in diesem Klassenzimmer der Verzweiflung: Hekabe (Charlotte Schwab), die in Sartres Textfassung Anklägerin, Trösterin, aber vielleicht auch Mitschuldige ist. Groß gespielt und gut inszeniert bewegt uns ein schrecklich aktuelles Thema. sis

Premieren im Februar

"Jagdszenen aus Niederbayern" im Residenztheater

Schauspiel von Martin Sperr
Übernahme aus den Kammerspielen
Inszenierung: Martin Kušej
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten

Wuchtige Szenen von atmosphärischer Dichte, krass ausgeleuchtet, vor roher Bretterwand und Beton. Intendant Kušej rollt Sperrs Heimatstück des ländlichen Grauens, das zuvor gastweise in den Kammerspielen gezeigt wurde, vom Ende her auf. Es beginnt mit einem Knalleffekt: dem Lynchmord an Abram (großartig: Katja Bürkle). Der schwule junge Außenseiter hat das leichte Mädchen Tonka (Anna Drexler) im Affekt umgebracht. In der bleiernen Enge eines Dorfes nach dem Krieg lassen die Menschen ihren Druck und ihre Einsamkeit an einem Andersartigen aus, den sie mit erbärmlicher Moralhuberei und Mordlust jagen. Sogar Abrams Mutter (beeindruckend: Gundi Ellert) verleugnet ihren Sohn, der nach dem Gefängnis in diese perfide Gemeinschaft zurück wollte und sich deshalb an Tonka heranmachte. In dem sozialrealistischen Milieu aus Mord und Selbstmord, Verrat und Misshandlung sind die Opfer auch Täter, die Täter Opfer. Schauriger Höhepunkt von Kušejs kunstvollen Bildtableaus zu beklemmender Musik: ein Schlachttag. Am Ende ist die letzte Szene des Dramas, der Beginn der Geschichte, schon der Auftakt zur nächsten Hatz? Großer Jubel. avs

"Nō Theater" in den Kammerspielen

Schauspiel von Toshiki Okada
Inszenierung: Toshiki Okada
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

U-Bahnhöfe sind unwirtliche Orte des Übergangs, nur zum An- und Abfahren gedacht. Ein passender Platz also für Untote, die sich unerlöst ebenfalls in einem Zwischenreich aufhalten. In Okadas Stückentwicklung trifft an der Tokioter Metrostation Roppongi der Geist eines Investmentbankers (Stefan Merki), der während des Finanzcrashs Selbstmord verübt hat, auf einen jungen Mann, den er für die üblen Machenschaften seiner Branche um Verzeihung bitten will. Und in der Station Tochōmae begegnet man dem „Geist des Feminismus“, ausgehend von dem Erlebnis einer jungen Stadträtin, die von den männlichen Parlamentariern sexistischen Beleidigungen ausgesetzt war. Schreiten, stehen, sprechen – das alte No-Theater mit seinen Geistern ist eine artifizielle Kunst, auf die der Regisseur durch Langsamkeit, festgelegte Bewegungen und Wiederholungen Bezug nimmt. Einzig ein Zwischenspiel durchbricht den Rhythmus: Hier begeistert Anna Drexler als Schauspielerin, die im U-Bahnhof ihre Rolle übt. Dem Ernst der Lage – eine Generation um die Zukunft gebracht und eine Hälfte der Menschheit missachtet – entspricht eine formale Strenge, die einen frösteln lässt. sis

Premieren im Januar

"Eines langen Tages Reise in die Nacht" im Cuvilliéstheater

Schauspiel von Eugene O’Neill
Inszenierung: Thomas Dannemann
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, keine Pause

Der Boden, auf dem die Mitglieder der Familie Tyrone um jeden Preis stehen wollen, heißt Normalität. Dieser Boden schwankt aber genauso wie die bewegliche Platte, auf der die Schauspieler im Cuvilliéstheater größtenteils spielen. Normal sein, nicht negativ auffallen, das heißt damals, 1912, wie heute: gesund, schön, erfolgreich, wohlhabend sein. Die Tyrones können dieses Bild nur durch Alkohol, Morphium und Lügen aufrechterhalten. Normal sein wird hier zum Kraftakt. Die Tyrones können nicht vergessen: nicht das verstorbene Kind, nicht die vertanen Chancen und nicht die groben Demütigungen. „Du verdienst immer noch mehr, als du wert bist“, sagt der Vater zum Sohn, während sich seine Frau mit Morphium betäubt, um wieder lächeln zu können. Wenn du etwas wirklich willst, kannst du alles schaffen – Eugene O’Neill hat dieses durchweg amerikanische Motto in „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ widerlegt und gebrochen. Oliver Nägele, Sibylle Canonica, Aurel Manthei und Franz Pätzold setzen diesen Bruch überzeugend um. Thomas Dannemanns luftige Inszenierung lässt ihnen Raum, den sie beeindruckend ausfüllen. Langer Applaus. haeg

"Der Kirschgarten" in den Kammerspielen

Schauspiel von Anton Tschechow
Inszenierung: Nicolas Stemann
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

Statt „Kirschgarten“ könnte man auch „Kammerspiele“ sagen. Denn Tschechows Komödie über eine untergehende Gesellschaft ist in der Inszenierung von Hausregisseur Nicolas Stemann auch ein anspielungsreicher Abgesang auf das Theater Vor-Lilienthalscher Zeiten. Nicht zufällig wird ein roter Vorhang mit Goldfransen – Symbol einer vergangenen Ära - mitten auf der Bühne platziert und unaufhörlich auf- und zugezogen. Die scheidende Brigitte Hobmeier darf als Gouvernante Scharlotta noch einmal richtig aufspielen. Gleich nach der Pause schlüpft sie in sämtliche Rollen und erzählt den Niedergang der insolventen Gutsbesitzerfamilie, die Haus und Garten verkaufen muss, in rasanter Kurzfassung, ein Bravourstück der Schauspielkunst, mit Szenenapplaus gefeiert. Große Momente auch, wenn Altstar und Gast Ilse Ritter als mondäne Gutsherrin Ljuba zeigt, dass sie in der neuen Realität der Kaufleute und Sozialromantiker noch längst nicht angekommen ist. Stemann lässt die Personen, die bewusst vom Alter her nicht passend besetzt sind, oft in Standmikrophone und neben-einander her sprechen. Am Ende stürzt der Vorhang herunter – und viele Fragen bleiben offen. sis

"Macbeth" im Residenztheater

Schauspiel von William Shakespeare
Inszenierung: Andreas Kriegenburg
Dauer: 2 Std. 45 Minuten, 1 Pause

Ausdrucksstark, schillernd, packend: ein weiterer Kriegenburg-Knüller. Macbeth (Thomas Loibl) hat ein perfektes Leben vor sich: Erfolg, Geld, eine verführerische Frau (Sophie von Kessel). Plötzlich ist da der Stachel hemmungsloser Aufstiegsgier, entfacht von einem Hexenorakel, einem Tabledance-Spuk mit Rauschebärten. Warum, denkt er, soll ich mich nicht an die Spitze der Gesellschaft schießen, wenn die Gelegenheit da ist? Die Angst vor der Aktion lähmt ihn, doch dann reißt es ihn zur Tat, in einen Taumel aus Verrat und Blut. Der Schlaf bleibt aus, die Psychose kommt. Seine Lady, manipulative Verführerin und Karriere-Zuchtmeisterin, geht an der Schuld zugrunde. Die egomanische Herrschaft führt in den Nihilismus. Wunderbar die Frau (Hanna Scheibe), die die blutige, archaische Mechanik der (Männer-)Kriege beschwört. Großartig die langsamen Momente und die reduzierten Stilmittel. Die schwankende dunkelgraue Bühnenplatte, die wie zu Stein gewordenes Schicksal die Bühne durchschneidet und Räume schafft, die Schwerter, Lanzen und Blutbeschmierte in grausig schönen Tableaus zeigen: die Erotik der Gewalt. Regiemeister Andreas Kriegenburg ("Der Prozess", "Maria Stuart", Oper "Die Soldaten") in Bestform. Jubel. Avs

Premieren im Dezember 2016

"Antigone" im Residenztheater

Schauspiel von Sophokles
Inszenierung: Hans Neuenfels
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

Die Götterstatuen sind ins Museum verfrachtet und die Menschen in starren Rollen gefangen. Kreon, der neue Herrscher von Theben, hat ein Bestattungsverbot für den verfemten und im Bruderkrieg gefallenen Polyneikos verfügt, doch dessen Schwester Antigone widersetzt sich der Anordnung. Mehr als der argumentativ aufregende Grundkonflikt zwischen Staatsräson und Menschlichkeit interessie-ren Regie-Altmeister Hans Neuenfels zwei Gegenspieler, deren Positionen von Anfang an klar sind. Valery Tscheplanowas Antigone ist eine getriebene Radikale, die ihren Kopf auf dem Boden schlägt und ihren Hass laut herausschreit; niemand, nicht Schwester noch Bräutigam, erreicht diese Fundamentalistin der Humanität auf ihrem vorgezeichneten Weg in den Tod. Und Kreon, der Tyrann (Norman Hacker), hat sich in seiner neu erworbenen Macht bequem eingerichtet. Statt des Chors erfindet Neuenfels eine Frau von Theben, gespielt von seiner Gefährtin Elisabeth Trissenaar, die unermüdlich umherstreift und mit sanfter Klugheit zu vermitteln versucht - vergeblich. Der Regisseur „hat den alten Stoff wohltuend ernst genommen und dennoch Museales vermieden“, lobt der Münchner Merkur. sis

Premieren im November 2016

"Medea" im Volkstheater

Schauspiel von Euripides
Inszenierung: Abdullah Kenan Karaca
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten

Als ob sie gleich auf eine Party geht, so sieht diese Medea aus: eine langmähnige Blondine, eingezwängt in einem kurzen schwarzen Rock, eingesperrt in einem neonbeleuchteten Raum, in dem eine kurze Reihe grüner Plastiksitze nicht gerade zum Verweilen einlädt. In der hinteren Spiegelwand sieht Medea sich selbst, aber der Spiegel kann durchlässig werden für die Männer, die auf Medea blicken, darunter Herrscher Kreon (Oliver Möller), der Medea als Barbarin in seinem Reich ansieht. Die antike, tragische Heldin in der Version von Euripides inszeniert Abdullah Kenan Karaca als Gefangene im engen patriarchalischen System, wobei Ensemble-Neuzugang Julia Richter dieser Medea Selbstbewusstsein und Widerstandskraft verleiht. Man blickt hier auch in ihren Gedankenraum, sie eine, die sich wehrt, indem sie die Braut ihres untreuen, von Moritz Kienemann mit sardonischem Witz gespielten Geliebten Jason und den gemeinsamen Nachwuchs tötet. In die tiefen Abgründe einer Kindsmörderin vermag Karaca nicht ganz vorzudringen, aber er legt eine konzentrierte, spannende Regiearbeit vor, in der vor allem Mara Widmann als Einzel-Chor, als melancholische Stimme der Vernunft bewegt. mst

Premieren im Oktober 2016

"Point Of No Return" in den Kammerspielen

Schauspiel von Yael Ronen und Ensemble
Inszenierung: Yael Ronen
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Nichts ist mehr sicher: Die Bühne ein verspiegeltes, abschüssiges Gelände, auf dem man nur angeseilt Halt findet, und eine ganze Stadt beherrscht von Terrorangst und gefangen in Hysterie. Was macht der Amoklauf im Olympiaeinkaufszentrum mit uns, fragte sich bei ihrem München-Debut die israelische Regisseurin Yael Ronen, die ihre Stücke mit dem Ensemble entwickelt und aktuelle Ereignisse mit eigenen Befindlichkeiten und galligem Humor kombiniert. So beginnt auch dieser Abend großartig, wenn die fünf Akteure von ihrem 22. Juli 2016 berichten. Der eine, eingesperrt beim Sockenkauf im Billig-Laden in der Innenstadt, will seinen 1966 Facebook-Freunden posten, doch der Akku des Handys ist fast leer, die gebürtige Serbin fühlt sich geradezu verpflichtet, ihre Bombenerfahrungen einzubringen und Wiebke Puls, die mit ihren Kindern unterwegs war, erzählt in einem furiosen Auftritt, wie sie quasi Wachsmalkreiden gegen Waffen einsetzte und doch eigentlich auf die Bühne gehörte, „Rampe Mitte“, um von dort zu agieren. Solch herrlich witziges, selbstironisches Spiel wechselt mit beklemmenden Szenen und politisch korrekter Aufklärung. Ausreichend angesichts realer Toter und den Abgründen eines Amoklaufs? Das mag jeder für sich entscheiden. Das Premierenpublikum jedenfalls klatschte begeistert. sis

"Der Sturm" im Volkstheater

Schauspiel von William Shakespeare
Inszenierung: Christian Stückl
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten

Der Sturm tobt auf der Bühne des Volkstheaters, die Segel flattern wild, eine Crew in Panik. Dann wird der Blick frei auf ein Chaos aus zersplitterten Holzbalken, die sich zum fulminanten Bild einer Havarie auftürmen. Das Bühnenbild von Stefan Hageneier bestimmt ein abgebrochener Mast – die männliche Macht hat einiges an Schaden erlitten: Prospero, der König von Mailand, landete mit seiner Tochter Miranda nach einer Intrige seines Bruders Antonio auf einer Insel und revanchiert sich damit, dass er Antonio plus Mannschaft kentern lässt und seine Manipulationskräfte an den Schiffbrüchigen auslebt. Was folgt, ist unter der Regie von Volkstheater-Kapitän Christian Stückl ein schön krachendes Ideenfeuerwerk. Der noch junge Pascal Fligg gibt die Altersrolle des Prospero herrlich als großen Magier, den eine gewitzte Vater-Sohn-Beziehung zum Luftgeist Ariel verbindet. Der 14-jährige Enno Haas stiehlt als Ariel Publikumsherzen, das Ensemble schmeißt sich ins Gaudium rein: Da schweben die Luftballon-Herzen und auch ein Shit-Storm darf nicht fehlen, den Jean-Luc Bubert und Jacob Gessner als trinkfreudige Seemänner entfesseln. Stückl lässt‘s krachen: ein stürmischer Spaß! mst

"Glaube Liebe Hoffnung" im Residenztheater

Schauspiel von Ödön von Horváth
Inszenierung: David Bösch
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

Keine Empathie, nirgends. "Ich habe kein Glück im Leben", beschwert sich Elisabeths ichbetonter Liebhaber, der karrierebewusste Polizist, als er sein Mädchen verrät und in den Selbstmord treibt. Die Pose kommt uns bekannt vor. Schuld ist das System, in dessen Mühle Elisabeth untergeht, als sie straffällig wird und ihre Leiche vorab verkaufen will, um einen Gewerbeschein zu kriegen. Schuld ist die bürokratische Gerichtsbarkeit, die gesichtslos aus dem Off dröhnt, und die Härte und Trägheit der Mitmenschen. Keine Hoffnung überlebt auf der kalt von OP-Licht ausgeleuchteten grauschwarzen Bühne, trotz der Inschrift "Hope" darüber. Auch bei den Zuschauern lässt David Böschs ("Prinz von Homburg") klar und ironisch-distanziert erzählte Geschichte vom Absturz kaum Mitgefühl aufkommen. Neuzugang Valerie Pachner spielt die spröde-trotzige Naive, die keine Chance bekommt und noch als Tote zum Schluss auf der OP-Lampe durch den Bühnenhimmel schaukelt. Markus Hering bringt mit blutiger Präparatoren-Schürze schaurige Lacheffekte ein, Katharina Pichler rockt als eigentlich gar nicht so unmenschliche Strapse-Geschäftsfrau Frau Prantl zu Karsten Riedels schöner Musik. Solide Schauspielkunst mit gelungenen stillen Szenen. avs

Premieren im September 2016

"Der Fall Meursault - eine Gegendarstellung" in den Kammerspielen

Schauspiel nach dem Roman von Kamel Daoud
Inszenierung: Amir Reza Koohestani
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

Die Sonne war schuld. Der Franzose Meursault erschießt am Strand von Algier einen Araber, einfach so. Anders jedoch als in Albert Camus' berühmter Vorlage "Der Fremde" geht es in der gefeierten Umdeutung durch Kamel Daoud nicht um den Täter und seine existenzialistisch zelebrierte "Unbehaustheit" in der Welt. Das Opfer bekommt einen Namen, eine Geschichte. Harun, der Bruder des toten Musa, tief verletzt durch das erlittene Unrecht, wird selbst zum Fremden in seinem Leben und am Ende zum Mörder. Wer trägt die Schuld? Wohltuend vielschichtig, steht die kolonialistisch-eurozentrische Weltsicht im kritischen Fokus, aber auch die Beschränktheit des Islam und - wichtig - die Eigenverantwortung des Individuums. Dem Autor-Regisseur Koohestani ist es geglückt, die philosophische Vorlage behutsam zu einem "visuellen Gedicht" in "lyrischen Bildern" umzuformen. Die Bühne ist mit Orientteppichen ausgelegt, mit Sand berieselt wird sie zum Tatort. Iranische, bulgarische, libanesische Darsteller personifizieren auf mehreren Zeitebenen ein Verwirrspiel um Glaube, Seelenballast, Unterdrückung und Identität. Erfrischend leichtes Blickschärfer-Theater. avs

"Die Räuber" im Residenztheater

Schauspiel von Friedrich Schiller
Inszenierung: Ulrich Rasche
Dauer: 3 Stunden 45 Minuten, eine Pause

Zwei gigantische Laufbänder beherrschen die Bühne. Sie können sich heben und senken, parallel gesteuert werden und wieder gegeneinander. Diesem starken optischen Eindruck stehen zum Glück die Schauspieler, Musiker und Sänger in nichts nach. Bedrohlich wirken sie, die Räuber, die chorisch skandierend auf dem Technik-Ungetüm marschieren, eine Bande ohne Plan und Ziel, aber unaufhörlich in Bewegung. Ihr Anführer Karl Moor – Frank Pätzold begeistert als jugendlicher Heißsporn – hat sich radikalisiert, nachdem ihn der Vater aufgrund einer Intrige des Bruders Franz verstoßen hat. Und dieser Franz überrascht womöglich noch mehr. Es spielt ihn Valery Tscheplanowa, die mit ihrer glas-klaren Stimme und „mit tiefster Inbrunst mal wieder das Unterste aus ihrer Seele“ (SZ) herausholt. Der Neid auf den Bruder und die Begierde für dessen Braut Amalia setzen eine unheilvolle Maschinerie in Gang. In Ulrich Rasches großer Inszenierung funktioniert jedes Rädchen und jeder Satz perfekt. Und so bleiben nach fast vier Stunden die Zuschauer wahrhaft überwältigt zurück. Riesenapplaus für einen Abend, der ein „Ereignis“ (SZ) ist. sis

"Unschuld" im Volkstheater

Schauspiel von Dea Loher 
Inszenierung: Lilja Rupprecht 
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

Das Leben – eine U-Bahn-Station. Die Zeit vertickt auf zwei Weckern, deren Displays als Video hinten in zwei Einlassungen in der Stationsmauer projiziert sind. Dabei vibriert einer der Uhrzeiger auf der Stelle, so, wie den Figuren Dea Lohers der Daseinsstillstand droht, während mancher Zug an ihnen vorbeirauscht. In „Unschuld“ zeigt Loher einen Reigen von Menschen, allesamt so gar nicht unschuldig, von Ängsten geplagt. Die Flüchtlinge Fadoul und Elisio etwa (Jean-Luc Bubert und Leon Pfannenmüller) sehen am Rande des Meers eine Frau ins Wasser gehen und retten sie nicht, weil sie befürchten, von der Polizei entdeckt zu werden. Die waidwunde Melancholie dieses Episodenstücks arbeitet Lilja Rupprecht mit dem stark spielenden Ensemble heraus, Bezüge zu Flüchtlingsthematik und Amokläufen liegen bereits im Stück von 2003. Besonders toll: Volkstheater-Neuzugang Pola Jane O’Mara als blindes Mädchen, das sich einen Rest positiver Energie bewahrt hat, sowie Mara Widmann als Frau, die eine Schuld auf sich nimmt, die ihr gar nicht gehört. Gott steckt in einer Tüte, und der Zufall (oder das Schicksal?) bringt alle zusammen. Keine Rettung in Sicht, aber vielleicht Trost? mst

 

Die TheaGe-Kritiken zu den Premieren der vergangenen Spielzeit 2015/16

 

 

 

 

 

 Baumeister Solness / Foto: Arno Declair

 

 

 

 

 Die Selbstmord-Schwestern / Foto: Judith Buss

 

 

 

 

 Die Troerinnen / Foto: Andreas Pohlmann

 

 

 

 

 Jagdszenen aus Niderbayern / Foto: Andreas Pohlmann

 

 

 

 No Theater / Foto: Julian Baumann

 

 

 

 

 Eines langen Tages Reise in die Nacht, Oliver Nägele im Cuvilliéstheater / Foto: Matthias Horn

 

 

 

 

 

 Der Kirschgarten / Foto: Thomas Aurin

 

 

 

 

 Macbeth / Foto: Dashuber

 

 

 

 

 Antigone im Residenztheater / Foto: Matthias Horn

 

 

 

 

 Medea / Foto: Arno Declair

 

 

 



 Point of no return / Foto: David Baltzer

 

 

 

 
 
Der Sturm / Foto: Arno Declair



 

 

 Glaube Liebe Hoffnung / Foto: Thomas Dashuber

 

 

 

 

 Der Fall Meursault / Foto: Judith Buss

 

 

 

Die Räuber / Foto: Pohlmann

 

 

 

 Unschuld / Foto: Gabriela Neeb

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