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Theatergemeinde München

Kulturvielfalt zum ermäßigten Preis

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Die TheaGe-Theaterkritiken der Spielzeit 2015/16

Premieren im Juni 2016

Die Story um das große Geld: Lehman Brothers – Aufstieg und Fall einer Dynastie

Stefano Massini, einer der wichtigsten Gegenwartsdramatiker Italiens, erzählt die Familiengeschichte der Lehmans über drei Generationen.

Lehman Brothers und Bankenpleite: Jeder kennt die fatale Verbindung, seit 2008 die Immobilienblase platzte und die Weltwirtschaft bebte. Nun wissen wir dank des akribisch recherchierten Stücks eines italienischen Autors und der sehr geglückten Inszenierung von Marius von Mayenburg, dass die Lehmans drei jüdische Brüder waren, die Mitte des 18. Jahrhunderts aus dem fränkischen Rimpar nach Übersee auswanderten und dort den amerikanischen Traum verwirklichten. Dem Tuchladen in Alabama – eine reizende Film-Puppenstube – folgt der Zwischenhandel mit Baumwolle, dann investieren die cleveren Brüder und ihr noch viel geschickterer Nachwuchs in Kohle und den Panama-Kanal, in Kriege und Medien und schließlich nur noch in Geld. Mayenburg schafft mit sechs wun-derbar spielfreudigen Akteuren ein Proben-Setting, aus dem sich die Familiengeschichte gepaart mit der US-Historie entwickelt. Was da auf Bühne und Leinwand geschieht, ist höchst phantasievoll und staunenswert in Szene gesetzt. Kaum zu glauben, dass sich die Story um das große Geld und die Dynastie dahinter so unterhaltsam verpacken lässt. sis (drei Stunden, eine Pause)

Unüberwindliches überwinden: Figaros Hochzeit

David Martons Inszenierung nach W.A. Mozart in den Kammerspielen bringt Menschen zusammen
Premiere am 11. Juni 2016

"Um die bekannte Handlung im eigentlichen Sinne geht es heute Abend nicht." Damit weist das Programmheft zur Aufführung im "Opernhaus der Kammerspiele" die Zuschauer darauf hin, dass nicht einfach nur die beliebte Oper gegeben wird. In der Tat ist es Ziel dieser Performance, "eine Gruppe von Menschen zusammenzubringen, die im gemeinsamen Musizieren einen Weg finden, miteinander umzugehen. Und die unter Beibehaltung ihrer Verschiedenartigkeiten ein oder zwei oder vielleicht auch mehr glückliche Momente schaffen." Die Schauspieler-Sänger - allesamt in ihrer Sparte von hoher Qualität wie z.B. die Jazzsängerin Jelena Kuljić als Susanna und der Sänger Thorben Björnsson als Figaro – werden von dem fünfköpfigen Mini-Orchester hervorragend begleitet. Mit vielfältigen Regieeinfällen gelingt es, die Atmosphäre aufzulockern, wenn die Personen das Miteinander probieren, streiten, über Kunst, Freiheit, Frauenrechte diskutieren, oder schlichtweg fröhlich genießen. David Marton versucht, mittels seines großzügigen Umgangs mit der Musik, in der durchaus Mozarts Arien erkennbar sind, scheinbar Unüberwindliches zu überwinden – auch konventionelle Opernaufführungen. Viel Applaus bei der Premiere. sl

Knappe psychologische Tiefenschärfe: Iwanow

Martin Kušej macht in seiner Tschechow-Inszenierung am Residenztheater den Schmerz an der Existenz spürbar
Premiere am 4. Juni
Dauer ca. 3 Stunden 20 Minuten, eine Pause

Ein ausgebrannter Intellektueller ist Thomas Loibl als Iwanow. Pleite und resigniert lebt Tschechows Antiheld in einem Landadel-Klüngel, der in Geldgier, Lebensüberdruss und Stumpfsinn erstarrt ist. Alles nervt Iwanow. Seine todkranke Frau Anna (Sophie von Kessel), um die er sich kümmern sollte, wie auch die junge Sascha (Geniya Rykova), in die er sich verliebt hat und der er versprochen hat, sie zu heiraten. Seine Ideale von früher sind bleierner Depression gewichen. "Wer bin ich?" fragt es eingangs aus dem Off. Dick liegt der Staub auf den Stühlen des kargen Bühnenbilds. Beim Kartenspiel starrt jeder leer und stumm in sein Blatt, als wäre es ein Smartphone. Iwanow müsste sein Leben in Ordnung bringen. Doch er ist zu schwach, er begreift weder sich noch die Welt um ihn herum, bis aus seinem Desinteresse Kälte wird und Grausamkeit. Martin Kušejs Inszenierung macht den Schmerz an der Existenz und ihrer Begrenztheit für den Zuschauer mit knapper psychologischer Tiefenschärfe hautnah erfahrbar - aber auch durch Komik erträglich. In weiteren Rollen Juliane Köhler, Oliver Nägele u.a. Eindrucksvoll, nicht unanstrengend. Herzlicher, verdienter Applaus. avs

 

Premieren im Mai 2016

DAS Stück zum aktuellen Thema Flucht, Angst und "Überfremdung": América

Eine zündende, multi-perspektivische Inszenierung von Stefan Pucher nach dem Roman von T. C. Boyle
Premiere am 12. Mai
Dauer ca. 2 Stunden 40 Minuten, keine Pause

DAS Stück zum aktuellen Thema Flucht, Angst und "Überfremdung". Und Sie als Zuschauer sind womöglich auf der Bühne mitten drin! Amerika heißt hier das Land der Hoffnung. Dorthin wollen der junge Mexikaner Cándido und die schwangere América. Sie ziehen los, werden überfallen, geplündert, angefahren, vergewaltigt, gejagt. Delaney, ein liberaler Vorort-Humanist aus Los Angeles, hat Cándido mit seinem Jeep umgefahren, sich mit 20 Dollar losgekauft. Als fremde Mexikaner auftauchen und seine Hunde von Kojoten gerissen werden, kommt die Angst. Delaney beginnt sich abzuschotten. Sein Zaun wächst höher, eine Waffe wird gekauft. T.C. Boyles Klassiker von 1995 ist erschütternd nah an uns heute, aber auch von bitterer Komik. Mit multi-perspektivischen, wie im Film montierten Video-Sequenzen und zündender Dramaturgie zeigt Regisseur Stefan Pucher ("Sturm"), wie Bedrohung und Paranoia aus einem kultivierten Naturfreund einen Rassenhasser machen. Das Wilde dringt in die Zivilisation vor, und die zeigt ihre Kehrseite. Polarisierender Gesprächsstoff, inklusive Donald Trump und einem (Mauer)Laufsteg quer durch den Zuschauerraum. Ansehen! avs

 

Premieren im April 2016

Der Spuk ist nicht vorbei: Vor dem Ruhestand

Tina Lanik gelingt im Residenztheater eine solide gruselnde Inszenierung von Thomas Bernhards Alt-Nazi-Komödie
Premiere am 30. April
Dauer ca. 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Sie sind wieder da – oder immer noch. Nach der eingespielten Rede eines Pegida-Aktivisten stehen sie auf und klopfen sich den Staub aus den Kleidern, drei Untote, bereit für die Gruselparty zum Geburtstag von SS-Führer Himmler. Alljährlich werden die Truhen mit den Nazi-Reliquien geöffnet und Rudolf Höller (Götz Schulte), vom Lagerkommandanten zum Landtagsabgeordneten avanciert, lässt sich von Schwester Vera in die Uniform helfen. Dritte im unseligen Bunde ist Clara (Charlotte Schwab), die seit einem Bombenangriff der Amerikaner im Rollstuhl sitzt und mit Abscheu und hässlichem Lachen das Treiben ihrer Geschwister verfolgt. Denn Vera und Rudolf verbindet nicht nur die Erinnerung an einstige "Größe", sondern auch ein Inzest-Verhältnis. Gundi Ellerts Vera, schrill-komische Hauptfigur in Bernhards "Komödie von deutscher Seele" von 1974, laviert gekonnt zwischen unterwürfigem BDM-Mädel und anfeuerndem Monster. Regisseurin Tina Lanik ließ einen Keller bauen, nur eine Leiter führt aus dieser Gruft nach oben – bis jetzt. Am Schluss fällt ein Vorhang mit monumentalem Hakenkreuz. Der Spuk ist längst nicht vorbei. sis

Überdrehte Groteske mit großem Herzen: Sie nannten ihn Tico

Nora Abdel-Maksoud bringt ihr eigenes Stück als gelungene Uraufführung ins Volkstheater
Premiere am 20. April
Dauer ca. 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Der schräge Charme der Loser macht sich auf der Bühne schnell breit. Da ist Lefty (Mehmet Sözer), ein Typ mit blonder Matte, der gerne Talkshowmoderator wäre und sich deshalb auf einer Showtreppe in ein überdrehtes Quiz mit knallerten Kandidaten hinein imaginiert. Und da ist Pancho (wunderbar männlich: Eva Bay), ein arbeitsloser Sozialarbeiter, der sich um Lefty kümmert, weil dessen echter Vater Tico in Spanien weilt. Sehnsüchte gibt es zuhauf in "Sie nannten ihn Tico", geschrieben und selbst uraufgeführt von Nora Abdel-Maksoud. Der Ton ist der einer überdrehten Groteske, die von den Schauspielern hinreißend, mit Lust an der Körperkomik ausgespielt wird. Dabei ist die Lage ernst: Als Lefty und Pancho ein Baby mit schwarzen Haaren in einer Mülltonne finden, begeben sie sich auf einen Roadtrip durch ein Deutschland voller rechter Typen, darunter ein Politiker namens Schorsch (Max Wagner). Die Bühne ist ein drehbarer Wunderkasten, ideal für schnelle Ortswechsel. Das komische Duo lässt wild die Haare fliegen, eine tolle Band injiziert pfeifend und spielend Western-Flair. Lefty und Pancho irren herum, kommen aber an: schlicht und ergreifend in unseren Herzen. mst

Großes Beziehungstheater: Dämonen

Nicolas Charaux beeindruckt mit einer präzisen Inszenierung von Lars Noréns Stück auf der Kleinen Bühne des Volkstheaters
Premiere am 17. April
Dauer ca. 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

Hinten bewegen sich leicht die Vorhänge, wie vom Wind oder von Gespenstern bewegt. Es liegt etwas unsichtbar dämonisch in diesem langgezogenen Raum, der durch einen schwarzen, fensterhaften Rahmen eingefasst ist. Die Füße sieht man nicht, und die Figuren von Lars Noréns "Dämonen" haben auch den Boden verloren, schweben in Beziehungen, die kaputt sind und weiter laufen, im verdrucksten oder sadomasochistischen Modus. Die zwei, die sich quälen, sind Frank und Katarina. Er bringt die Asche seiner toten Mutter in einer Urne mit, sie schwankt zwischen Hingabe und Abscheu gegenüber dem Narziss, der gerne seine Spielchen treibt. Beeindruckend, wie kontrolliert unberechenbar der sonst so ausschweifende Jean-Luc Bubert diesen Typen spielt. Carolin Hartmann ist eine Gegenspielerin auf Augenhöhe, die hasst, liebt, trauert, kämpft, im gleichen Maße Opfer wie Täterin. Die Nachbarn, die in dieses Spiel hineingeraten, geben Magdalena Wiedenhofer und Jakob Geßner als vom Kinder(un)glück gebeuteltes Paar, dessen Wunden in Nicolas Charaux’ fantastisch präziser Inszenierung gleichfalls aufbrechen, aufbrechen müssen, damit sich vielleicht ein Horizont auftut. Großes Beziehungstheater! mst

Furiose Nummernrevue: Wut

Nicolas Stemann bringt Elfriede Jelineks Sprachwutstrom mit tollen Darstellern auf die Bühne der Kammerspiele
Premiere am 16. April
Dauer ca. 3 Stunden 45 Minuten, eine Pause

Mohammed fehlt bei der Party der Götter und Propheten von Jesus, Zeus und Buddha bis Nikolaus in der lustigsten Szene - denn da hört der Spaß auf, seit Böhmermann. Eine radikal komische Nummernrevue hat Regisseur Stemann aus Jelineks Sprachwutstrom über die Terroranschläge auf Charlie Hebdo, über Islamismus, Neonazis, Pegida und Internet-Shitstorms gemacht. Heraus kam ein offen inszeniertes, erschreckend aktuelles "work in progress". Das ist, wie stets bei Jelinek, ausufernd sprachakrobatisch, schwarzweißmalerisch und so naiv wie nervig und treffend. Die Wut, sehen wir, entsteht aus Angst, Ohnmacht oder Demütigung, sobald das Zweifeln aussetzt. Die sieben bravourösen Kammer-Spieler feiern die Lust an der Provokation, an Übermut und Selbstironie. Die Bühne ist ein Kunstlabor mit Live-Videos und Live-Musik. Kapriolen über Klischees haben die Oberhand über Erkenntnistiefe. Da wechseln sich mit Blut geschriebene Wortspiele um Schuld und Schulden ab mit Karikaturen, Selfie-Posen und Kalaschnikow-Kalauern, aber auch Zitaten von Freud und den alten Griechen. Furios, bei aller Länge unterhaltsam. avs

Rau und maßlos, albern und lüstern:
Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg

In für ihn typischer Manier bringt Regie-Titan Frank Castorf Jaroslav Hašeks Romanvorlage auf die Bühne des Residenztheaters
Premiere am 8. April
Dauer ca. 4 stunden 45 Minuten, eine Pause

Wo Castorf draufsteht, ist auch Castorf drin. Rau und maßlos, albern und lüstern geht es zu auf überbordender Drehbühne (die nachgebaute Berliner Volksbühne von 1914 nebst Bretterverhau, Salon, Latrine), wo der Regie-Titan das "Prinzip Švejk" durchexerziert und die Schauspieler "kriechen, kraxeln, rennen, robben, fluchen und flüstern" (Münchner Merkur), begleitet von einem Kamerateam, das Nahaufnahmen der Akteure und Videoeinspielungen liefert. Das hat nichts mit dem Schelm Muliar’scher Prägung zu tun, aber alles mit permanenter Abwesenheit von Frieden und dem Chaos des Kriegs, der Menschen und besonders Soldaten ängstlich und schweinisch, grausam und einsam werden lässt, auf dem Balkan des ersten Weltkriegs genau wie in unserer Gegenwart, in der Coca-Cola als Metapher für die gar nicht so friedfertigen Absichten des Kapitalismus steht. Wie immer bei diesem Regisseur steckt auch Švejk mit Aurel Manthei, Bibiana Beglau und Valery Tscheplanowa voller kenntnisreicher, kluger Anspielungen und Assoziationen. Diesen Castorf-Code wenigstens teilweise zu entschlüsseln, sollte man sich ab und zu gönnen, auch wenn er speziell ist. sis

 

Premieren im März 2016

Salon mit Livecam: War and Peace

Der britische Künstler Gob Squad bringt eine von Tolstois "Krieg und Frieden" inspirierte Performance auf die Bühne der Kammerspiele
Premiere am 23. März
Dauer ca. 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

Draußen tobt der Krieg, drinnen macht man Konversation. Übers Kochen und Lesen und unser ach so privilegiertes Dasein – Smalltalk, zu dem an den Tisch im Salon der Anna Pawlowna auch drei Zuschauer geladen werden. Statt verlegen zu schweigen, solle man sich besser des eleganten "Je ne sais quoi" bedienen, übersetzt ein vages "Ich weiß auch nicht recht", erklärt Gastgeberin Johanna Freiburg, mal die Grande Dame, mal der bärtige Tolstoi, von der Gruppe Gob Squad, die seit vielen Jahren erfolgreich tourt und sich nun an den Kammerspielen zusammen mit zwei Schauspielern des Hauses Tolstois 2000-Seiten-Roman vorgenommen hat. Man liest ein Stückchen vor, singt ein bisschen, tanzt ein bisschen, dann erscheinen wie auf dem Laufsteg wichtige Figuren: der Zar und Napoleon, der Moralist Pierre und die leichtherzige Natascha, eine Lazarettschwester, auch die kriegsgebeutelten Großväter der Akteure und Carrie aus der US-Serie Homeland. Und schon ist man wieder zurück vor der Livecam im Salon. Das hat mal Witz, auch lehrreiche Momente, unter die Haut aber geht hier nichts. Krieg und Frieden? Je ne sais quoi. sis

Herrlich scheußliche Dörfler: Katzelmacher

Abdullah Kenan Karaca gelingt am Volkstheater eine originelle Adaption des Fassbinder-Films von 1969
Premiere am 11. März
Dauer ca. 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

Sie denken nicht nur in Schablonen, die Bewohner eines bayerischen Kaffs, nein, sie stecken selbst in Schablonen fest. Genauer: in den Löchern einer fantastisch gemalten Kitschkulisse, aus der sie kaum herauskommen. Den bürgerlichen Kleingeist aus Rainer Werner Fassbinders "Katzelmacher" lässt Abdullah Kenan Karaca aus den Mündern steril herauspurzeln. Herrlich scheußlich sind die Dörfler in ihren Latex-Trachten, statisch-dumpf in ihrem Denken und Tun. Aber dann reist ein Fremder ein und bringt sie in Bewegung. Fassbinder drehte den Film 1969, basierend auf seinem Stück, aber in Flüchtlingszeiten klingen die Ressentiments erschreckender denn je. Was im Untergrund rumort, zeigt Karaca in einem sich unter der Bühne ausdehnenden Käfig: Da wandeln die Dörfler wie Raubtiere herum, der Gastarbeiter wird das Objekt niederer Triebe. Tomicin Ziegler verleiht ihm südländischen Charme und Menschlichkeit: Der Fremde hat Bildung. Das Ensemble überspitzt die Einheimischen hingegen so, dass es eine furchtbar witzige Pracht ist. Als Fabrikbesitzerin führt Mara Widmann ins Baierische ein: "Mia san mia und mia san produktiv!" Und die Groteske geht weiter, bis die Erde bebt. mst

Dornsche Ästhetik und tolle Darsteller: Hexenjagd

Tina Lanik bringt Arthur Millers Parabel textgetreu und in großartiger Besetzung auf die Bühne des Reidenztheaters
Premiere am 5. März
Dauer ca. 3 Stunden 15 Minuten, eine Pause

Was ist geschehen, nachts im Wald? Fünf Mädchen in sittsamen schwarzen Kleidern fingern an sich herum, übergeben sich, haben Blut vor dem Mund. Mit starken "lebenden Bildern" beginnt Regisseurin Tina Lanik eine Gruselgeschichte, die in sehr realem Denunziantentum und Gesinnungsterrorismus ihren verhängnisvollen Lauf nimmt und durch eine von religiösem Säuberungswillen fehlgeleitete Justiz für etliche unschuldige Bewohner der Stadt Salem am Galgen endet. Denn um sich vom Verdacht der Hexerei zu befreien, bezichtigen die Mädchen harmlose Bürger, mit dem Teufel im Bunde zu sein. Ihre Anführerin Abigail, der Valery Tscheplanowa ein kaltes Feuer verleiht, treibt dabei die Rache an der Frau ihres Ex-Geliebten John Proctor (eine Paraderolle für Thomas Loibl), der sich von ihr abgewendet hat. Was Arthur Miller 1952 als Parabel zur Kommunistenjagd der McCarthy-Ära geschrieben hat, stellt Lanik textgetreu, ohne Mätzchen und in der Anmutung Dieter Dornscher Ästhetik auf nachtschwarze Bühne. Und man lässt sich nur zu gern verhexen von dem wunderbaren Ensemble, das bis in die kleinsten Rollen groß besetzt ist. sis

Spiel mit aberwitzigen Kombis: 50 Grades of Shame

Die Performancegruppe She She Pop zeigt in den Kammerspielen einen Bilderbogen nach Wedekinds "Frühlings Erwachen"
Premiere am 3. März
Dauer ca. 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

Das Dauergelächter über furiose Überraschungseffekte rundet sich nach einem verspielten Mix aus Performance, Drama, Lektion und Rollenspiel zur Einsicht (nicht ganz neu): Sex ist überschätzt - aber sehr unterhaltsam! Auf zwei schwarzen Leinwänden setzten sich Männer- und Frauentorsi in Überblendtechnik zu aberwitzigen Kombis zusammen. Körper werden zum Konstrukt, ganz und gar unperfekt und ironisch. Die Frage: Was darf man, was nicht? Was ist Scham, was Liebe? Was Mann, was Frau?, sehen wir dabei zunehmend locker. Die Berliner Performancegruppe She She Pop vernetzt zusammen mit Ensemblemitgliedern (Anna Drexler, Walter Hess) Frank Wedekinds Jugendstil-Pubertätsdrama mit dem Sado-Maso-Kassenknüller "50 Shades of Grey" zu einem hybriden Bilderreigen mit Live-Musik. Da begegnen sich Männer und Frauen unterschiedlicher Generationen, kreisen um Aufklärung und die Bedeutung von Abbildungen, um die genussvolle Auflösung von Rollenmustern. Kein Theaterstück, aber amüsant, unverschämt und witzig, mit dem Zeug zum Spielzeithit. avs

 

Premieren im Februar 2016

Tragikomischer Schlagabtausch: Geächtet

Antoine Uitdehaag bringt Ayad Akhtars Gesellschaftssatire ins Residenztheater
Premiere am 4. Februar
Dauer ca. 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

Unter komischem Boulevard-Schlagabtausch und intellektuellem Ressentiment-Pingpong lauert in dieser explosiv aktuellen Assimilations-Tragikomödie die schockierende Wahrheit: Keiner entkommt seiner Herkunft. Zwei Upperclass-Paare treffen sich vor New Yorker Glitzerfassade im gestylten Apartment zur Party. Amir (Bijan Zamani), Karriere-Wirtschaftsanwalt mit pakistanischen Wurzeln, ist verheiratet mit der blonden WASP-Künstlerin Emily (Nora Buzalka), die derzeit mit islamischer Kunst kreativ wird. Zu Gast sind Isaac (Götz Schulte), jüdischer Kunstkurator, und seiner Frau Jory, afroamerikanische Top-Juristin und Amirs Kollegin. Alle sind supersozialisierte Gutverdiener, in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Ein Wort im geschliffenem Small Talk fällt über den Islam - und die unterschwelligen Konflikte zünden wie ein Brandsatz. Ein psychologisches Eifersuchtsdrama um Identität und Migration, alltäglichen Rassismus, Terror und Religion entfesselt sich, bis rundherum die Scherben liegen. Wenn Sie "Gott des Gemetzels" mochten und sich den Kopf über Houellebecqs "Unterwerfung" heiß reden können, werden Sie diesen Broadwayhit mit Pulitzerpreis lieben! avs

 

Premieren im Januar 2016

Lagerfeuer und reichlich Nebel: Caspar Western Friedrich

Philippe Quesne forscht in den Kammerspielen über den Zusammenhang zwischen Deutscher Romantik und Westerngenre
Uraufführung am 28. Januar
Dauer ca. 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

Was haben Cowboys und Caspar David Friedrich gemeinsam? Vielleicht die Einsamkeit in der Weite der Landschaft. So ähnlich mag der für Konzept, Inszenierung und Bühne zuständige Franzose Philippe Quesne über die Westernhelden denken und über den Mönch am Meer. Er lässt seine fünf Darsteller, ganz junge ebenso wie Stefan Merki und den alten Peter Brombacher, deshalb ein Caspar Western Friedrich Museum einrichten. Die Akteure sprechen wenig und werkeln viel, weißeln die Wände, schleppen Plastikfelsen, spielen mit Gläsern in der Hand Vernissage und stöbern draußen im Bookshop. Bis dann endlich ein großes Gemälde entrollt wird: Friedrichs "Wanderer über dem Nebelmeer" – ohne Wanderer zwar, denn diese Rolle übernehmen jetzt die Schauspieler und sie schauen und staunen und rezitieren. "Ein bisschen Hölderlin kommt auch vor", kündigt einer der Cowboys am Anfang an. Und Eichendorff natürlich und reichlich Nebel. Lieber als sich über diese Kunstszenerie zu wundern, möchte man freilich als Zuschauer bei den singenden Westernleuten sitzen. Lagerfeuerromantik ist hier eindeutig die schönste Romantik. sis

So ernsthaft wie gewitzt: Die Odyssee

Simon Solberg gelingt im Volkstheater eine stimmungsvoll-originelle Homer-Adaption
Premiere am 24. Januar
Dauer ca. 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Wow, so kann das also funktionieren: einen Klassiker in knapp 90 Minuten erzählen, voller Energie und Ideenreichtum, so wie man es von Regisseur Simon Solberg kennt. Wobei er nach seinem Moses-Mashup-Musical einen genauso gewitzten, aber doch ernsthafteren Ton anschlägt, um Homers "Die Odyssee" auf die große Bühne des Volkstheaters zu hieven. Fünf aus dem Ensemble spielen die Irrfahrt von Odysseus und dessen Gefährten nach: wie sie gen Heimat (Ithaka!) schippern und dabei andere Völker, andere Wesen bekämpfen, sich immer wieder ablenken lassen - Geldregen, Party, rasante Videos, und man ist sofort bei den Kriegen und dem (Konsum-)Terror unserer Zeit. Aus einem Eisengestänge bauen sie flugs ihr Schiff, der Zyklop (Jean-Luc Bubert) erscheint riesig per Filmprojektion und nuschelt sich witzig einen im Helge-Schneider-Stil. Ein Spiel von Dunkelheit, Licht und Nebel - so erzeugt Solberg stimmungsvolle Theaterbilder, unterlegt mit Musik, die von Heavy Metal bis zur Minimalklassik Arvo Pärts reicht. Sebastian Wendelin ist ein Odysseus mit Machttrieb, aber er gewinnt tragische Größe in all den Stürmen, deren Wellen auch das Publikum mitreißen. mst

 

Premieren im Dezember 2015

Verrückte Gaukeleien: Der Spieler

Christopher Rüping bringt Dostojewskis Roman auf die Bühne der Kammerspiele
Premiere am 17. Dezember
Dauer ca. 3 Stunden 15 Minuten, eine Pause

Geld macht verrückt, und vielleicht mehr noch seine Abwesenheit. Auf der Bühne der Kammerspiele tummeln sich jedenfalls recht durchgeknallte Typen, die auf den großen Gewinn im Spielsalon hoffen und dabei allerhand Schabernack treiben: In ein Bärenkostüm schlüpfen, sich mit Schaumstoffschlangen schlagen, zur Musik herumhopsen. Spieler sind sie, jeder und jede von ihnen, genau wie die Kinder, die am Anfang die Rollen der Großen übernehmen und überhaupt oft mitmachen. Bei soviel Klamauk zwischen den mobilen Mauern aus Umzugskartons ist es gut, vorher zu wissen, dass der General, seine Stieftochter Polina und der Hauslehrer Aleksej, der Polina liebt, bankrott und Schuldner beim Marquis des Grieux sind und im Kurort Roulettenberg auf das Erbe der Tante warten, die sich als sehr lebendig entpuppt. Falschspieler sind sie übrigens zudem in Sachen Gefühle. Auch wenn die Gaukeleien von Anna Drexler, Thomas Schmauser und Kollegen gefallen, fehlen in der Inszenierung von Christopher Rüping die Abgründe einer Sucht, wie Dostojewski sie kannte und meinte. Einen Eindruck davon bekommt man immerhin am – ruhigen - Schluss. sis

Großes Sprech-Theater: Philoktet

Ivan Panteleev bringt eine gelungene Heiner-Müller-Inszenierung auf die Bühne des Cuvilliéstheaters
Premiere am 12. Dezember
Dauer ca. 2 Stunden, keine Pause

Es braucht nicht den legendären Bogen und es genügt ein karges Bühnenbild – Waffe ist hier allein die Sprache. Sie wird in der Inszenierung des Bulgaren Ivan Panteleev von den drei hervorragenden Schauspielern beeindruckend eingesetzt, um die "Allgegenwärtigkeit von Krieg, politischer Lüge und Gewalt" (Residenztheater) vorzuführen. Odysseus schickt Achills Sohn, den jungen Neoptolemos (Frank Pätzold), nach Lemnos. Auf diese einsame Insel hat er vor zehn Jahren Philoktet (Aurel Manthei) wegen dessen stinkender, schmerzender Fußwunde verbannt. Inzwischen aber stagniert der Kampf um Troja, und Philoktet soll mit seinem Bogen die entscheidende Wende bringen. Der widerstrebende Neoptolemos wird beauftragt, ihn zu überreden, doch der hasst Odysseus - Shenja Lacher im giftgrünen Anzug brilliert als kalter Taktierer – genauso, wie es Philoktet tut. Unselige Allianzen entstehen, und am Ende wird Neoptolemos zum Mörder für den Sieg. Man hört fast eine Stecknadel fallen, so konzentriert verfolgt das Publikum die Argumentationsschlacht, die ohne billige Aktualisierung auskommt. Großes Sprech-Theater, mit Jubel aufgenommen. sis

Wild, feingliedrig und heutig: Schuld und Sühne

Christian Stückl gelingt am Volkstheater eine furiose Dostojewski-Adaption
Premiere am 10. Dezember
Dauer ca. 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause

Bücher stapeln sich auf dem Boden einer schäbigen Wohnung, die mit feinen Streben nur als Skelett dasteht. Der hintere Bereich ist mit Gaze bespannt, kann sich drehen, ist eine Innen- wie Außenwelt. Hier dreht Raskolnikow durch, schreit, während Videobilder des heutigen Polit-Chaos über die Gaze flimmern - wildes Kopfkino zu Beginn von Christian Stückls Inszenierung von "Schuld und Sühne". Dostojewskis Roman hat der Volkstheater-Chef entschlackt, kehrt das Innere des Ex-Jurastudenten Raskolnikow nach außen, indem dieser seine Gedanken mit einem befreundeten Grüppchen teilt. Da philosophiert Raskolnikow über den "außergewöhnlichen Menschen", der für seine höheren Ziele auch töten darf. Zum Test wird er selbst zum Mörder. Dem Thema Schuld fahndet Stückl im Kampf der Argumente nach, hat mit Paul Behren einen Hauptdarsteller, der die Seelenzustände Raskolnikows furios zeigt. Mit dem von Pascal Fligg gewitzt gespielten Untersuchungsrichter Porfirij liefert er sich ein spannendes Katz-und-Maus-Spiel. Wird Raskolnikow gestehen? Hat seine Liebe zur Prostituierten Sonja eine Chance? Stückl führt in die Psyche des Täters, feingliedrig und heutig. mst

Liebesdrama um Integration, Nationalstolz und Schuld:
Das goldene Vlies

Anne Lenk inszeniert von Franz Grillparzer am Residenztheater
Premiere am 6. Dezember
Dauer 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

Unterm Transparent "Welcome" verhandeln moderne Anzugträger am antiken Königshof zu Korinth, wie man das Problem Fremde löst. Ist doch Medea (Meike Droste), Tochter des Barbarenkönigs Aietes, als Braut des Argonauten Jason in die griechische Elite eingedrungen. Und die fernen Barbaren sind eine wilde Schamanenhorde, frei nach Afrikakitsch. Unter viel Bühnennebel ballen sich bald die Asylkonflikte, die Regisseurin Anne Lenk, um Aktualität (Flüchtlinge, Imperialismus) bemüht, mit lauten Bässen und auch mal mit Konquistadoren in Renaissancetracht oder Tropenhelm aufeinander krachen lässt. Die komplizierte Vorgeschichte aus Grillparzers Episodendreiteiler wird stückweise eingefügt. Der griechische Eroberer Phryxus hatte in Delphi ein goldenes Vlies geborgen, doch sein Gastgeber, der Barbarenkönig Aietes, tötete den Griechen. Jason und die Argonauten kreuzen als Rächer auf, die Königstochter Medea verliebt sich und folgt ihm nach Korinth. Als Jason und ihre Kinder sich von ihr lossagen, wird Medea wieder zur wilden Barbarin und tötet die eigenen Kinder. Liebesdrama um Integration, Nationalstolz und die Frage "Wer hat Schuld?" avs

 

Premieren im November 2015

Verrückter Crashkurs:
Das Handbuch für den Neustart der Welt

Jessica Glause inszeniert am Volkstheater Lewis Dartnells Überlebens-Ratgeber
Premiere am 27. November
Dauer ca. 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

Manche Dinge möchte man eigentlich gar nicht wissen, etwa, dass man aus toten Katzen Bio-Diesel gewinnen kann. Wenn aber eine Pandemie fast die ganze Menschheit hops genommen hat, kann jede Information wichtig werden. Der Wissenschaftler Lewis Dartnell hat sich dieses Katastrophen-Szenario ausgedacht, um in seinem „Handbuch für den Neustart der Welt“ Tipps zum Wiederaufbau der Zivilisation zu geben. Eine irre Idee ist es allein schon, diesen Ratgeber auf die Bühne zu bringen. Jessica Glause hat‘s gewagt, zusammen mit sechs Schauspielern, die nun im Volkstheater einen Abend zwischen Knoff-Hoff-Show und Endzeitkomödie geben. Die Zuschauer sind die letzten Überlebenden, die Darsteller bringen ihnen allerlei bei: wie man Methan gewinnen, wofür man Kalk nutzen kann, und ja, soll man erklären, wie man Sprengstoff herstellt? Die Gruppendynamik spielt chaotisch hinein, wenn nicht gerade das Periodensystem der Elemente vorgesungen wird. Elektro-Musik, fantasievolle Kostüme, all das in toller Laboratmosphäre - mal was ganz anderes im Volkstheater, ein verrücktes Ding für uns träge Konsumenten, die hier einen lustigen Crashkurs in Sachen Selbstständigkeit bekommen. mst

Gelungenes Anti-Heimat-Stück: Mittelreich

Anna-Sophie Mahler bringt Josef Bierbichlers Roman auf die Bühne der Kammerspiele
Premiere am 22. November
Dauer ca. 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause

Zu einer kongenialen Musiktheater-Szenenfolge mit Brahms' Requiem als trostverheißendem Chor hat Regisseurin Anna-Sophie Mahler das wuchtige Dorf- und Wirtsleute-Familienepos Sepp Bierbichlers komprimiert. Der autobiographische Erinnerungsbogen von drei Generationen steht im Spannungsfeld zwischen dem Erbe des Bauernhofs und dem Verzicht auf künstlerische Ambitionen, zwischen den Wirren von zwei Kriegen, zwischen Nazizeit und Bigotterie, Wirtschaftswunder und Hippies, dörflicher Borniertheit und Wichtigtuerei. Die Seewirte verdrängen Schuld und erlittenen Missbrauch, die als psychologische Altlasten im "mittelreichen" Wohlstand wieder nach oben kommen. Im brillanten Ensemble kommentiert Sebi (Steven Scharf), der labile jüngste Seewirt-Sohn, als Alter Ego des Romanautors das Geschehen, Annette Paulmann überzeugt als resolut-resignierte Mutter. Der Auftakt ist das Ende: die Trauerfeier für den Großvater-Seewirt (Stefan Merki, auch der Vater). Ein Anti-Heimat-Stück vor abblätternder käsegelber Wand, in dem Sinnsuche, Aufbegehren und Sehnsucht nach Trost ins Leere laufen. Der bisherige Höhepunkt der neuen Kammerspiel-Saison. avs

 

Premieren im Oktober 2015

Käfig-Theater zwischen Amüsement und Horror: Die Präsidentinnen

Abdullah Kenan Karaca bringt Werner Schwabs Stück auf die Kleine Bühne des Volkstheaters
Premiere am 25. Oktober
Dauer ca. 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

Ja, es geht ihnen dreckig. Aber sie halten immerhin die Oberflächen sauber: Drei Putzfrauen schwadronieren in Werner Schwabs "Die Präsidentinnen" (1990) über Aborte und Lebensschmutz. Abdullah Kenan Karaca, nun Hausregisseur am Volkstheater, versetzt das Trio in einen dreigeteilten Zoo-Käfig, in dem die Kleinbürgerinnen ihr animalisches Antlitz zeigen. Wenn der Papst im Fernsehen spricht, lugen sie durch Futterluken und Fenster nach draußen, der Katholizismus ist eine Nahrung, an der sich die gläubigen Mitläuferinnen überfressen haben. Das visuelle Konzept geht prima auf, und die drei Darsteller, welche die bösen Weiber mit falschen Brüsten und Perücken, aber fern jeder Klamotte spielen, liefern blitzeblanke Charakterstudien: Paul Behren macht aus Erna eine steife Pedantin, Moritz Kienemann ist als Mariedl die ach-so-naive Klofetischistin mit Wut im Bauch. Und Max Wagner ist eine Schau als schmutzig lächelnde, schmutzig denkende Grete. Während sie von einem Volksfest fantasieren, klaffen Abgründe auf. Bis Mariedl alle Träume zerstört. Doch die Zwischenwände lassen sich verschieben, Gewalt ist möglich, und man sitzt zwischen Amüsement und Horror mit im Käfig. mst

Kurz, klug, dicht und spannend: König Ödipus

Mateja Koležnik gelingt am Residenztheater eine sehr überzeugende Sophokles-Inszenierung mit tollen Darstellern
Premiere am 17. Oktober
Dauer ca. 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

Ein langer Gang, zwei Meter über dem Bühnenboden und zum Zuschauerraum komplett verglast: Auf diesem Korridor der Macht wird Politik gemacht. Hier treffen sich die Anzugträger, rauchen, reden, lauschen, was im Plenarsaal hinter zwei schweren Holztüren gesprochen wird. Strippenzieher sind es, einflussreich, wichtig, wie aus dem Fernsehen – und hier geht es ja um nichts Geringeres als das Schicksal der Stadt Theben, in der die Pest wütet. Wer übernimmt die Verantwortung und vor allem, wie lässt sich die Staatskrise beenden? Das Orakel verlangt, den Mörder des vormaligen Herrschers Laios zu finden und zu bestrafen. Daraufhin veranlasst Laios‘ Nachfolger auf dem Thron, Ödipus, eine Spurensuche, in deren Verlauf bekanntlich enthüllt wird, dass er selber den Vater getötet und seine Mutter, Iokaste, geheiratet hat. Der klugen und dichten Inszenierung von Mateja Koležnik über den Aufstieg und Fall eines Mächtigen und ihren großartigen Schauspielern (der alte Hans-Michael Rehberg als blinder Seher, der junge Thomas Lettow in seiner ersten Titelrolle, Sophie von Kessel als Iokaste) folgt man gern und mit anhaltender Spannung. Großer Beifall! sis

Beeindruckendes Erzähltheater: Rocco und seine Brüder

Der junge Regie-Star Simon Stone bringt eine gelungene modernisierte Fassung des Luchino-Visconti-Films in die Kammerspiele
Premiere am 14. Oktober
Dauer ca. 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

Na also, Neu-Intendant Matthias Lilienthal macht nicht nur Denk-, sondern auch Erzähltheater: Mit "Rocco und seine Brüder" lässt er die Geschichte einer mittellosen Familie auf die Bühne bringen, die nach dem Tod des Vaters ihr Glück fern vom Heimatort in einer großen Stadt sucht, inspiriert von Viscontis Film aus dem Jahr 1960 und nun vom australischen Regie-Nachwuchsstar Simon Stone in die Gegenwart übertragen. Mit den Fäusten wollen sich die fünf Parondi-Brüder ein besseres Leben erkämpfen. Doch die Welt des Boxens ist hart und gnadenlos, die Verhältnisse bleiben prekär - und die verbale und körperliche Kraftmeierei passt durchaus zum Milieu. Schlag auf Schlag wechseln die Schauplätze, die in Leuchtschrift angezeigt werden. Der prollige Simone gerät auf die schiefe Bahn und rivalisiert mit seinem anständigen älteren Bruder Rocco um die Liebe der Prostituierten Nadja, die eine absolut hinreißende Brigitte Hobmeier lebensklug, ordinär und zärtlich zugleich spielt. Die jungen Männer, teils neu an den Kammerspielen, halten wacker mit. Diese Runde geht auf jeden Fall schon mal an Newcomer Lilienthal und seine Mannschaft. sis

Skurrile Hinterlassenschaften eines Mythos: Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1&2

Rimini Protokoll ist mit kurzweiligem und wenig schockierendem Dokumentartheater zu Gast in den Münchner Kammerspielen
Premiere am 11. Oktober
Dauer ca. 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

Kurzweilig, interessant und sicher kein Schocker ist diese dokumentarische Collage zur Wirkungsgeschichte von Hitlers "Mein Kampf". Die renommierte Dokumentartheater-Gruppe Rimini Protokoll aus Berlin geht mit realen "Fachleuten" wie israelischen und deutschen Juristen, einem türkischen Hip-Hopper, einem Historiker und einem Blinden der Frage nach, was dieses Demagogie-Pamphlet heute für uns ist. Ab 2016 ist es urheberrechtefrei, darf also nachgedruckt werden. Ob das gruselige Propagandawerk jetzt viele lesen werden? Ist es neuer Zündstoff für Neonazis und Rechte? Ein bühnenfüllendes Klapp-Regal, das sich am Ende zu einer riesigen Werkausgabe schließt, ist Projektionsfläche für Textpassagen und ein bibliographischer Klettersteig für die "Forscher", die sich Buchstabe für Buchstabe ihrem Gegenstand nähern, mit dem sie auch mal Ping Pong spielen. Stapelweise Werkvarianten von Golddruck bis staubigem Dachbodenfund, von türkischem Manga bis japanischem "Hitler-Kit" illustrieren die teils skurrilen Hinterlassenschaften eines Mythos, der keiner mehr ist. Teils komisch, schwungvoll und ohne Tiefschürfung. Lebhafter Applaus. avs

Kammerspiel-Rockoper: Peaches Christ Superstar

Peaches' Performance nach Andrew Lloyd Webbers "Jesus Christ Superstar" in den Kammerspielen
Premiere am 10. Oktober
Dauer ca. 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

"I don’t know how to love him" – viele werden Maria Magdalenas Liebeslied aus Andrew Lloyd Webbers Rock-Musical "Jesus Christ Superstar" im Ohr haben. Nun, mehr als 40 Jahre nach dem Super-Erfolg der Siebziger, bekommen wir ein Remake, und zwar – oh Wunder – von Peaches, dem kanadischen "Bad Girl des Elektro-Punk", wie sie gern genannt wird, wohnhaft in Berlin. Matthias Lilienthal, der neue Kammerspiele-Intendant, bringt den Abend mit dem recht unbescheidenen Titel, der 2010 an seinem damaligen Theater Hebbel am Ufer (HAU) uraufgeführt wurde, von der Hauptstadt mit nach München. Sie liebe die Songs um die Gegenspieler Jesus und Judas seit Teenagerzeiten, erklärte Peaches damals. Es sei für sie eine "Herzensangelegenheit", die pompöse Bühnenmusik als reduziertes Kammerspiel auf die Bühne zu bringen. Sie singt alle Solorollen und alle Chorpartien allein, nur begleitet von Mathias Susaas Halvorsen am Klavier. Peaches habe mit ihrer Solo-Rockoper "Oberammergau für die Hipster-Familie" geboten, schrieb die SZ nach der München-Premiere: "Und die klatschte selig." sis

Assoziationsreicher Appell an die Menschlichkeit: Der Kaufmann von Venedig

Nicolas Steman bringt den Shakespeare-Klassiker in einer verfremdeten Fassung auf die Bühne der Münchner Kammerspiele
Premiere am 9. Oktober
Dauer ca. 2 Stunden 15 Minuten

Amüsant verfremdet und atomisiert ist Shakespeares Klassiker über Fremdheit, Ressentiments und die Herrschaft des Geldes. Sechs starke Darsteller (besonders Schmauser und Hess) spielen vor karger Silberfolienbühne in 20 wechselnden Rollen mit dem Text, rezitieren und singen ihn unter Übertiteln auf Bildschirmen. Geld ist, was zählt im alten Venedig. Was sind da Anstand, Liebe, Treue? Die Sprache geht auf Distanz, im Rollenwechsel verschwimmen Vorurteile, Schuld und Verantwortung Einzelner, sogar Rasse, Geschlecht und Religion. Shakespeares tief blickendes, umstrittenes Schauspiel dreht sich um den kommerziellen Erfolg als Lebensessenz und das Fremde, das man gern ausgrenzt. So den Finanzkapitalisten Shylock. Als Jude von Spott und Verachtung gedemütigt, verlangt er als Kreditpfand ein Pfund Fleisch seines reichen Schuldners Antonio. Da fordert die ehrenwerte Gesellschaft seine Vernichtung. Er soll bezahlen, mit Vermögen, Heimat und Existenz. Nicolas Stemann, neuer Hausregisseur bei Intendant Lilienthal, eröffnet mit dem assoziationsreichen Appell an Menschlichkeit und Empathie die Spielzeit: "Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht?" avs

 

Premieren im September 2015

Atemberaubender Blick in die Zukunft: Die Netzwelt

Amélie Niermeyer gelingt im Cuvilliéstheater die deutsche Erstaufführung von Jennifer Haleys Sci-Fi-Stück
Premiere am 26. September
Dauer ca. 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

Ein Paradies sinnlicher Verführungen ist die Netzwelt in diesem Sci-Fi-Krimi, dunkle, enthemmte Phantasien lassen sich in einem perfekten digitalen "Refugium" ausleben, ganz ohne reale Konsequenzen. Der Geschäftsmann Sims (Norman Hacker) betreibt das virtuelle Geschäftsmodell für Lust und Gewalt. Als ihn die strenge Ermittlerin Morris (Juliane Köhler) anklagt, rechtfertigt er sich mit der Freiwilligkeit und Fiktionalität der Rollenspiele. Morris schickt ihren Avatar, den verdeckten Ermittler Woodnut, los in die Netzwelt, und es beginnt ein Horrortrip ins unbewusste Ich. Wie der vom wirklichen Leben enttäuschte Lehrer Doyle sucht auch Woodnut eine Art Erlösung in dem virtuellen Club und will die neunjährige Iris (eine Entdeckung: Valentina Schüler) aus dem Bannkreis ihres Schöpfers "Papa" Sims befreien. Die deutschsprachige Erstaufführung des Stückes, von Amelie Niermeyer ("Was ihr wollt") unter Verzicht auf Schockeffekte mit Spielszenen und gebogener Videowand inszeniert, zeigt den Zusammenprall von Technologie und menschlichen Wünschen und fragt, ob Verantwortung und Ethik abdanken. Ein atemberaubender Blick in die Zukunft. avs

Subtile Effekte und innere Konflikte:
Prinz Friedrich von Homburg

David Böschs Kleist-Inszenierung am Residenztheater ist ein gelungener Saisonauftakt
Premiere am 25. September
Dauer ca. 1 Stunde 45 Minuten

Ein Traum kann schnell den Kopf kosten. Das merkt der Prinz von Homburg (grandios facettenreich: Shenja Lacher), Hoffnungsträger der Reiterei im Krieg gegen Schwedens Gustav Adolf. Eine Treppe aus schieferschwarzem Stein (Bühne: Frank Herold) ist die finstere Szenerie einer ganz vom Krieg beherrschten Welt. Homburg träumt von Natalie und verpasst die Gefechtsorder des Kurfürsten (menschlich: Oliver Nägele). Er prescht in der Schlacht auf selbstverliebtem Erfolgskurs drauflos - ein Ungehorsam, der zwar Preußen den Zwischensieg bringt, ihn jedoch vors Kriegsgericht. Zählt die Staatsordnung und Macht mehr oder Leben und Freiheit? Zwischen Todesangst und Todessehnsucht, Traum und Trauma schwankt Homburg im letzten Drama Kleists (kurz vor seinem Selbstmord). Erst als Homburg das Recht akzeptiert und "den Feind in uns, den Trotz, den Übermut" überwindet, wird Freiheit möglich. Burgtheaterregisseur David Bösch ("Peer Gynt") konzentriert den subtil gekürzten Blankverstext mit zurückhaltenden Effekten auf den politischen Konflikt und den psychologischen. Großer Applaus für die geglückte Eröffnung der Spielzeit unter dem Motto "Der Feind in uns". avs

Verwechslungskomödie mit finaler Pointe: Sein oder Nichtsein

Mina Salehpour inszeniert am Volkstheater Ernst Lubitschs Filmklassiker
Premiere am 24. September
Dauer ca. 1 Stunden 50 Minuten, eine Pause

Ganz leicht lässt sich aus einer Fliege ein Fliegeralarm machen. Die (Volkstheater-)Schauspieler machen es vor, sirren, brummen, bis die Gefahr hörbar ist und sie auseinander gehen müssen: Das Polski-Theater in Warschau muss schließen, weil die Nazis im Jahr 1939 in Polen einfallen. Witzige Einfälle hat Mina Salehpour für ihre Inszenierung von "Sein oder Nichtsein", ausgehend von dem Stück von Nick Whitby, welches wiederum auf dem Film von Ernst Lubitsch basiert. Eine polnische Theatertruppe übernimmt Nazi-Rollen im Kampf gegen einen Spion und sieht sich mit der echten Gestapo konfrontiert, was auch bei Salehpour zu einer Verwechslungskomödie mit viel Tür-auf-Tür-zu-Komik und Lust an der Charge führt. Gespielt wird in einem rot getränkten Raum zwischen Theater und Nazi-Hauptquartier, wobei statt Hakenkreuze Hanteln als Embleme des Dritten Reichs herhalten - die Nazis als tumbe Kraftmeier in der Muckibude des Faschismus. Das Ensemble bearbeitet die Lachmuskeln, Pascal Fligg und Mara Widmann als divenhaftes Schauspielerpaar vorne weg. Ein Spaß, harmloser als Lubitschs Klassiker, dafür mit finaler Pointe, die ins Flüchtlings-Heute reicht. mst

 

Die TheaGe-Kritiken zu den Premieren der vergangenen Spielzeit 2014/15

 

 

 

 Lehman Brothers / Foto: Thomas Dashuber

 

 

Figaros Hochzeit / Foto: Christian Friedländer

 

 

Iwanow / Foto: Matthias Horn

 

América / Foto: Arno Declair

América / Foto: Arno Declair

 

Vor dem Ruhestand / Foto: Andreas Pohlmann

 

Sie nannten ihn Tico / Foto: Daniel Delang

 

Dämonen im Volkstheater München / Foto: Gabriela Neeb

 

Wut an den Kammerspielen München / Foto: Thomas Aurin

 

 

Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg / Foto: Matthias Horn

 

 

 

 

War and Peace / Foto: David Baltzer

 

Katzelmacher am Volkstheater München / Foto: Gabriela Neeb

 

Hexenjagd / Foto: Thomas Aurin

 

50 Grades of Shame / Foto: Judith Buss

 

 

  

Geächtet im Residenztheater München / Foto: Matthias Horn

 

  

   

 

Caspar Western Friedrich in den Münchner Kammerspielen / Foto: Martin Argyroglo 

 

  

 

Die Odysse am Münchner Volkstheater / Foto: Arno Declair 

 

 

 

Der Spieler in den Münchner Kammerspielen / Foto: David Baltzer

 

Philoktet im Cuvilliéstheater München / Foto: Matthias Horn

 

Schuld und Sühne / Foto: Gabriela Neeb

 

Das goldene Vlies / Foto: Thomas Aurin

 

 

Handbuch für den Neustart der Welt / Foto: Arno Declair

 

Mittelreich / Foto: Judith Buss

 

 

 

 

Die Präsidentinnen / Foto: Gabriela Neeb

 

 

König Ödipus / Foto: Thomas Dashuber

 

Rocco und seine Brüder / Foto: Thomas Aurin

 

Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1&2 / Foto: Candy Welz

 

Peaches Christ Superstar / Foto: Dorothea Tuch

 

Der Kaufmann von Venedig / Foto: David Baltzer - Bildbühne

 

Die Netztwelt im Cuvilliéstheater München / Foto: Thomas Dashuber

Die Netztwelt im Cuvilliéstheater München / Foto: Armin Smailovic

 

Prinz Freidrich von Homburg am Residenztheater München / Foto: Andreas Pohlmann

 

Sein oder Nichtsein am Volkstheater München / Foto: Arno Declair

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