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Theatergemeinde München

Kulturvielfalt zum ermäßigten Preis

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Theaterkritiken der Spielzeit 2014/15

Premieren im Juli 2015

Rasantes Familiendrama: Eine Familie

Tina Lanik bei ihrer Tracy-Letts-Inszenierung die richtige Mischung aus Exaltiertheit und Ernst
Premiere am 3. Juli
Dauer ca. Stunden, eine Pause

Vom ersten Stock direkt in die Abgründe: In Tracy Letts tragikomischem Familiendrama prallen Generationen und Charaktere in rasanter Fahrt aufeinander. Höhepunkt ist – nicht überraschend, aber ein Vergnügen mit Gänsehaut - das Essen anlässlich der Beerdigung von Familienoberhaupt Beverly Weston, einem pensionierten Professor, Lyriker und Alkoholiker, der sich im nahen See ertränkt hat – nicht ohne vorher seiner tablettensüchtigen und an Krebs erkrankten Frau eine indianische Pflegerin ins Haus zu holen. Charlotte Schwab, Gast am Resi, brilliert als "Muttermonster" (Münchner Merkur) Violet, die den drei Töchtern, die samt Partnern und Enkelin in die "Prärie" kommen, ihre als Wahrheiten getarnten Bosheiten serviert. Ihr virtuoser Widerpart: Sophie von Kessel als älteste Tochter Barbara, deren Ehe gerade scheitert und deren Teenager-Kind die Pubertät auslebt. Und natürlich gibt es Familiengeheimnisse, die sich nun nicht mehr im üppig ausgestatteten Elternhaus verstecken lassen. Regisseurin Tina Lanik und den bestens aufspielenden Akteuren gelingt die genau richtige Mischung aus Exaltiertheit und Ernst. Das Publikum dankt's mit viel Applaus. sis

 

Premieren im Juni 2015

Furios bis nachdenklich: Antonius und Cleopatra

Thomas Dannemann inszeniert Shakespeares Drama am Residenztheater
Premiere am 12. Juni
Dauer ca. 3 Stunden 40 Minuten, eine Pause

Antonius (Manfred Zapatka) mit der schmalen Schönheit Cleopatra (Hanna Scheibe) im Bett in Aktion. Ein überzeugender Auftakt auf rotierender Hotelzimmer-Bühne, denn hier: "dreht" es sich um den dramatischen Absturz von einem, der mitten im Bürgerkrieg vor lauter Glück Macht und Leben nicht mehr auseinanderhält. Antonius ist ein alternder Kriegsstar, der nach dem Mord an Cäsar Triumvir wurde, an der Seite des Karrieristen Oktavian und des schwachen Lepidus. Beinahe schon Herrscher der größten Weltmacht, verliert er im weichen Bett der Fremden den Kopf, und ganze Reiche gehen zu Bruch. Da hilft es auch nicht, dass die rivalisierenden Konfliktparteien in Rom Oktavians Schwester als Ehe-Pfand an ihn verscherbeln, um den brüchigen Frieden zu retten. Thomas Dannemann inszeniert mit rasantem Szenenwechsel. Zwischen ruhige klassische Szenen setzt er knallige Partydröhnung, wenn ein (Schein-)Sieg gefeiert wird, und kabarettistische Slapsticks zwischen Mafia und Al Kaida, die den waffenstrotzenden römischen Militarismus mit den Bildern der Gegenwart versetzen. Furios bis nachdenklich, eine Aufführung, die "besticht mit grimmigem Aberwitz" (SZ). avs

 

Premieren im Mai 2015

Leichte Sommerkomödie: Ich Ich Ich

Martin Kušejs Inszenierung von Eugène Labiches Salonkomödie am Residenztheater
Premiere am 21. Mai
Dauer ca. 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause

Die frische Neuauflage eines Salonkomödien-Klassikers: Das ist Martin Kušejs Coup fürs Saisonfinale, der sonst als kantiger Regisseur wild-spröder Stoffe wie "Faust" bekannt ist. Um den ziemlich neurotischen Zocker Dutrécy (Markus Hering) schart sich eine bornierte und gierige Gesellschaft. Alles dreht sich um Geld, Immobilien und aus dem Ruder laufende Gefühle. Spekulationsfieber und der spürbare Zorn der Besitzlosen auf der Straße lassen die Stimmung hochkochen. Generationenkonflikte, Anti-Aging-Wahn, hypochondrische Seuchenangst und Liebeswirren erzeugen einen rasanten emotionalen Tanz auf dem Vulkan. Präsentiert mit schlagfertigem Witz, mildem Spott und einem Humor, der bei aller Schärfe am Ende nicht verletzt. Eine funkelnd bösartige Komödie vom Großmeister Labiche als Koproduktion des Residenztheaters mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen. Es glänzt die Schauspielercrew mit Johannes Zirner, Nora Buzalka, Oliver Nägele, Götz Schulte u.a. Eine perlend leichte Sommerkomödie für unsere selbstverliebte Spätkapitalismus-Gesellschaft. Prost! avs

 

Premieren im April 2015

Morbide, kess und komisch: Caligula

Lilja Rupprecht schafft in ihrer Camus-Inszenierung am Volkstheater starke Bilder
Premiere am 30. April
Dauer ca. 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

Das Wort "Nichts" hört man gleich mehrmals am Anfang. Es eröffnet Albert Camus' Stück "Caligula" von 1938. Nichts weiß man über den Verbleib des römischen Kaisers, der den Tod seiner Schwester betrauert. Nichts trägt dann auch Max Wagner als Caligula. Mit schlammverschmiertem nackten Körper taucht er auf: ein Herrscher, aller zivilisatorischen Gepflogenheiten entkleidet. Starke Bilder erzeugt Regisseurin Lilja Rupprecht, nutzt die Wände des kargen, mit hohen Türen versehenen Saals (Bühne: Anne Ehrlich) auch als Leinwand für Videos, in denen Caligula u.a. durch Landschaften wandert, sein Rücken zum Publikum wie in einem Gemälde von Casper David Friedrich. Der Kaiser macht sich zum Einsamen, ist ein Narziss, der sich in Spiegelwänden reflektiert. Seine Verbündeten bringt er mit seiner mörderischen Logik gegen sich auf. Max Wagner führt als entspannter Nihilist das sehr spielfreudige, knackig-nackige Ensemble bei dieser Tour de Force zwischen Gewalt und Zärtlichkeit, Leere und Lachen an. Der Raum öffnet sich für den Showdown mit den Untertanen und einen Schwanentanz, der so morbide, kess und komisch ist wie die ganze Inszenierung. Klasse! mst

Eigenwilliges Polit-Popourri: Hoppla, wir sterben!

Johan Simons inszeniert zu seinem Abschied an den Münchner Kammerspielen ein Auftragswerk von Arnon Grünberg
Premiere am 29. April
Dauer ca. 2 Stunden, keine Pause

Hoch auf lodert das Lagerfeuer auf nachtschwarzer Bühne: Erzählzeit, von alters her. Arnon Grünbergs Geschichte, ein Auftragswerk für die Kammerspiele und Johan Simons Abschiedsinszenierung, handelt von unserer Gegenwart und hat zwei Stränge: den arabischen Shopping- und Medizintourismus und den Krieg in Afghanistan. Die Reichen aus den Emiraten werden vom sechssprachigen "Diskreten" (André Jung) betreut, der die besten Ärzte bei Impotenz und die schönsten Sehenswürdigkeiten kennt. Auch Zmarak, Ex-Dolmetscher der Deutschen in Afghanistan, ist hier gelandet - als Verkäufer im Nobelladen. Wie in einer Revue reihen sich die teils faszinierenden, teils seltsamen Episoden zwischen Hindukusch und Obersalzberg aneinander. Frau Fuchs (Annette Paulmann) wartet mit ihren Töchtern auf den in Afghanistan entführten Mann, Oberstleutnant Fuchs. Trösten lassen sich die Frauen vom zackigen "Beinlosen", der seine Potenz mit Gerede von neuen Menschen und blonden Müttern verbindet. Und sogar die Kanzlerin kommt vorbei. Ein eigenwilliges Polit-Potpourri, befeuert vom hochkarätigen Kammerspiele-Ensemble. Wir werden es vermissen. sis

 

Premieren im März 2015

Düster-poetisches Körpertheater: Camino Real

Sebastian Nübling gelingt an den Kammerspielen eine weitere Tennessee-Williams-Inszenierung
Premiere am 28. März
Dauer ca. 1 Std. 50 Minuten, keine Pause

Bestes Körpertheater: die Szene, in der sich die Hure und Puffmutter Sandra Hüller uder fragile Fremdling Risto Kübar nahe kommen - zwei Menschen, die nie Nähe kannten. Das ist so abgrundtief traurig wie komisch und greift einem ans Herz. Nach seinen gefeierten Inszenierungen von "Endstation Sehnsucht" und "Orpheus steigt herab" ist Regisseur Sebastian Nübling mittlerweile ein echter Tennessee-Williams-Spezialist. "Camino Real" ist ein Fiebertraum zwischen Halluzination und magischem Realismus. Eine Straße nach Süden, zwischen Absteigen und Luxus. Verflossene Berühmtheiten und schräge Existenzen sind hier gestrandet. Für die einen ist das Durchgangs-, für die anderen Endstation. Von kühlem Elektrosound untermalt, prallen beinharter Überlebenskampf und die Sehnsucht nach Liebe aufeinander. Riesenkuscheltiere auf der Bühne stehen für die Hoffnung auf emotionale Wärme. Das Ensemble brilliert in der düster-poetischen, atemlos körperbetonten Inszenierung mit Eindrücken, "... grandios und von subkutaner Wucht" (SZ). avs

Überbordendes Gaudi-Spektakel: Siegfried

Christian Stückl bringt Feridun Zaimoglus und Günter Senkels polternde Helden-Parodie ins Volkstheater
Premiere am 27. März
Dauer ca. 3 Stunden, eine Pause

Was haben Feridun Zaimoglu und Günter Senkel dem Volkstheater da nur für ein Stück geschrieben: eine polternde Parodie auf den Heldenmythos "Siegfried", strotzend vor Schimpfwörtern, triebgesteuert und voller Szenen, die eigentlich kein Mensch auf die Bühne bringen kann. Aber: Christian Stückl kann's. Und er macht nicht nur das Beste, er macht was Tolles draus: ein überbordendes Spektakel zwischen Monty Python, Asterix und zünftiger Volkssause, mit riesigem Pappmaché-Drachen, Aerobic-Walküren, schimpfendem Zwergenkönig und einem Siegfried, der sich sogar unsichtbar machen kann, weil Stückl und sein Team auch dafür eine witzige (Kostüm-)Lösung gefunden haben. Jakob Geßner ist die Idealbesetzung für den Siegfried: Perfekt durchtrainiert gibt er den tumben Kraftlackl mit körperpräzisem, smarten Witz. Dazu eine flotte Band, ein Bühnenbild mit Überraschungen (Stefan Hageneier) und ein von Kopf bis Fuß auf Farce eingestelltes Ensemble. Darunter Robert Joseph Bartl als Siegfrieds geplagter Hauslehrer sowie als Barbarin Brunhild, wobei Bartl ein paar schöne dramatische Nuancen in den derben Spaß einflicht. Eine Gaudi - und Geschmacksache! mst

Großartige Frauenriege: Drei Schwestern

Tina Lanik bringt ein überlegte und textgenaue Tschechow-Inszenierung auf die Bühne des Residenztheaters
Premiere am 25. März
Dauer ca. 3 Stunden, eine Pause

Die Bäume gedeihen prächtig, doch die Menschen schlagen keine Wurzeln. Für Olga, Mascha und Irina ist diese Gummistiefel-Idylle irgendwo in der Provinz der falsche Ort. "Nach Moskau" heißt der Sehnsuchtsruf der drei Schwestern. Dort sind sie aufgewachsen, dort wollen sie wieder glücklich sein. Jetzt aber führen sie ein Leben im Wartestand: Die Lehrerin Olga als frustrierte Älteste zwischen Sorge und Suff (Juliane Köhler), die enttäuschte Mascha (Hanna Scheibe) mit der großen Klappe und dem ungeliebten, permanent Frohsinn verströmenden Ehemann und Nesthäkchen Irina (Valerie Pachner), die nach geplatzter Hochzeit – vielleicht - den Aufbruch wagt. Eine großartige Frauenriege stellt Regisseurin Tina Lanik für ihre sehr überlegte, unaufgeregte und textgenaue Inszenierung in den Bühnenwald, in dem sich so manches Geheimnis verbergen lässt. Shenja Lacher brilliert als Bruder, auf dem alle Hoffnung ruht, und der, obwohl er auf ganzer Linie scheitert, anrührend und komisch zugleich sein kleines Glück beschwört. Gern und mit Spannung folgt man ihm und den Spuren der Schwestern durch ein Dickicht, aus dem sie sich nicht befreien können. sis

 

Premieren im Februar 2015

Kunstvoll-beklemmende Bildtableaus: Jagdszenen aus Niederbayern

Residenztheater-Intendant Martin Kušej gelingt an den Kammerspielen eine sozialrealistische Inszenierung des Martin-Sperr-Stücks
Premiere am 21. Februar
Dauer ca. 1 Std. 45 Minuten, keine Pause

Wuchtige Szenen von atmosphärischer Dichte, krass ausgeleuchtet, vor roher Bretterwand und Beton. Residenztheater-Intendant Kušej, Regiegast an den Kammerspielen, rollt Sperrs Heimatstück des ländlichen Grauens vom Ende her auf. Es beginnt mit einem Knalleffekt: dem Lynchmord an Abram (großartig: Katja Bürkle). Der schwule junge Außenseiter hat das leichte Mädchen Tonka (Anna Drexler) im Affekt umgebracht. In der bleiernen Enge eines Dorfes nach dem Krieg lassen die Menschen ihren Druck und ihre Einsamkeit an einem Andersartigen aus, den sie mit erbärmlicher Moralhuberei und Mordlust jagen. Sogar Abrams Mutter (beeindruckend: Gundi Ellert) verleugnet ihren Sohn, der nach dem Gefängnis in diese perfide Gemeinschaft zurück wollte und sich deshalb an Tonka heranmachte. In dem sozialrealistischen Milieu aus Mord und Selbstmord, Verrat und Misshandlung sind die Opfer auch Täter, die Täter Opfer. Schauriger Höhepunkt von Kušejs kunstvollen Bildtableaus zu beklemmender Musik: ein Schlachttag. Am Ende ist die letzte Szene des Dramas, der Beginn der Geschichte, schon der Auftakt zur nächsten Hatz? Großer Jubel. avs

Das vielschichtige Wesen des Dichters: Torquato Tasso

Philipp Preuss bringt eine kluge, nuancenreiche Goethe-Inszenierung auf die Bühne des Residenztheaters
Premiere am 20. Februar
Dauer ca. 2 Stunden, keine Pause

Das Publikum soll der Souverän sein. Deshalb ist die Rolle des Herzogs von Ferrara, Tassos Mäzen, gestrichen, deshalb setzt sich das schwarz-rote Halbrund des Resi-Zuschauerraums auf der Bühne fort. Verhandelt wird das komplizierte Verhältnis von Künstler und Gesellschaft, anfangs ein sehr erfreuliches, denn der Hof in Gestalt zweier adliger Frauen namens Leonore (Sibylle Canonica, Nora Buzalka) liebt den Dichter Tasso und sein Werk gleichermaßen, bekränzt ihn mit Lorbeer. Bis der Poet mit dem Politiker Antonio (Norman Hacker als herrlich eitler Macher) in Streit gerät und sich fortan zwischen Freiheitsdrang und Abhängigkeit, zwischen dem Wunsch nach Autonomie und dem nach Anerkennung und Liebe zerrissen fühlt. Valery Tscheplanowa bezaubert als zarter androgyner Tasso mit klugem Spiel und nuancenreicher Stimme, oft begleitet von einem Frauenchor als Ausdruck des vielschichtigen Wesens des Dichters. Der Zuschauer kann sich ganz auf Goethes Sprachkunstwerk konzentrieren und genauso gut der Künstlerverehrung in Zeiten der Popkultur nachspüren – beides lässt die anspruchsvolle Inszenierung von Philipp Preuss zu. sis

Zeitkritik, Humor und Musik: Ekzem Homo

Gerhard Polt und die Well-Brüder aus'm Biermoos kehren in die Kammerspiele zurück
Premiere am 7. Februar
Dauer ca. 2 Stunden, eine Pause

Vom Rang ragen Alphörner: Klangliche Einstimmung auf Gerhard Polt und die drei Wellbrüder in ihrer neuen, bejubelten Kammerspiele-Produktion über den Menschen, der sich nicht selten als "Gesinnungsgrattler" und "Zwischenwirt" für Parasiten, Viren, Waffenhändler und Religionen entpuppt, und natürlich über den bayerischen Menschen im Besonderen. Gerhard Polt begeistert als philosophisch kundiger, grantelnder "Menschenhirnversteher" (SZ) - immer ein Meister hintersinnigen Humors und geistreicher Zeitkritik, egal, ob er Enkel Geoffrey (sprich: Geofrei) die Demokratie erklärt, in die Soutane eines indischen Aushilfspfarrers schlüpft oder der Pflegeversicherung misstrauend sich im Netz eine schwarze Helferin "fischt", die wiederum bei Lampedusa aus dem Meer "gefischt" wurde. Die Wellbrüder bestechen wie immer musikalisch, etwa mit einem Klasse-Rap über das bayerische G 8 ("Veni, vidi, fick di"). Da braucht es die Grill- und Lärmfehden über den nachbarlichen Gartenzaun hinweg nur als wahrhaft klapprigen Rahmen. Wenn die Vier auf die Bühne kommen, ist zwar nichts gut nebenan und auf der Welt, aber jetzt gerade macht's nix. sis

 

Premieren im Januar 2015

Pure Sprachkraft, ohne Regiemätzchen: Maria Stuart

Regisseur Andreas Kriegenburg inszeniert Schillers großes Drama ungewohnt zeitlos und staatstragend
Premiere am 31. Januar
Dauer ca. 2 Stunden 50 Minuten, eine Pause

Schillers großes Drama um Macht, Moral und Religion als Schaustück purer Sprachkraft, ohne alle Regiemätzchen. In einem schwarzgrauen Kerker aus Steinkuben schmachtet Maria (Brigitte Hobmeier als finstere Tragödin zwischen Schuld und Rache) die letzten Tage vor ihrer Hinrichtung. Wenn sich die Decke öffnet, quietschend wie ein Schafott, wird das Verlies zum Hof Elisabeths (Annette Paulmann, schwankend zwischen Staatsräson und Mitgefühl). Auch er ist ein Kerker, Gefangene sind beide Königinnen. Marias Tod ist seit 19 Jahren beschlossen. Elisabeth muss nur den letzten Befehl geben, dann ist die schöne Konkurrentin um den Thron aus dem Weg. Die Waffen sind Kalkül, Intrigen, Manipulation und Verrat - ganz wie in der höfischen Männerwelt der steifen Strippenzieher in schwarzen Handschuhen. Was bleibt am Ende, außer Tod, Kälte und Einsamkeit? Regisseur Andreas Kriegenburg vom Deutschen Theater Berlin, zuletzt in München mit dem "Ring" an der Staatsoper und in den Kammerspielen u.a. mit "Der Prozess" und "Die drei Schwestern" herausragend, inszeniert hier ungewohnt zeitlos und staatstragend. Großer und langer Beifall. avs

Schön, ernst und aktuell: Nathan der Weise

Christian Stückl gelingt am Volkstheater eine klug reduzierte Lessing-Inszenierung
Premiere am 24. Januar
Dauer ca. 3 Stunden, eine Pause

Manche Fragen lassen sich schwer beantworten: Welche Religion die einzig wahre sei, möchte Sultan Saladin (Pascal Fligg) von dem Juden Nathan wissen, und wie der famose, von der Last der Weisheit nicht niedergedrückte, sondern biegsam-leichte August Zirner dann die Ringparabel erzählt, auf der welligen Holzbodenlandschaft im Volkstheater (Bühnenbild: Stefan Hageneier), das allein ist schon ein Erlebnis. So fein, so klar artikuliert spricht er, dass man einfach zuhören muss. Und ums Zuhören geht es ja in "Nathan der Weise": Die Religionen sind im Clinch zu Zeiten der Kreuzzüge, der Blick geht zurück und direkt ins Heute in dieser klug reduzierten, schön ernst gespielten, auf den Text konzentrierten Inszenierung von Christian Stückl. Ein Tempelherr hat Nathans Tochter gerettet, die Liebe schlägt zu, wobei die Verwandtschaftsverhältnisse jede Religionszuweisung sprengen. Jakob Gessner geht als Tempelherr schon sehr in den Sturm und Drang, aber es ist nun mal ein leidenschaftliches Plädoyer für Toleranz, was Stückl da inszeniert. Der Coup der Saison ist das, aktueller geht’s nicht, und nach drei starken Theaterstunden sind auch wir ein wenig weiser. mst

Boulevard auf Staatstheater-Niveau: Gefährliche Liebschaften

Katrine Wiedemann zeigt mit dem Ensemble des Residenztheaters im Cuvilliéstheater eine jugendfreie Version des französischen Libertinage-Romans von Choderlos de Laclos
Premiere am 17. Februar
Dauer ca. 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause

So viele Betten: 50 klinisch weiße Schlaflager sind zur Pyramide, zur Schürzenjäger-Installation gestapelt. Hier wird die 15-jährige Klosterschülerin Cécile de Volanges ihre Unschuld und dann ihr Kind verlieren, hier wird die sittsame verheiratete Madame de Tourvel doch noch schwach werden, hier zwischen den Laken spinnen die Marquise de Merteuil (Michaela Steiger) und ihr Ex-Liebhaber Vicomte de Valmont (Michele Cuciuffo) ihre Intrigen und Ränke. Denn "Liebe ist etwas, das man benutzt, nicht etwas, dem man verfällt", lautet das Motto der Marquise, die von Valmont die Entjungferung Céciles fordert, um deren künftigen Ehemann zu blamieren. Valmont, ein Schwerenöter mit Latin Lover-Charme, wiederum will endlich die einzige Frau, die ihm widersteht, herumkriegen. Die dänische Regisseurin Katrine Wiedemann inszeniert Christopher Hamptons Bühnenfassung der berühmten Rokoko-Bettgeschichte, mit der Choderlos de Laclos die Verdorbenheit des Adels kritisieren wollte, mit Witz und Pep – und gebremster Erotik. "Boulevard auf Staatstheater-Niveau", lobt der Münchner Merkur, "gediegen, jugendfrei und dennoch sehr unterhaltsam". sis

Bildgewaltiges Inferno voller Spielfreude: Baal

Frank Castorf bringt Bertolt Brechts Frühwerk als rauschenden Bühnenexzess ins Reidenztheater
Premiere am 15. Januar
Dauer ca. 4 Stunden 30 Minuten, eine Pause

Rauschender Bühnenkoller und Poesie, politisches Pamphlet und Exzess und natürlich die Provokation als Markenzeichen - bei Frank Castorf kriegen Sie alles aus einer Hand. Brechts unersättlichen Lustkünstler Baal (Aurel Manthei als explosiver Kraftklotz), der die Frauen überwältigt, verpaart der Regisseur mit den Kriegen von Indochina und Vietnam, die Millionen nach kolonialistischer Manier niedermachten. Francis Ford Coppolas "Apocalypse now" dient passend als Video-Hintergrund, wie auch Sartres Anti-Kolonialismus-Texte und Rimbaud-Verlaine-Lyrik. Starke Bilder und Effekte erinnern an Tarantinos Kino. Ein totes Schwein, mal Lustobjekt, mal Grillgut, insinuiert, was der Mensch ist. Räucherstäbchen und Kunstnebel verhängen die Bühne wie ein Inferno. Das fulminante Bühnenlabyrinth Aleksandar Denics ist ein Militärcamp mit Army-Hubschrauber und übereinander geschichteten Tempel- und Barackenteilen, Videokameras übertragen Sex- und Drogenszenen aus dem Off. Viereinhalb Stunden zwischen Lust, Qual und großer Spielfreude der Schauspieler. Das Premierenpublikum: leicht dezimiert, aber gut gelaunt! avs

 

Premieren im Dezember 2014

Verdichtete Machtspiele: Exiles

Luk Perceval bringt James Joyces einziges Drama auf die Bühne der Kammerspielen
Premiere am 19. Dezember
Dauer ca. 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Sie ziehen ihre Bahnen wie die Gestirne am Bühnenhimmel: Mal berühren sie sich fast, dann entfernen sie sich wieder voneinander und nähern sich einem anderen Stern. Tatsächlich kreisen die zwei Paare in Luk Percevals Regie wie einsame Planeten umeinander und um ihre verkorksten Beziehungen. Sie sprechen wenig, machen lange Pausen, stehen herum und schauen aneinander vorbei – manchmal unterbrochen von einem hysterischen Lachanfall oder einem plumpen Tänzchen. Richard (Stephan Bissmeier) hat wohl einst Beatrice (Marie Jung) geliebt, ist aber bei seiner Frau Bertha (Sylvana Krappatsch) geblieben, die vielleicht Robert (Kristof Van Boven) begehrt, der es aber wiederum auf seine Cousine Beatrice abgesehen haben könnte. Wer mit wem und warum (nicht) in diesem Quartett, ist längst unwichtig. Joyces einziges, kaum aufgeführtes Drama von 1919, das Perceval weiter verdichtet hat, kennt nur noch Machtspiele statt echter Gefühle, Behauptungen statt Aufrichtigkeit. Das ist ganz anders bei einem Hund womöglich, der als riesengroßes Bühnen-Porträt mit treu-traurigen Augen auf diese armen Menschlein blickt. sis

 

Premieren im November 2014

Wunderschön und traurig: Kasimir und Karoline

Hakan Savaş Mican inszeniert am Volkstheater Ödön von Horváths Sozialdrama subtil als melancholischen Rummelplatz der Gefühle
Premiere am 28. November
Dauer ca. 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

Schnell geht das mit dem Auf- und Abstieg in Zeiten von Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit: Auf der Bühne des Volkstheaters steht, schlicht und effektiv, eine Treppen-Tribüne, auf der Kasimir und Karoline ihr Beziehungsdrama durchspielen - die Liebe nun mal auch eine Folge von Hochs und Tiefs. Auf dem Oktoberfest, das in Hakan Savaş Micans Inszenierung in knalligen Luftballons, Popcorn und Lollis präsent ist, treffen sie sich, aber Kasimir ist verstimmt, weil er seinen Job als Chauffeur verloren hat. Jean-Luc Bubert legt ihn voller Energie als liebenswerten Kerl an, dem aber schnell mal die Hutschnur platzt, was wiederum seiner Karoline, von Xenia Tiling mit viel Amüsierwille und später sanfter Melancholie gespielt, gegen den Strich geht. Sie verlieren sich aus den Augen, geraten in falsche Gesellschaft: Karoline ist empfänglich für die tölpelhafte Anmache des Schürzenjägers Schürzinger (Oliver Möller) und verdingt sich als Amüsiermädchen zweier Honoratioren. Kasimir hingegen besäuft sich mit seinem Kleinganoven-Kumpel (Pascal Riedel) und bandelt mit dessen herziger Freundin Erna (Mara Widmann) an. Hat die Liebe eine Chance? Musikalisch begleitet wird der subtil inszenierte Rummelplatz der Gefühle von Enik, der als Clown verkleidet am Klavier sitzt. Im Gesang ist die Feiergemeinschaft vereint, aber am Ende singt nur Erna, wunderschön und traurig. mst

Gruselig-großartiges Theater: Warum läuft Herr R. Amok?

Susanne Kennedy beeindruckt mit ihrer Bühnenversion des Fassbinder-Films an den Kammerspielen
Premiere am 27. November
Dauer ca. 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

Die Gesichter sind starr in Silikonmasken gepresst, die Stimmen kommen playback - und dann stehen die fünf Personen noch wie eingefroren in einem fensterlosen Bretterkasten. Nein, hier möchte man nicht sein, so kann man doch nicht leben. Dabei scheint der Alltag der Familie R. ganz normal: Wir sehen kurze, oft komische Szenen im Wohnzimmer, bei der Lehrerin, im Lokal oder in der Firma, wo Herr R. arbeitet. Susanne Kennedy hat für ihre Inszenierung des Fassbinder-/Fengler-Films von 1970 eine faszinierende Versuchsanordnung gewählt: Herr R. wird im Wechsel von drei Akteuren in gleichen Klamotten dargestellt und auch die zwei Schauspielerinnen tauschen ebenso schnell Perücken wie Identitäten. Die Texte, gesprochen von Laien, werden eingespielt, und den Raum gibt es doppelt, nämlich nochmal auf Video. Wer bin ich und wenn ja wie viele? Und was passiert, wenn einer Person die eigene Stimme, die eigene Mimik, die ganze Individualität genommen ist? Der unauffällige Herr R. jedenfalls wird am Ende zum Mörder. Kein Wohlfühlabend, aber dank der konsequenten Regie und des beeindruckenden Ensembles gruselig-großartiges Theater! sis

Erfrischend kraftvoll: Peer Gynt 

David Bösch gelingt eine psychologisch-philosophische Ibsen-Inszenierung am Residenztheater
Premiere am 14. November
Dauer ca. 2 Stunden 15 Minuten, eine Pause

Peer (Shenja Lacher) ist ein aufbrausender Schalk mit einem Kinderherz, der große Sinn-Sucher in der Literatur, neben Faust. Seine Liebe zu Solveig (Andrea Wenzl) ist das warme, rote Zentrum dieser Aufführung, die mit vielen schönen Einfällen verdichtet und verzaubert. Ein kahler Wald voll Nebel und Geheimnis, in dem Peer mit seiner Mutter Aase (Sibylle Canonica) in einem gammligen Wohnwagen haust, wird mit leuchtenden Girlanden zu einem Fest-Szenario, mit schwebenden Bäumen zur unheimlichen Welt der bösen Trolle. Aus den Träumen treibt es Peer nach der Pause ins krachend frühkapitalistische Amerika. Er versucht sich als Reeder und Forscher, irrt als Prophet durch das ausgepowerte Afrika, schließlich landet er im Irrenhaus, und am Ende zurück in der norwegischen Heimat. Die Sehnsucht nach einem festen Zentrum in sich, einem tragenden Wertsystem, ist sein Stachel, aber auch unbändiger Freiheitsdurst nach Selbstverwirklichung, nach dem optimalen Leben. Das kommt uns bekannt vor? David Bösch ("Orest") inszeniert im Raum zwischen Psychologie und Philosophie, erfrischend kraftvoll und fabulierfreudig. Toll! Langer Jubel. avs

 

Premieren im Oktober 2014

Dichte, spannungsgeladene Atmosphäre: Woyzeck

Abdullah Kenan Karaca inszeniert Georg Büchners Dramenfragment im Volkstheater
Premiere am 23. Oktober
Dauer ca. 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

Das Leben - ein Kraftakt. Woyzeck stemmt sich an zwei Ringseilen in die Höhe, hängt kopfüber über dem Boden, während der Arzt ihn auffordert, auch noch mit den Ohren zu wackeln. Der Soldat steht unter Dauerstress: In seiner Inszenierung von Büchners Dramenfragment "Woyzeck" fasst Abdullah Kenan Karaca das zersprengte Umfeld Woyzecks - vom Arzt bis zum Tambourmajor - zu einer Tischgesellschaft zusammen, die Woyzeck immer wieder schikaniert. Hinten hat Bühnenbildner Davy Van Gerven eine betretbare Felslandschaft mit Wasserfall eingerichtet. Hier kommt der von Altan Sohel G. eindrücklich gespielte Woyzeck ins Träumen, hier zärtelt er am Anfang mit Marie (Magdalena Wiedenhofer) und berichtet seinem einzigen Freund Andrés (Mehmet Sözer) von Visionen, die ihn quälen. Geschickt werden einzelne Szenen verschränkt, etwa, wenn Woyzeck den Hauptmann rasiert, während der Tambourmajor sich hinten am Wasserfall an Marie vergreift. Karaca schleust Textstücke aus "Leonce und Lena" oder "Lenz" ein, erzeugt eine dichte, spannungsgeladene Atmosphäre, durch welche die Sprache Büchners plastisch dringt. Der "Idiot" Karl (Okan Cömert) ist der klarsichtige Angelpunkt inmitten einer Gesellschaft, in der jeder nur an sich denkt. Gegen sie versucht Woyzeck berührend sein Menschsein zu behaupten, um am Ende zum Täter zu werden.

Politisch korrekte Maskenspiele: Die Neger

Jean Genets Clownerie in Johan Simons Interpretation an den Kammerspielen
Premiere am 11. Oktober
Dauer ca. 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

Masken- und Schattenspiele in den Kammerspielen: Johan Simons inszeniert "Die Neger", eine "Clownerie", die der französische Skandalautor Jean Genet 1959 zur Zeit der kolonialen Befreiungskämpfe geschrieben hat, und stülpt dafür den Schauspielern gesichtslose Pappmaché-Eierköpfe über, schwarze mit gefaltetem Kopfputz und weiße ausgestattet mit den Insignien der Macht (Krone, Kreuz, Gesetzbuch). So tapsen die fast blinden Akteure um die nackte Leiche einer weißen Frau, die sich bald als wegschmelzende Wachsfigur entpuppt. War da was? In einem manchmal verwirrenden Spiel im Spiel stellt eine Gruppe Schwarzer den Mord an einer Weißen dar – vor dem weißen Hofstaat als Richter und Rächer. Dabei werden virtuos Rassenklischees und Vorurteile entlarvt: Sollen sich die Afrikaner doch endlich wie Wilde verhalten! Von der anfänglichen Aufregung, die Simons Koproduktion mit den Wiener Festwochen und dem Schauspielhaus Hamburg hervorgerufen hat wegen des Titels und der Tatsache, dass weiße Schauspieler als Schwarze agieren, ist nichts mehr zu spüren: Statt Provokation politisch korrekte Ästhetik – Farbspiele zum Weiterdenken geeignet. sis

Geschichtsunterricht: Hoppla, wir leben!

Anne Lenk wirft im Cuvilliéstheater einen leicht angestrengten Blick auf Ernst Tollers Stationendrama
Premiere am 9. Oktober
Dauer ca. 2 Stunden, keine Pause

Als politischen Frontalunterricht aus der Zeit der Weimarer Republik inszeniert Anne Lenk das selten gespielte Stück des Räterepublikaners Ernst Toller, das 1927 uraufgeführt wurde. Auf die Bühne ist eine Glaspyramide gebaut, Symbol für die hierarchische Gesellschaft, unten kann man nicht einmal stehen, oben herrscht der Minister. Je nach Szene werden unterschiedliche Glaskammern beleuchtet, alles andere liegt im Dunkeln. Die Schauspieler sprechen streng nach vorn. Nach dem Ende der bayerischen Räterepublik und acht Jahren Irrenhaus kehrt der junge Revolutionär Karl Thomas (Franz Pätzold) in eine fremde Welt zurück: Die Freundin ist mit den Frauenrechten verheiratet, der Ex-Genosse ein in Rüstungsgeschäfte verstrickter Minister, die Demokratie steht auf tönernen Füßen und jeder schaut, wo er bleibt. Pätzold gelingen viele kluge und anrührende Momente ebenso wie Oliver Nägele als gutgläubigem Holzhauser Bürger in Landestracht. Die Mächtigen sind bizarre Karikaturen, wie den Bildern von Otto Dix und George Grosz entsprungen. Trotz Anne Lenks leicht angestrengtem Lehrerinnenblick erleben wir eine durchweg interessante Geschichtsstunde. sis

 

Premieren im September 2014

Faszinierend-düstere Erkundungen: Das schweigende Mädchen

Johan Simons gelingt an den Kammerspielen eine weitere Jelinek-Inszenierung
Uraufführung am 27. September
Dauer ca. 2 Stunden, keine Pause

Sieben Figuren rezitieren diese düster-groteske, musikalische Sprechoper, eine mäandernde Textmontage aus Prozessprotokollen, Obduktionsberichten, Bibelzitaten. Die Fakten zu den rechtsradikalen NSU-Terrormorden werden dabei kurzgeschlossen mit der biblischen Heilslehre. Es sind drei "Engel"/Zeugen, verhüllt von schwarzen Kutten (Wiebke Puls, Steven Scharf, Benny Claessens), zwei "Propheten"/Tätereltern (Annette Paulmann, Hans Kremer), ein zarter stummer "Jesus" (Risto Kübar) und ein Richter mit braunem Brillenglas (Thomas Schmauser). Das Jüngste Gericht Jelineks ist eine irritierende, polemische Sprach-Erkundung unseres Gegenwartsbewusstseins. Wie konnte es 50 Jahre nach dem Holocaust zu diesem grotesken Greuelterror von rechts kommen, zu einem Biotop aus Hass, Vertuschung und Versagen? Unsere fassungslose Wut schreit zu Beginn Stefan Hunstein als Zuschauer heraus und packt, vor der Kulisse aus Versatzstücken des perversen "Pogromly"-Spiels der Täter, eine Kiste "Heimaterde" aus. Finster, faszinierend! Starker Applaus.

 

Gewitzt und ironisch: Kinder der Sonne

Csaba Polgár interpretiert im Volkstheater Maxim Gorki
Premiere am 25. September 2014
Dauer ca. 2 Stunden, eine Pause

Herrschaftlich sieht anders aus: Im Heim des Wissenschaftlers Protassow sind die Tapeten übel befleckt, Rohre winden sich an den Wänden, hin zum Whirlpool. Wobei hinten ein paar Patrioten heroisch posieren. Ein Rohr führt mitten durch den Raum - eine Stolperfalle für Protassows edle Gäste. Der (innere) Verfall breitet sich aus im herrlich trostlosen Bühnenbild dieser Volkstheater-Variante auf Gorkis "Kinder der Sonne" (1905), inszeniert von Csaba Polgár. Russlands Denker stolpern über ihre Affärchen, wobei Protassow (souverän verpeilt: Oliver Möller) die Fliehkräfte in seiner Frau (Barbara Romaner) ignoriert. Irgendwann brechen die Gefühle jedoch durch und zum Finale poltert gar der Revolutionsgeist, der mitsamt der Cholera draußen wütet, ins Biotop hinein. Die Ironie liegt in den Details - und in Songs wie "Wind of Change", schön (verlogen) gesungen vom deutsch-ungarischen Darstellerteam. Lachhaft sind die Schmalspurvisionäre und ihre Bediensteten - aber verschanzen wir uns nicht auch ins Private, vor all den Nachrichten, Ebola in Afrika, Krieg in der Ukraine? Dann lieber ins Theater gehen, wo uns gewitzt der Kopf gewaschen wird. mst

 

Großartige Darsteller im Schaukampf der Gefühle: Wer hat Angst vor Virginia Woolf?

Martin Kušejs brillante Inszenierung des Schauspiels von Edward Albee im Residenztheater
Premiere am 18. September 2014
Dauer ca. 2 Stunden, keine Pause

Die Ehe? Ein Psychonahkampf auf laborweißem Bühnenlaufsteg, davor ein Scherbenhaufen aus Gläsern und Flaschen, der immer höher wird. Die Liebe? Ein bisschen Nähe in der Erschöpfung, vor dem nächsten Stich bis ins Herz. Martha (eine grandios lasziv-aggressive Bibiana Beglau) hat spätnachts nach einer Feier im College, wo ihr Mann George ein mittelmäßiger Professor ist (Norman Hacker als rachedurstiger Loser), das junge Kollegenpaar Nick und Honey eingeladen: Johannes Zirner als smarter Karrierist und Nora Buzalka als Dummchen). Zwischen Flirt und Tanz, Drinks und funkelnden Wortgefechten entzündet sich ein Schaukampf der Gefühle, der schnell außer Kontrolle gerät. Was als geistreich-erotisches Gesellschaftsspiel beginnt, wird zum zügellosen Beziehungskrieg. Nichts bleibt bestehen: das gelebte Leben, Familie, Karriere, Glauben und Träume. Intendant Martin Kusej inszeniert den Saisonstart nicht als Soziogramm der 60-er Jahre zwischen Frust und Lebenslüge, sondern als hochkonzentriertes Liebesdrama, das die Schmerzpunkte findet. Wenn Sie "Der Gott des Gemetzels" amüsierte: Dieses Schauspielerfest ist die Steigerung! BR: "Brillant!" avs

 

Die TheaGe-Theaterkritiken der vergangenen Spielzeit 2013/14

 

 

Eine Familie / Foto: Matthias Horn

 

Antonius und Cleopatra / Foto: Matthias Horn

Antonius und Cleopatra / Foto: Matthias Horn

 

 

 

Ich Ich Ich am Residenztheater München/ Foto: Andreas Pohlmann

 

 

 

Caligula / Foto: Arno Declair

 

Hoppla, wir sterben! / Foto: JU - Ostkreuz

 

 

Camino Real / Foto: JU - Ostkreuz

 

 

Siegfried / Foto: Arno Declair

 

 

Drei Schwestern / Foto: Thomas Dashuber

 

 

 

Jagdszenen aus Niederbayern an den Kammerspielen München / Foto: JU/Ostkreuz

Jagdszenen aus Niederbayern an den Kammerspielen München / Foto: JU/Ostkreuz

 

 

Torquato Tasso Am Residenztheater München / Foto: Matthias Horn

 

Gerhard Polt in Ekzem Homo / Foto: Andrea Huber

Ekzem Hom in den Kammerspielen München / Foto: Andrea Huber

 

 

Maria Stuart - Kammerspiele München / Foto: Judith Buss

 

 

 

 

Nathan der Weise am Volkstheater München / Foto: Arno Declair

 

 

 

Gefährliche Liebschaften im Cuvilliéstheater MÜnchen / Foto: Tanja Dorendorf - T+T Fotografie

 

 

Baal im Residenztheater München / Foto: Thomas Aurin 

 

 

 

 

Exiles - Kammerspiele München / Foto: Judith Buss Photographie

 

 

 

 

 

Kasimir und Karoline am Volkstheater München / Foto: Arno Declair

 

 

 

 

 

 

Warum läuft Herr R. Amok? an den Kammerspielen München / Foto: Julian Röder - Ostkreuz 

 

 

Peer Gynt im Residenztheater München / Foto: Thomas Dashuber

 

 

 

 

Woyzeck im Volkstheater München / Foto: Gabriela Neeb

 

 

 

 Die Neger in den Kammerspielen München / Foto: Julian Röder - Ostkreuz

 

 

 

 

 Hoppla, wir leben! im Cuvilliéstheater / Foto: Thomas Dashuber

 

 

 

 

 

Das schweigende Mädchen in den Kammerspielen München / Foto: Julian Röder-Ostkreuz

 

 

 

Kinder der Sonne im Volkstheater München / Foto: Arno Declair

 

 

Wer hat Angst vor Virginia Woolf? im Residenztheater München / Foto: Andeas Pohlmann

Wer hat Angst vor Virginia Woolf? im Residenztheater München / Foto: Andeas Pohlmann

 

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