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Theatergemeinde München

Kulturvielfalt zum ermäßigten Preis

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Aktuelle Theaterkritiken 2018/19

Premieren im Juli 2019

„Agrippina“ im Prinzregententheater (Bayerische Staatsoper)

Oper von Georg Friedrich Händel
Musikalische Leitung: Ivor Bolton
Inszenierung: Barrie Kosky
Premiere am 23. Juli 2019

Ein eiskalter, zweistöckiger schwarz-silberner Kubus aus Metall, der sich immer wieder dreht, dessen Jalousien ver- und enthüllen können und der sich auch in drei Teile teilen lässt, bildet das Bühnenbild für Händels ersten Geniestreich „Agrippina“. Nach der letzten, deutsch gesungenen Inszenierung von 1966 ist er nun erstmals an der Bayerischen Staatsoper – im Prinzregententheater – im italienischen, fast ungekürzten Original zu erleben: in einer ungemein witzigen, spielfreudigen und spannenden Version von Barrie Kosky als Regisseur und Ivor Bolton am Pult. Jeder Figur dieser ausgefeilten, alle einbeziehenden Intrige von Agrippina, die ihren Sohn Nerone auf den Thron hieven will, schenkte der 24-jährige Händel eine eigene, originelle, scharf charakterisierende Musik, die zusammen mit einem brillanten Text einen unvergesslichen Abend garantiert. klk
 

„Liliom“ im Gärtnerplatztheater

Oper von Johanna Doderer
Musikalische Leitung: Michael Brandstätter
Inszenierung: Josef E. Köpplinger
Spielzeitpremiere am 6. Juli 2019 
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

Die abstrahierte Ringelspiel-Szenerie mit schwungvollen Walzerklängen zu Beginn der Oper kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieses Werk alles andere als eine heitere Vergnügungswelt darstellen wird. Hier treffen im Kern zwei Menschen aufeinander, die gnadenlos ihren menschlichen Defiziten ausgeliefert sind: Liliom, der Hallodri, der zuschlagen muss, weil er niemanden weinen sehen kann und in seiner Verzweiflung, nichts Vernünftiges zuwege zu bringen, sich umbringt. Julie, deren Liebe so übermenschlich groß ist, dass sie Liliom und das damit verknüpfte elende Dasein erträgt und sich und ihrem Kind die Welt schön lügt. Dieses Psycho-Kammerspiel spiegelt sich musikalisch wider in einem Wechselspiel zwischen opernhaft rauschender Orchesterfülle und fast atonalem Sprechgesang mit klaren, leitmotivischen Bezügen zu den Hauptfiguren. Diese, die in dem Spannungsfeld zwischen hilfloser Brutalität und ebenso hilfloser Hingabe an sich selbst zerbrechen, werden in präziser Personenregie geführt von Josef E. Köpplinger. Musikalisch wie immer brillant: Solisten, Ensemble und Orchester. Ein großer, berührender Abend mit viel Tiefgang!   s.l.
 

Premieren im Juni 2019

„Alles Weitere kennen Sie aus dem Kino“ im Münchner Volkstheater

Schauspiel von Martin Crimp nach Euripides' "Die Phönizierinnen"
Inszenierung: Mirja Biel
Premiere am 30. Juni 2019
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Klingt vernünftig: Zwei Königssöhne teilen sich die Macht. Während der eine herrscht, geht der andere ins Exil, nach einem Jahr ist es umgekehrt. Aber leider funktioniert in der Realität die Absprache nicht. Eteokles klammert sich an den Thron, worauf sein Bruder Polyneikes mit einem Heer Theben belagert, um sich mit Gewalt durchzusetzen. Am Schluss sind beide tot. Der Engländer Martin Crimp hat den antiken Stoff, der zwischen den Sophokles-Dramen „König Ödipus“ und „Antigone“ angesiedelt ist, für unsere Gegenwart „übersetzt“. Die Phönizierinnen, quasi der kommentierende Chor, sind in der schmissigen Inszenierung von Mirja Biel kecke Mädchen, die kichern, plappern, Stichworte geben, sich einmischen. Auf spärlich möblierter Bühne, die an einen maroden Palast erinnert, versucht Iokaste, Frau des gestürzten Ödipus, vergeblich, dem blutigen Treiben ihrer Jungs ein Ende zu bereiten. Doch eine politische Verständigung, gar Frieden ist für beide keine Option. Ein glänzendes Ensemble zeigt eine bittere Wahrheit. Alle weiteren Kriegsschauplätze kennen wir aus den Medien. sis
 

„Salome“ im Nationaltheater

Oper von Richard Strauss
Inszenierung: Krzysztof Warlikowski
Musikalische Leitung: Kirill Petrenko
Premiere am 27. Juni 2019

Richard Strauss hat die Juden in seiner Oscar-Wilde-Vertonung als keifendes Quintett dargestellt, doch Regisseur Warlikowski unterläuft das, indem er die ganze Oper von Juden gespielt zeigt, die sich in einer Talmud-Schule verschanzt haben: Von der Last der Bücher sind einige Bretter in der riesigen Bibliothek schon durchgebrochen, wie von Geisterhand öffnet sie sich beim Auftritt Jochanaans zum leeren Schwimmbecken – Anspielung auf die zum Hallenbad umfunktionierte Synagoge in Posen. Auch das Ende ist ein (Film-)Zitat: Wie Charlotte Rampling in „Der Nachtportier“ einen Karton mit dem Kopf eines KZ-Mithäftlings in die Hand gedrückt bekommt, so Salome eine würfelförmige Metall-Box, in der man das abgeschlagene Haupt Johannes des Täufers nur erahnen kann. Der Kuss bleibt also aus und alle Magie kommt aus dem Orchester dank eines Dirigenten, der so minutiös geprobt hat, dass es oft ungemein leise, aber im Geflecht der Stimmen immer wunderbar beziehungsreich klingt.
klk
 

„Tschitti Tschitti Bäng Bäng“ im Gärtnerplatztheater

Musical von Richard M. Sherman und Robert B. Sherman
Musikalische Leitung: Andreas Kowalewitz
Inszenierung: Josef E. Köpplinger
Spielzeitpremiere am 23. Juni 2019
Dauer 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

Selten gelingt es in einem Musical so perfekt, nicht nur spritzig zu unterhalten, sondern auch eine klare Botschaft zu vermitteln: Glaub an Deine Träume! Bei Erfindungsreichtum, Willens- und Tatkraft, Gemeinschaftssinn und Menschlichkeit hat das Böse keine Chance! Die Geschichte des prustenden, schwimmenden, fliegenden „Wunderautos“, seines Erfinders Caractacus Pott, seiner beider Kinder, des liebevoll verrückten Opas Pott und deren Gegenspieler Baron und Baronin Bomburst, die bizarr über das kinderfeindliche Land Vulgarien herrschen, wird wunderbar nuancenreich von Josef E. Köpplinger erzählt und von der eingängigen Musik von den Sherman Brüdern – mal schmissig, mal zart – begleitet (am Pult Andreas Kowalewitz). Nicht nur der Publikumsliebling, das Auto „Tschitti“, sondern  die gesamte Bühnenausstattung sind bis ins kleinste Detail liebevoll und technisch perfekt gestaltet, die bunte Kostümwelt passt blendend dazu, ebenso wie die „klassische“ Musical-Choreo¬graphie. Die Spielfreude des großen Ensembles und der Solisten vollenden den Theaterzauber, dem Jung und Alt gleichermaßen begeistert verfallen. Schnell für die gesamte Familie Karten sichern!  sl
 

„Melancholia“ in den Münchner Kammerspielen

Schauspiel nach Lars von Trier
Inszenierung: Felix Rothenhäusler
Premiere am 15. Juni 2019
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

Auf ihrer Hochzeit wirkt Justine wie von einem anderen Stern: abwesend, unglücklich, unbehaust.  Julia Riedler zeichnet beeindruckend intensiv das Bild einer depressiven jungen Frau. Dabei hat die blonde Barbie-Braut eigentlich alles: einen liebevollen Mann, einen tollen Job und eine reich verheiratete, zugewandte Schwester, die auf ihrem Landgut das Luxusfest ausrichtet. Claire ist Justines Gegenteil, eine fröhliche Knalltüte (wunderbar auch Eva Löbau), die gern das Glücklichsein verordnet. Doch der auf Stelzen gebaute Bühnen-Glasboden ist brüchig. Ein Planet namens Melancholia rast auf die Erde zu. Was alle in Schrecken versetzt, zieht Justine magisch an. Der Weltuntergang bringt ja vielleicht Erlösung. Der dänische Filmregisseur Lars von Trier hat „Melancholia“ 2011 gedreht, bildgewaltig und mit betörender Wagner-Musik. Das kann und will Theater nicht wiederholen. Felix Rothenhäusler, Regisseur des Kammerspiele-Erfolgs „Trüffel Trüffel Trüffel“, wählt die Ich-Erzählung. Auf leerer Bühne berichtet jede Figur von den verstörenden Ereignissen. Ein langsames, dabei aufregendes Denk-Spiel. sis
 

„Atlantis“ im Gärtnerplatztheater 

Ballett von Karl Alfred Schreiner
Musikalische Leitung: Michael Brandstätter
Uraufführung am 7. Juni 2019
Dauer: 1 Std. 50 Min., eine Pause

Große Menschheitsfragen wie die nach dem untergegangenen Atlantis beschäftigen die Künstler immer wieder. Jetzt hat sich Karl Alfred Schreiner der Thematik angenommen. Die Inhaltsangabe ist gleichzeitig ein idealistisches Programm um den Widerspruch zwischen von nüchternem Wissensdurst geprägten, mechanisierten, entmenschlichten Welt einerseits und beseeltem Miteinander in einer smarten Gegenwelt voller Gutheit und Empathie. Nur zwei Wesen überschreiten die Grenzen dieser Sphären: Ein im Reagenzglas schwebendes weibliches Wesen, das zu Forschungszwecken gefangen gehalten wird und ein von der sezierenden Härte des Forscherlebens Abgestoßener, der sich um das Wesen bemüht, ihm nach Atlantis folgt, dort aber nicht weiter bestehen kann und untergeht. Diese Geschichte wird von raffinierter Bühnen- und Lichtgestaltung und einer Auswahl sechs zeitgenössischer Musik-Werke, die brillant aus dem Graben klingen, illustriert. Die hervorragend koordinierte Ballettkompanie gibt ihr Bestes – das Problem eines abendfüllenden Balletts kann mit den stereotypen Bewegungsabläufen der Choreographie jedoch nicht gelöst werden. sl
 

Premieren im Mai 2019

„Alceste“ im Nationaltheater

Oper von Christoph Willibald Gluck
Musikalische Leitung: Antonello Manacorda
Inszenierung und Choreographie: Sidi Larbi Cherkaoui
Premiere: 26. Mai 2019
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

König Admète soll sterben und seine Frau will sich für ihn opfern. Als er dies erfährt, kommt es fast zur Ehekrise, denn jeder will dem anderen sein Leben „schenken“ – doch um welchen Preis? Dass er den Partner mit den beiden Kindern in Trauer und Verzweiflung zurücklässt? Wortreich und mit viel Musik schildern die Eheleute ihre Gefühle, bis das Geschehen sie an den Rand der Unterwelt führt und sie schließlich beide gerettet werden. Anders als in seiner Inszenierung von Rameaus „Les indes Galantes“ vor zwei Jahren für die Bayerische Staatsoper, bei der Tanz und Inszenierung eine wunderbare Symbiose eingingen, überzieht Sidi Larbi Cherkaoui die „Alceste“ komplett mit Tanz von seiner eigentlich großartigen, bestechend natürlich tanzenden Compagnie Eastman. Das reduziert im schlicht-weißen Bühnenbild mit ein paar schwarzen Sprenkeln (Henrik Ahr) die Protagonisten zu singenden Puppen, die wenig charakteristische Kostüme (Jan-Jan Van Essche) zwischen griechischer Folklore und 1960er-Gardinen-Look tragen müssen. Da ist man froh, dass es aus dem Orchester unter Leitung von Antonello Monacorda ebenso elegant wie lebendig tönt.   klk
 

„Der junge Lord“ im Gärtnerplatztheater

Oper von Hans Werner Henze
Inszenierung: Brigitte Fassbaender
Musikalische Leitung: Anthony Bramall    
Premiere am 23. Mai 2019
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause

Willkommenskultur ist nicht nur hier und heute ein Thema, sondern auch in dem Provinzstädtchen Hülsdorf-Gotha. Wie sich diese in der biedermeierlich anmutenden, spießigen Welt zu Engstirnigkeit bis hin zum Fremdenhass wandelt, zeigt die bitterkomische Neuproduktion von Brigitte Fassbaender. Sie führt das große Ensemble vom Katzbuckeln und Bewundern für das Fremdartige, das man nur zu gerne imitiert, leichthändig mit vielen witzigen Regiedetails bis zum Showdown, in dem die Stimmung in Empörung umkippt, als der umgarnte junge Lord sich als dressierter Zirkusaffe entpuppt – als Gastgeschenk für die verzückte bürgerliche Luise hat er eine Banane dabei und er kratzt sich selbst mit silberner Rose in der Hand recht affenartig! Bühnenbild und die Video-Projektionen nehmen das Spannungsfeld von Sein und Schein anschaulich auf und aus dem Orchestergraben (am Pult Anthony Bramall) klingt ein Musik-Panorama, das sich mit  dem Geschehen und den Spannungen der Figuren überzeugend deckt. Alle Solisten (blendend besetzt!), auch Chor und Kinderchor, begeistern in dieser „liebevollen und hintergründigen Aufführung“ (tz), die einhellig bejubelt wird.   sl

„Die Physiker“ im Münchner Volkstheater

Schauspiel von Friedrich Dürrenmatt
Inszenierung: Abdullah Kenan Karaca
Premiere am 19. Mai 2019
Dauer: 90 Minuten, keine Pause

Es ist zum Verrücktwerden: Kommissar Richard Voß möchte eine Zigarre rauchen, doch der Genuss wird ihm verboten. Er ermittelt aber auch in einem Sanatorium, wo manche Hirne bereits ganz schön vernebelt sind. Drei Patienten behaupten, dass sie Einstein, Newton und der geniale Wissenschaftler Möbius sind. Der Irrsinn, den Friedrich Dürrenmatt in seinem Stück „Die Physiker“ veranstaltet, findet sich dabei schon in dem Interieur, das Bühnenbildner Vincent Mesnaritsch ins Volkstheater gepflanzt hat, wieder: ein Raum voller Quadrate an den Wänden, mit einem großen Guckloch, durch das eine tropische Welt aus Farnen hervorschimmert. Die Natur des Menschen ist wild, und Regisseur Abdullah Kenan Karaca kehrt sie tragikomisch hervor. Zwei Morde haben bereits stattgefunden, und Möbius, den Jakob Immervoll mit großer Verve spielt, begeht den dritten. Der Geist der Toten singt „Je ne regrette rien“, die Anstaltsleiterin hat Kurt Weills „Youkali“ auf den Lippen – schöner Gesang in einer politisch aufgeladenen Groteske, bei der Pascal Fligg als Kommissar zwischendurch doch a bisserl rauchen darf.
 

Premieren im April 2019

„Drei Schwestern“ in den Münchner Kammerspielen

Schauspiel nach Anton Tschechow
Inszenierung: Susanne Kennedy
Premiere am 27. April
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

Die Welt ist in 3D auf die Bühne projiziert, sie ist ein Raum ohne Zeit und Ort. Vulkanische Farbwolken wabern, krustige Plafonds schlittern ins Off, von einem chorischen Stöhn-Sound, von Cuts und Blackouts rhythmisiert. In der Mitte hängt ein gleißender Raumkasten, in dem die Figuren Gesicht und Mimik hinter Gummimasken verbergen. Sie sind Puppen ihrer selbst, in Schwarz, Weiß, Neon und agieren roboterhaft. Ihre Stimmen sprechen im Playback immer gleiche Miniszenen. Sie stecken fest in einer Zeit- und Sehnsuchtsschleife. Verpackt in eine faszinierende, irritierende und rätselhafte Ästhetik, schmilzt Susanne Kennedy ("Die Selbstmordschwestern") Tschechows Text vom Stillstand einer Gesellschaft und ihrer Sehnsucht nach Freiheit, Zukunft und Sinn durch Arbeit ("Nach Moskau!") zu einer meditativen Farce. Ein Stierhorn-Schamane steht dabei für die spirituelle Sehnsucht, Nietzsche-Zitate bejahen die Kreisförmigkeit des Daseins. Unkonventionell, bildgewaltig, bejubelt. avs

„On the Town“ im Gärtnerplatztheater

Musical von Leonard Bernstein
Premiere am 26. April 2019
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

24 Stunden in New York im Jahr 1944, noch während des Krieges, der auch szenisch zu Beginn und am Ende dezent durchschimmert – diese Zeit ist drei Matrosen für einen liebestollen Landgang gegönnt. Soweit die Story. Was dabei trägt, unterhält, amüsiert, ja begeistert, sind Bernsteins schmissige Musik, vom Orchester mit Glanz präsentiert, routiniertes Revue-Ballett, in das alle und alles auf der Bühne eingebunden sind, großartige Damen, die die Szene in den unterschiedlichsten Facetten beherrschen (Dagmar Hellberg, Sigrid Hauser, Bettina Mönch und Julia Klotz), nette Matrosen, die ihr schnelles Glück suchen und dazu durch Manhattan bis in die schummrigste Bar eilen – alles zusammengefasst in einer  40er-Jahre-bunten und temporeichen Regie von J. E. Köpplinger. Gags wie U-Bahn-Fahrten, Taxi-Raserei durch Manhattan und ein schwächelndes Dino-Gerippe fehlen ebenso wenig, wie mal derbere, mal zartere, mal einfach komische Liebeständeleien. Mit deutschen Dialogen und den originalen englischen Songs wird das Publikum während der zu hochtourigen zweieinhalb Stunden gerafften 24 Stunden „On the Town“ bestens unterhalten. s.l.

„Warten auf Godot“ im Münchner Volkstheater

Schauspiel von Samuel Beckett
Inszenierung: Nicolas Charaux
Premiere am 4. April 2019
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause

Im heutigen turboschnellen Alltag hat man für viele Dinge einfach zu wenig Zeit. Samuel Beckett jedoch schenkte seinen beiden Daseinsclowns Wladimir und Estragon die Ewigkeit des Wartens: Sie wollen einen gewissen Herrn Godot treffen, der jedoch einfach nicht erscheinen mag. Einzig ein Baum und ein Stein durchbrechen die Ödnis einer Landstraße, was Vorgaben sind, an die sich auch Nicolas Charaux in seiner Inszenierung von „Warten auf Godot“ im Volkstheater hält. Silas Breiding als Wladimir und Jonathan Müller als Estragon nutzen die weitgehend leere Bühne gekonnt als Spielplatz für heitere Einlagen und das Ping-Pong schlanker Beckett-Sätze. Zwischendurch musizieren sie mit einer Mundharmonika und einer sachte klappernden Kastagnette – kauzige Poesie inmitten der Groteske. Als Pozzo und Lucky tauchen Jakob Geßner und Jonathan Hutter zweimal auf und spielen die abgründige Dynamik von Herr und Diener durch. Ohne den anderen wäre man ja wirklich allein, und wie schön amüsant ist es, sich mit diesen Sonderlingen für zweieinhalb Stunden die Zeit zu vertreiben.   mst

 

Premieren im März 2019

„La Bohème“ im Gärtnerplatztheater 

Oper von Giacomo Puccini
Musikalische Leitung: Anthony Bramall
Regie: Bernd Mottl
Premiere am 28. März 2019
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

Es braucht kein ärmliches Dachstübchen im Paris um 1900 mit hungernden Künstlern, damit Puccinis emotionsreiche Herz-Schmerz-Oper funktioniert. Auch im 21. Jahrhundert gibt es Liebe, Eifersucht, Ängste, Krankheiten und Tod. Das zeigt die in die heutige Zeit versetzte Inszenierung von Bernd Mottl, die zwar in einem anderen Szenario spielt, aber die Geschichte vom Dichter Rodolfo und der schwindsüchtigen Mimi unverändert und völlig stimmig erzählt. Eine mit Graffiti dekorierte ehemalige Herrschaftswohnung als WG (Bühnenbild Friedrich Eggert), eine bizarre Weihnachtsfeier in einem Club mit bunten Kostümen (Alfred Mayerhofer), Fastfood und Tablet – auch in dieser Welt können junge Künstler leben, lieben, von ihren Gefühlen und Zweifeln gebeutelt sein. Das Gärtnerplatztheater verfügt über überaus frische junge Solisten, die, trefflich und subtil unterstützt vom Dirigenten Anthony Bramall, großartig singen und hingebungsvoll spielen. Dem Ensemble glückt laut SZ eine beeindruckend ausdrucksstarke „Bohème“, die mit kultverdächtigen Maßstäben ein aufregend neues Gegenstück zur Staatsopernproduktion darstellt.   sl

„Das Leben des Vernon Subutex“ in den Münchner Kammerspielen

Schauspiel nach dem Roman von Virginie Despentes
Inszenierung: Stefan Pucher
Premiere am 28. März 2019
Dauer: 3 Stunden 40 Minuten, eine Pause

Eine schwarzglänzende Vinylschallplatte ist die Amphitheater-Bühne eines schnittigen Panoramas vom Rand der Gesellschaft. Rock und Pop prägen das Leben dieser Abgestürzten, Ausgegrenzten und prekären Existenzen. In dichten Monologen und Videoclips präsentieren sie sich, es sind Obdachlose, Szenestars, Kokser, eine Pornoqueen, ein gewalttätiger Produzent. Die Titelfigur Vernon Subutex, wunderbar zerbrechlich und melancholisch von der kroatischen Jazzsängerin Jelena Kulic dargestellt, wird als Plattenladen-Pleitier von der Straße zum neuen DJ-Guru. Mit Scharfblick und schrägem Witz streift die Bühnenfassung des französischen Buchhits Themen wie die gespaltene Gesellschaft und Vereinsamung, Rechtsruck und Islam, neoliberalen Kapitalismus und Abstieg der Mittelschicht. In der textprallen Revue glänzen Annette Paulmann als Pennerin und Klassenkämpferin mit Herz, Wiebke Puls als eisige Influencer-Lesbe, Thomas Hauser als sanfte Transe. Applaus! avs

„Eine göttliche Komödie. Dante < > Pasolini“ im Residenztheater

Schauspiel von Federico Bellini
Inszenierung: Antonio Latella
Premiere am 22. März 2019
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

Dante und Pasolini, die finster-genialischen Untergangsvisionäre Italiens, schließt Regisseur Latella hier miteinander kurz. Die Idee könnte zünden! Der schöne Alfa GT 2000 zündet in einer witzigen Szene dagegen nicht, das kennt man. Die immer drastischer werdenden "Höllenkreise", die Pasolinis ungeklärte Ermordung am regennassen Strand von Ostia durchläuft, verlangen den Zuschauern mehr Durchhaltevermögen ab als die üblicherweise erwarteten, Pasolini-typischen Provokationen und ihr hoher künstlerischer und sozialanalytischer Anspruch, sowie Dantes Tiefsinn. Die Themen und Traumata eines Männerlebens kulminieren in schockierenden Schwulensex- und Gewaltszenen in Wiederholungsschleife, aufgelockert von Gags wie einer fahrenden Telefonzelle und einem Stroboskop-Elektro-Pogo-Kampftanz, vor dessen Lichtintensität vorab gewarnt wurde. Exzentrisches Körpertheater für robuste Fans von Dante und Pasolini. Ein paar Buhs und viel Applaus.   avs

„La fanciulla del West“ im Nationaltheater

Oper von Giacomo Puccini
Inszenierung: Andreas Dresen
Musikalische Leitung: James Gaffigan
Premiere: 16. März 2019
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

Endlich ist Puccinis 1910 für New York komponierte "La fanciulla del West - Das Mädchen aus dem Goldenen Westen“ nach fast 80 Jahren wieder an der Bayerischen Staatsoper zu erleben – erstmals in der Originalsprache und in einer rundum geglückten Produktion. Denn Andreas Dresen vermeidet Wild-West-Saloon-Atmosphäre und lässt das Stück um Minnie, die einem Haufen mehr oder minder rüder Bergleute am Abend ein bisschen Trost, Bibelstunde oder einen Becher Whisky schenkt, unter Wanderarbeitern von heute spielen. Ob karges Bühnenbild oder die Kleidung der Männer: Viel Schwarzgrau, Olivgrün und Dunkelbraun dominiert, wäre da nicht das Hellblau von Minnies Bluse oder das leuchtende Rot der Tasche des Postboten mit den ersehnten Briefen aus der Heimat. Dass Dresen ein genau arbeitender Filmregisseur mit Liebe zum Detail ist („Halbe Treppe“, „Sommer vorm Balkon“, „Wolke 9“, „Halt auf freier Strecke“, „Als wir träumten“ und zuletzt „Gundermann“) sieht man daran, wie er das Geschehen um Minnie, den sie begehrenden Sheriff und den Wegelagerer Dick, der am Ende ihre Liebe gewinnt, in jedem Takt auf den Punkt bringt. klk

 

„Die Bakchen“ im Cuvilliéstheater / Residenztheater

von Peter Verhelst nach Euripides (Uraufführung)
Regie und Choreographie: Wim Vandekeybus
Premiere am 15. März 2019
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, ohne Pause

So weiß wird die Bühne nicht bleiben, nichts wird so hell, klar und vernunftorientiert sein, wie sich der junge König Pentheus sein Theben wünscht. Gleich am Anfang seilt sich der belgische Künstler und Fassadenkletterer Vincent Glowinski kopfüber von blütenreiner Wand ab und hinterlässt mit dem Pinsel eine schwarze Spur, die sich später zum riesigen Bild ausweitet. Auch die Akteure bemalt er schwarz – tolle Live-Kunst, passend zum orgiastischen Geschehen auf dem Berg Kithairon, auf den der Halbgott Dionysos mit seinem Gefolge, den Bakchen, die Frauen der Stadt lockt. Zu lautstarker Elektroakustik wälzen sich Menschenknäuel am Boden, berauscht, ekstatisch, sexualisiert, grunzend und gierig, darunter Agaue, die Mutter des Pentheus, die am Ende völlig von Sinnen den eigenen Sohn mordet (großartig: Sylvana Krappatsch). Eine kongeniale Zusammenarbeit zwischen der belgischen Tanztruppe Ultima Vez von Regisseur und Choreograph Wim Vandekeybus und den Schauspielern. Was eignet sich dafür besser als Euripides‘ Bakchen, hier im neuen, knappen Text?   sis

 

Premieren im Februar 2019

„Elektra“ im Residenztheater

Schauspiel von Hugo von Hofmannsthal
Inszenierung: Ulrich Rasche 
Premiere am 15. Februar 2019
Dauer: 2 Stunden ohne Pause

Der Mensch in der Maschine: Das ist Elektra, Agamemnons Tochter, die hoch oben auf stählerner Drehscheibe im immerwährenden "Kreis-Lauf" in Hofmannsthals psychologisierender Bearbeitung des Antikendramas den Hass gegen ihre Mutter Klytämnestra schürt. Diese hat gemeinsam mit ihrem Geliebten Ägist den Ehemann erschlagen, eine Bluttat, die Elektra seither unablässig über Rache sinnen lässt. Für ihr Gedankengefängnis hat Star-Regisseur Ulrich Rasche („Die Räuber“) ein gewaltiges Stahlmonstrum entworfen, eine runde Plattform, die sich neigt, hebt und senkt, mit einem tonnenförmigen Käfig darüber. Ohne Unterlass in Bewegung schreit und geifert die überragende Katja Bürkle als Elektra, in missionarischem Wahn, die Angst Klytämnestras ebenso ignorierend wie den Wunsch der Schwester Chrysothemis nach einem normalen Frauenleben. Den typischen, rhythmisierenden Rasche-Sound unterstützen ein achtköpfiger Chor und die eigens komponierte, lautstark auf- und wieder abschwellende Live-Musik. Überwältigungstheater, wie es nur einer macht und kann! sis

„King Arthur“ im Gärtnerplatztheater 

Semi-Opera von Henry Purcell
Musikalische Leitung: Howard Arman
Inszenierung: Torsten Fischer
Spielzeitpremiere am 15. Februar 2019
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

In der von fünf auf zwei Stunden gekürzten Fassung im Gärtnerplatztheater wird von dem Trio Torsten Fischer (Regie), Herbert Schäfer (Bühne) und Karl Alfred Schreiner (Choreographie) die Thematik komprimiert wie selten geboten: Der harte Weg der Menschen von Machtgier, physischer Überlegenheit und erotischem Begehren zu Versöhnung und wahrer Liebe. In der hier inszenierten „Performance“, der modernen Form einer „semi-opera“, in der Instrumentalnummern, gefühlvolle Arien, Ausdruckstanz, Chorgesang und Sprechszenen mit viel Theaterzauber vereint sind, steht die Idee deutlich im Vordergrund vor der Handlung. Diese kann man im Programmheft, das hilfreiche Erläuterungen gibt, nachlesen, zumal deutsche Übertitel nur sehr spärlich angeboten werden. Auf schwarz-grau-weißer Bühne und ebensolchen Kostümen – (gut: punktuelles Rot bei Artus und Venus) – stampfen und hecheln Tänzer zum Kampf, winden sich zärtlich im Liebestaumel und zittern vor Kälte. Dazu gibt es wunderbare Arien und eine in ihrer Sprechrolle überwältigende Emmeline. Trotz kleiner Besetzung klingt das Barockorchester kraftvoll aus dem Off. Ein starker Abend! s.l.

„Karl V.“ im Nationaltheater

Oper von Ernst Krenek
Inszenierung: Carlus Padrissa – La Fura dels Baus
Musikalische Leitung: Erik Nielsen
Premiere: 10. Februar 2019
Dauer: 2 Stunden 50 Minuten, eine Pause

Es ist eine gigantische Lebensbeichte, die Karl V. (grandios vergrübelt und doch enorm vital und noch lebenshungrig: Bo Skovhus) hier in einer Art bedrucktem Leichentuch und mit gelbem Irokesen-Haarschmuck als wäre er ein Azteken-Herrscher, oft an der Rampe singend und sprechend vor seinem Beichtvater (ein junger Schauspieler) absolviert, während hinter oder vor ihm Luther und Franz I., Sultan Soliman oder der berüchtigte Konquistador Pizzaro, Schwester, Bruder oder seine Gattin auftreten. Carlus Padrissa und die Artisten von La Fura dels Baus bebildern diesen etwas trocken lehrbuchhaften Lebensrückblick eines absoluten Herrschers, der Europa mit Gewalt einigen wollte und damit grandios gescheitert ist, in einem Spiegelkabinett, bei dem die Videos wohltuend abstrakt bleiben, aber wie üblich angereichert sind mit gigantischen Menschen-Trauben und -Bäumen, die schließlich eine finale Doppelhelix bilden (Ausstattung: Lita Cabellut). So effektvoll das ist, so sehr lenkt es ab vom gesungenen Wort und dem exzellenten Staatsorchester, das unter Erik Nielsen strenge 12-Ton-Technik mit größter Leuchtkraft, ja beinahe Eingängigkeit zu spielen versteht. klk
 

„Herakles“ im Münchner Volkstheater

Schauspiel frei nach Euripides, Gustav Schwab, Frank Wedekind u.a.
Inszenierung: Simon Solberg
Premiere am 7. Februar 2019
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

Die antiken Helden sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Einer wie Herakles mag Monster bekämpfen und die schwierigsten Aufgaben meistern, aber letztlich ist er ein schlichter Geist in einem muskulösen Körper, ein brav sich selbst aufopfernder Dienstleister – zumindest in der sehr heutigen Lesart von Simon Solberg am Volkstheater. Für seine Mythenbefragung bedient sich der ideenreiche Regisseur bei diversen Autoren, von Euripides bis hin zu Frank Wedekind, der in seinem Drama von 1917 aus Herakles einen Kriegsheimkehrer macht. In einer riesigen Pfütze plantscht, rutscht und spielt Solbergs sechsköpfiges Darstellerteam und wechselt sich beim Erzählen der Texthäppchen ab. Große und kleine Plastikröhren sind die einzigen Requisiten, multifunktional einsetzbar, ob nun ein Baby oder das Orakel von Delphi dargestellt werden soll. Max Wagner ist als Herakles ein wahrlich strammer Max, der Titane Atlas sächselt, das Team ist stark - auch im Slapstick. Ein toller Spaß mit berührend tragischer Grundierung. mst


 

Premieren im Januar 2019

„Drei Männer im Schnee“ im Gärtnerplatztheater

Revueoperette von Thomas Pigor nach dem Roman von Erich Kästner
Musikalische Leitung: Andreas Kowalewitz
Inszenierung: Josef E. Köpplinger
Uraufführung am 31. Januar 2019
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause 

Selten waren Publikum und Presse so einhellig begeistert, wie nach der Uraufführung der Revueoperette, deren literarische Quelle der ironisch-gesellschaftskritischen Kästner-Roman ist. Dank der kongenialen Zusammenarbeit von vier(!) Komponisten, von denen einer auch der Librettist ist (der Musikkabarettist Thomas Pigor), dem Regisseur Josef E. Köpplinger, dem Choreographen Adam Cooper und dem Bühnenbildner Rainer Sinell ist hier die Geschichte vom Millionär und dem armen Schlucker, die im Grandhotel in den Bergen verwechselt werden, zu einem witzigen, intelligenten und kurzweiligen Operettenabend zusammengeschmiedet. Aus einer schier unerschöpflichen Wundertüte zaubern alle Beteiligten eine Fülle von Einfällen: Abstecher in alle Genres des Musiktheaters mit eingängigen Melodien, Chansons und rockigen Tuttipassagen, hintersinnige Couplets, Regiegags, heutige und zeitgeschichtliche Anspielungen, traditionelle und bis an Slapstick grenzende Tanznummern. Alle Akteure kommen in diesem beziehungsreichen Verwirrspiel zu ihrem Recht, und das brillante Ensemble ebenso wie das beschwingte Publikum genießen diesen gelungenen „großen Wurf“.   sl
 

„Doktor Alici“ in den Münchner Kammerspielen

Schauspiel von Olga Bach nach Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“
Inszenierung: Ersan Mondtag
Uraufführung am 24. Januar 2019
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause

Bayern im Jahr 2023, kurz vor der Landtagswahl: Es gießt wie aus Kübeln, schon hat es Unwettertote gegeben, und auch über Münchens erster weiblicher und noch dazu muslimischer und lesbischer Polizeipräsidentin braut sich Unheil zusammen. Dr. Selin Alici, juristisch fit, sachlich und integer, entschließt sich, fünf terrorverdächtige rechtsextreme „Reichsbürger“ und Landtagsabgeordnete von „Proaktiv fürs Vaterland“ bis zur Wahl präventiv in Gewahrsam zu nehmen, wie es das bayerische Polizeiaufgabengesetz erlaubt. Damit stößt sie nicht nur auf den Widerstand des Sicherheitspolitikers Dr. Edmund Bauer von den Christsozialen, sondern ruft auch rassistische und religiöse Ressentiments, Bedrohungsszenarien und Hinterzimmer-Intrigen gegen ihre Person und ihre Geliebte hervor - von Ferne lässt Schnitzlers jüdischer Arzt Bernhardi grüßen. Ersan Mondtag inszeniert ein vampirähnliches Gruselkabinett, Untote in Gummistiefeln vor der Sintflut und mit den Sprechblasen ihrer jeweiligen Couleur. Eine schrille Politkomödie, schaurig, witzig und treffsicher. sis

„Die Möwe“ im Cuvilliéstheater / Residenztheater

Schauspiel von Anton Tschechow
Inszenierung: Alvis Hermanis
Premiere am 10. Januar 2019
Dauer: 3 Stunden 15 Minuten, eine Pause

Sie sitzen beim Kartenspiel und kreischen plötzlich wie Möwen, ein stimmgewaltiger, grandioser „Chor“, und ein herzloser dazu. Denn gerade hat einer aus der Runde erzählt, dass Kostja, der unglückliche, sich als Dichter versuchende Sohn der exaltierten Schauspielerin Irina Arkadina (Sophie von Kessel), einen Seevogel geschossen hat. Wenig später wird sich der junge Mann, der vergeblich die schöne Nina liebt, selber eine Kugel in den Kopf jagen. Die Jungen, die gern Flügel hätten, leiden an unerwiderten Gefühlen, werden verlassen, heiraten den Falschen. Die Alten langweilen sich in einem unerfüllten Leben, doch Kraft zur Veränderung hat keiner. Alvis Hermanis, der gern historisch korrekt arbeitet, lässt diesmal die Bühne immer mehr mit alten Vitrinen, Sesseln, Sofas und Dekor möblieren, und die allesamt wunderbaren Schauspieler tragen klassisches „spätes 19. Jahrhundert“. Die Tage fließen träge dahin auf dem russischen Landgut, dabei achtet der lettische Regisseur auf kleine Gesten, erfindet subtile Szenen und entdeckt die Langsamkeit. Selten in temporeicher Zeit! sis

 

Premieren im Dezember 2018

„Die verkaufte Braut“ im Nationaltheater

Oper von Bedrich Smetana
Inszenierung: David Bösch
Musikalische Leitung: Tomáš Hanus
Premiere: 22. Dezember 2018
Dauer: ca. 2 Stunden 50 Minuten, eine Pause

Der Regisseur David Bösch hat an der Bayerischen Staatsoper bei Donizettis „L’elisir d’amore“ viel charmanten Sinn für musikalische Komödie bewiesen, in der „Verkauften Braut“ setzt er dagegen ganz auf Klamauk. Die Bühne beherrscht ein riesiger, schon gärend dampfender Heuhaufen, die Bauern sind lehmverschmiert mit Ringen unter den Augen und tragen abgerissene Kleidung. Die Männer sind gerne betrunken vom Bier, das aus dem Container auf dem Traktor per Schlauch in ihre Krüge fließt, und das sie dann in hohem Bogen wieder in den Heuhaufen sprudeln lassen. Selbst der Zirkus hat schon bessere Tage gesehen, wartet aber immerhin mit einer süßen Seiltänzerin auf. Und dann ist da das Liebespaar Marie und Hans. Er hat sie zwar für viel Geld über den eitel gockelnden Heiratsvermittler Kezal an „des Micha Sohn“ verkauft. Doch das war eine List, denn dies ist nicht nur der stotternde Wenzel, sondern auch er, der totgeglaubte Sohn aus erster Ehe, der nun seine Marie – und Geld hat.   klk
 

„Momo“ im Gärtnerplatztheater

Musiktheater nach dem gleichnamigen Roman von Michael Ende
Inszenierung: Nicole Claudia Weber
Musikalische Leitung: Michael Brandstätter
Uraufführung am 16. Dezember 2018
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, eine Pause

Freunde der Geschichte von Momo, dem Mädchen, das in einer immer gehetzter werdenden Gesellschaft erkennt, wie kostbar es ist, Zeit zu haben und zuzuhören, selbst wenn man dafür kämpfen und Gefahren bestehen muss, werden belohnt mit einer musikalischen Bühnenfassung von Michael Endes Werk. Die Regisseurin Nicole Weber erzählt in 18 Bildern in der einfachen Sprache des Librettisten Wolfgang Adenberg Momos Kampf gegen die „grauen Herren“, die den Menschen die Zeit stehlen. Webers Team illustriert die Handlung effektvoll mit phantasievollen Kostümen – großartig die Ausstattung der „grauen Herren“ und der liebenswerten Schildkröte Kassiopeia! – und einer wandelbaren Drehbühne: mit antiker Ruine, dem Bunker der grauen Herren, und Meister Horas Zeit-Reich (in dem getanzt anstatt gesprochen wird). Altmeister Wilfried Hillers Musik schöpft aus dem reichen Fundus der Klangfarben – teils mit witzigen Zitaten – mal kindlich, mal fernöstlich, mal rockig, mal sphärisch klingend als Chor. Momos Welt ist musikalisch vielfältig, auch wenn sie selbst nur spricht. Diese Produktion beglückt die ganze Familie!   sl
 

„Der Spieler“ im Residenztheater

Schauspiel von Fjodor M. Dostojewskij
Inszenierung: Andreas Kriegenburg
Premiere am 14. Dezember 2018
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

In doppelter Rotation dreht sich die Welt, immer hektisch auf der Jagd nach dem Geld, dem schnellen Amüsement. Oben dreht sich das Glücksrad des Intrigenstadel-Kurorts Roulettenburg, auf halber Höhe rennen die ruinös verzockten Glücksritter wie unter Strom über krakenförmige, rostige Stellagen, jeder für sich. Sie warten auf das Geld der Erbtante, das nie kommt. Am Boden wabert der Schampusflaschenmüll, dazwischen schaukeln Designerkleidchen. Der Hauslehrer Alexej deklamiert manisch überdreht seine Minderwertigkeitsgefühle gegenüber der Pleite-Kurgesellschaft und seine Vorurteilsphrasen (Nationalismen mit AfD-Anklängen). Auch die Liebe bleibt auf der Strecke. Gewinnsucht und Erfolgsstreben sind der Treibsatz einer, so Kriegenburg im Interview, "europäischen" Soap über die rasante Fahrt nach unten, mit der Dostojewski seine eigene Spielsucht verarbeitete. Temporeich, originell und schon wegen der faszinierenden Bühnenmechanik sehenswert.  avs

„Macbeth“ in den Münchner Kammerspielen

Schauspiel von William Shakespeare
Inszenierung: Amir Reza Koohestani
Premiere am 7. Dezember 2018
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

Den Polit-Psycho-Klassiker von Machtgier, Verführung und dem Unersättlichen, der selbst Schuld hat an der Katastrophe, kennen Sie. Der iranische Regisseur Koohestani ("Der Fall Meursault") wendet die Geschichte auf links, macht daraus ein komplexes Meta-Theater. Es geht um das Scheitern einer Theaterprobe zwischen Beziehungsstress, babylonischen Sprachwirren, Integration und Kunstblut-Fleckenteufel. Das Chaos herrscht im Waschraum und im Palast, die politischen und individualistischen Ansprüche sprengen Text und Rollen. Das Leben ist eine Geschichte, von einem Idioten erdacht, sagt Macbeth am Ende originalgetreu, es ist Lärm, Wut und ohne Sinn. Da steht er an seinem nihilistischen Tiefpunkt. Auch wir reiben uns die Augen vor der Wirklichkeit, vor Gier, Niedertracht, Gewalt und fragen: Kann das Theater etwas bewegen? Packend sind Originalsequenzen wie Polly Pollyesters düstere Hexensongs und surreale Seelen-Alptraum-Effekte, dazu Psychedelic-Lichtvideos. Verwirrend, klug, spaßig.  avs


 

Premieren im November 2018

„Glaube Liebe Hoffnung“ im Münchner Volkstheater

Schauspiel von Ödön von Horváth
Inszenierung: Christian Stückl
Premiere am 30. November 2018
Dauer: ca. 2 Stunden, ohne Pause

Im Patriarchat geht es immer nur um die Wurst, symbolisch wie ganz konkret. Diesbezüglich kennt Volkstheater-Intendant Christian Stückl in seiner Variante von „Glaube Liebe Hoffnung“ keinerlei Gnade, sondern lässt die Männer nicht nur als triebgesteuerte Ungeheuer auftreten, sondern auch in einer fulminant grotesken Wirtshausszene Bier saufen und Weißwürste fressen. Inmitten des wüsten Treibens sitzt Elisabeth, das pochende Herz in Ödön von Horváths Klassiker. Man sieht ihr die innere Distanzierung an, aber ihrer großkopferten, kleingeistigen Umwelt lässt sich nur schwer die Stirn bieten. Stefan Hageneier hat ein expressionistisch schwarz-weißes Bürgergefängnis gebaut, in dem die Tische sich auch in Leichenbahren verwandeln können – in einem anatomischen Institut will Elisabeth ihren Körper verkaufen und kämpft ums Überleben. Die Frau unter Druck spielt Nina Steils leuchtend widerständig, während das Restensemble sie als schwarzkomische Gesellschaft umgibt. Eine unterhaltsame Horrorshow liefert Christian Stückl da, voll drastischer Ideen und Hanswürsten.
mst

„Otello“ im Nationaltheater

Oper von Guiseppe Verdi
Inszenierung: Amélie Niermeyer
Dirigent: Kirill Petrenko
Premiere am 23. November 2018
Dauer: 3 Stunden 15 Minuten, eine Pause


Zwei Räume, die sich spiegeln, ineinanderschieben oder abwechseln: Ein großer, dunkler, öffentlicher der Männerwelt; ein heller, weiblicher, intimer als Schlafzimmer Desdemonas (Bühne: Christian Schmidt). In Amelie Niermeyers hochpräziser Regie muss Otello keine schwarze Farbe im Gesicht tragen, allein seine von Jago – ein diabolischer Mann trotz Turnschuhen und Schlafanzughose – geschürte Eifersucht, die ihn von innen zerfrisst und implodiert, bevor sie explodiert, macht ihn zum Outcast. Und auch wenn Kirill Petrenko einmal nicht mehr dieses große Musikdrama Verdis dirigieren wird, dürften sich alle Orchestermusiker, mit denen er geprobt hat, an den Feinschliff und die Genauigkeit erinnern, mit der ihr GMD jede einzelne Phrase, jede melodische Linie, Rhythmus und Klang poliert und geschärft hat. Ein Ereignis! klk

„Romeo und Julia“ (Uraufführung) im Gärtnerplatztheater

Ballett
Choreographie: Erna Ómarsdóttir und Halla Ólafsdóttir
Premiere am 22. November 2018
Dauer: 2 Stunden, eine Pause
FSK 17 Jahre

Schon bevor sich der Vorhang zu dieser Uraufführung hebt, kommen die 20 Tänzerinnen und Tänzer in fleischfarbenen Bodys mit künstlichen Muskelpaketen hervor und gleich wird klar, was man nicht erwarten darf: Ein gefälliges Ballett über das Liebespaar mit erzählter Geschichte, erkennbaren Personen und geschlechterdefinierten Rollen. Was man dafür findet, sind Aussagen wie: „Ich spiele das Blut“, „Ich bin das Schwert“, „Wir alle sind Romeo und Julia“, die auf die allumfassende Gestaltung des Ur-Themas Liebe hindeuten. Die Choreographie definiert es als eine Mischung von Zärtlichkeit, Grausamkeit, hetero- und homosexueller Beziehung, Fleischlichkeit, Tod. Die permanent auf der Bühne präsente, brillante Tanztruppe setzt dies kongenial um. Hier wird gekeucht, geschrien, gekrochen, gesprungen und großartig getanzt. Grelle Show-Elemente wechseln ab mit erhabenen Bildern einer goldenen Welt, es werden Blumen gestreut, Blut verschmiert, rosa triefende und schwarz flatternde Herzen schweben umher – ein bild- und körpergewaltiges Gesamtkunstwerk, das von der reduzierten Prokofjew-Suite treffend ergänzt wird. Ein lohnendes Wagnis eines radikal anderen Ballettabends! sl

„Endspiel“ im Residenztheater

Schauspiel von Samuel Beckett
Inszenierung: Anne Lenk
Premiere am 16. November 2018
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Das Nichts am Ende von Welt und Natur: Hier ist es ein federleichtes Spiel, eine sarkastische Parodie vom Leben. Asche regnet auf die schwarze Bühne. Hamm (Oliver Nägele), blind und lahm, kommandiert seinen Diener Clov (Franz Pätzold) herum. Der ist der einzige, der ihn pflegen kann. Und er schafft ihm pantomimisch einen Rest von Lebendigem, mit menschlichem Kontakt und gespieltem Kuschelhund. Hamms Eltern Nell (Ulrike Willenbacher) und Negg (Manfred Zapatka) im ramponierten Rokoko-Look, stecken daneben beinlos in einer Art Keller. Glaube, Hoffnung, Freiheit sind dahin, aber die vier letzten Menschen agieren symbiotisch und halten in ihren Ritualen die Balance zwischen Verzweiflung, Komik und Würde. Eine witzige Farce und ein Schauspielerfest. Großer Beifall. avs
 

„Wiener Blut“ im Gärtnerplatztheater

Operette von Johann Strauß (Sohn)
Musikalische Leitung: György Mészáros / Felix Meybier
Inszenierung: Nicole Claudia Weber
Spielzeitpremiere am 9. November 2018
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

Zwei herzige Amoretten-Buberl führen in ein “süßes“ Wien um 1900, in ein Dekor, das von einer Hofkonditorei gestaltet sein könnte. Zunächst dominiert der Zuckerguss, auch in der Musik, doch sobald die Personen erscheinen, prallen höchst lebendige, bissige, begehrliche, eifersüchtige, drollige und klar gezeichnete Charaktere aufeinander. Da wendet sich auch bald das Dekor zu einem Klimt-angenäherten Interieur, wobei selbst Kostüm und Maske der Gräfin Zedlau dem „Kuss“ nachempfunden sind. Diese muss ja Edelmut und Eleganz verkörpern, denn ihr Mann Graf Balduin treibt es doch recht bunt: Wie soll er die quirlige Tänzerin Pepi und die neu zu erobernde letztlich gar nicht schüchterne Probiermamsell vor seiner Frau geheim halten? Alle Figuren und eine Menge Zufälle helfen zusammen, dass das Verwirrspiel um die Damen immer neue Blüten treibt und durch viele witzige Regieeinfälle und mit einer Fülle von bekannten Galopp- und Walzerklängen kurzweilig bleibt. Verdienter langer und wienerisch beschwingter Applaus für das gesamte spielfreudige Ensemble. s.l.
 

 

Premieren im Oktober 2018

„#Genesis - A Starting Point“ in den Münchner Kammerspielen

Performance von Yael Ronen und Ensemble
Uraufführung am 28. Oktober 2018
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

Alles zurück auf Anfang. Nichts Geringeres als den Schöpfungsmythos bringt die israelische Erfolgsregisseurin Yael Ronen gemeinsam mit sechs munter aufspielenden Akteuren als theatrale Bibelstunde mit Witz auf die Bühne. Der Twitter-Hashtag vor dem Titel zeigt schon: Hier kann jeder was beisteuern: Philosophisches und Persönliches, Plattes und Pikantes. Und so liefert diese sehr spezielle Genesis einen frechen Streifzug von den ersten Tagen der Welt, wo Adam, Eva und ein alleinerziehender oder auch schwuler Gott  in einen Geschlechterdiskurs geraten, bis zum verpatzten Neustart der Kammerspiele, den Damian Rebgetz zur pointenreichen Publikumsbeschimpfung nutzt. Wahrhaft überragend ist Wolfgang Menardis Bühnenkonstruktion, bei der zwei riesige Spiegelscheiben auseinanderklappen, die fortan das Erdendasein der Menschlein in der oberen, quasi himmlischen Sphäre reflektieren, ergänzt mit assoziationsreichen Bildern oder wunderbar unterlegt mit klassischen Gemälden. Hier öffnet sich ein ganzer Kosmos – ein echter Niveauunterschied! sis
 

„Die Dämonen“ im Münchner Volkstheater

Schauspiel nach dem Roman von Fjodor Dostojewski
Inszenierung: Felix Hafner
Premiere am 25. Oktober 2018
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

Der Wind der Revolution weht im Volkstheater, künstlich erzeugt durch Windmaschinen. Sie bringen auch einige schwarze Flaggen zum Flattern, wenn nicht gerade ein Rebell sie hin- und herschwenkt. Wer was eigentlich in Bewegung bringt, ist gar nicht so leicht zu durchschauen im vorrevolutionären Russland am Ende des 19. Jahrhunderts. In seinem großen Roman „Die Dämonen“ lässt Fjodor Dostojewski die verschiedensten politischen Ideen aufeinanderprallen. Der junge Regisseur Felix Hafner scheut diesen Diskurs in seiner dreistündigen Adaption des Romans nicht, sondern setzt dem Publikum ein gehöriges Stück Gedanken- und Mitdenktheater vor, vermittelt von einem engagiert aufspielenden Ensemble. Silas Breiding spielt den Provinzheimkehrer Stawrogin mit vampirischer Kühle. Der Anarchist Werchowenskij (aufrecht und stark: Pola Jane O’Mara) will Stawrogin als Anführer einer fünfköpfigen Terrorgruppe rekrutieren, aber der weigert sich. So nimmt eine Tragödie ihren Lauf, die Felix Hafner mit einfallsreichen Gruppenchoreografien und windumtosten Theaterbildern inszeniert. mst
 

"Der nackte Wahnsinn (Noises Off)" im Residenztheater

Schauspielvon Michael Frayn
Inszenierung: Martin Kušej
Premiere am 19. Oktober
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten mit Pause

Lachen über Lust und Frust an der Theaterarbeit - wie könnte der Regisseur edler High-End-Stücke seinen Abschied (2019 an die Wiener Burg) lustiger feiern als mit diesem rasanten Kultklamauk? Eine selbstironische Theaterfarce ist das Spiel-im-Spiel-Boulevardstück aus den 80ern, in dem das Resi-Ensemble als unsäglich platte Slapstick-Tingeltruppe glänzt. In drei Varianten spult sich die hanebüchene Handlung ab. Die gruppendynamischen Neurosen blühen, angeheizt von kräftig Alkohol. Es geht um Immobiliendeals, Quickies und Steuerhinterziehung, aber eigentlich um die menschlichen Leidenschaften. Eigene Beziehungsdesaster der "Schauspieler" durchkreuzen den Plot, bis der Vorhang über dem totalen Debakel fällt. Grandios: Norman Hacker, Sophie von Kessel, Thomas Loibl, Katharina Pichler. Schmierentheater zum Ablachen, erfrischend incorrect. avs

"Gefährliche Liebschaften" im Gärtnerplatztheater

Musical von Marc Schubring und Wolfgang Adenberg
Nach dem Roman von Choderlos de Laclos
Musikalische Leitung: Andreas Kowalewitz

Inszenierung: Josef E. Köpplinger
Spielzeitpremiere am 17. Oktober 2018
Dauer: 2 Sunden 45 Minuten, eine Pause

"Liebe macht uns schwach" – damit endet das von J. E. Köpplinger rasant inszenierte Musical, in dem das Spiel von Lügen und Täuschungen, der gewollten Entfesselung von Trieben, der Lust an Intrigen – und sogar tragischer echter Liebe! – schließlich zu gesellschaftlicher Ächtung und Tod führt. Alles dreht sich um diese Themen – und so dreht sich die Bühne, um in raschem Szenenwechsel Täter und Opfer zu zeigen, wie sie sich in immer neuen Konstellationen einander nähern und entfernen. Das Hauptrequisit ist ein großer verstellbarer Spiegel, der den Zuschauer zum doppelten Voyeur macht. Pikante Szenen einer ungezügelten Gesellschaft wechseln ab mit den spannungsgeladenen Zweier-Begegnungen voller Begehren und Hingabe, Triumph und Desillusionierung – intensiviert durch die Personenchoreographie des Co-Regisseurs Adam Cooper. Marc Schubrings Musik wechselt zwi-schen Untermalung, Sprechgesang und starken Arien mit ständig wachsender Dramatik. Die große Wirkung des ganzen bös-bunten Kostüm-Spektakels ist jedoch den brillanten Sänger-Darstellern zu verdanken. Das Publikum dankte ihnen mit begeistertem Applaus. sl

"Dantons Tod" im Gärtnerplatztheater

Oper von Gottfried von Einem
Premiere am 11. Oktober 2018
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

Georg Büchners Drama um die Revolution, die ihre Helden selbst vernichtet, ist für den Regisseur Günter Krämer so wichtig, dass Textzitate auf der karg ausgestatteten Drehbühne leuchten, von den Sängern rezitiert werden, Flugblätter an den Logentüren kleben, am Schluss ins Publikum flattern. Die Regie erzählt hier nicht nur die Geschichte des Revolutionärs Danton, der die Gefahr der Fanatisierung erkennt und gegensteuern will, dabei aber mit seinen Gefährten scheitert, sondern auch von menschlichen Grundfragen wie Verführbarkeit der Massen, Macht- aber auch von Lebensgier, Angst vor dem Tod – und Liebe. Das Schwarzgrau der Bühne paart sich mit gleißendem Licht, an und auf einem Tisch an der Rampe spielen sich Gelage ebenso wie das Tribunal ab. Schließlich steht der bloße Mensch im Mittelpunkt – und fällt buchstäblich der Macht des Stärkeren zum Opfer. Diese eindrücklichen Bilder passen bestens zur Gewalt der Musik – der mächtige Chor, die großartigen Sänger und das Orchester unter A. Bramall fesseln die Zuschauer mit nicht nachlassender Spannung. Diese Neuproduktion in ihrer "aufregenden Zeitlosigkeit" (SZ) sollte man nicht versäumen! s.l.

"Dionysos Stadt" in den Münchner Kammerspielen

Antikenprojekt von Christopher Rüping
Premiere am 6. Oktober 2018
Dauer: 10 Stunden, drei Pausen

Theater total: Mit seinem vierteiligen Antikenprojekt knüpft Regisseur Christopher Rüping an die Dionysien im alten Athen an, die fünf Tage währten und die Stadt in Theatertaumel versetzten. Auch die gestraffte Münchner Version – "nur" zehn Stunden – funktioniert bestens. Im ersten, sparsam bebilderten Teil erleben wir den von Zeus bestraften Prometheus im Käfig an den Kaukasus geschmiedet, der mit der Gabe des Feuers die Menschen über sich hinauswachsen lassen wollte. Doch sie schufen Bomben - eindringlich, laut und sprachgewaltig am Trojanischen Krieg vorgeführt, mit Zitaten aus der "Ilias" und Euripides‘ "Troerinnen". Den großen Schlachten folgen die privaten Kämpfe im Haus des Agamemnon, die in Blutbädern enden und bekanntlich mehreren Familienmitgliedern das Leben kosten, dargestellt als Daily Soap, mit Kameras und Komik und einer Party mit Publikum. Das Satyrspiel am Schluss ist hier ein Fußballmatch auf Kothurnen, begleitet von einem Text zum Sturz des Fußballgotts Zidane. Sieben spielwütige, großartige Akteure in etlichen Rollen, dazu Ernst und Spaß – kaum in jüngster Zeit hat man die Kammerspiele so begeistert und so theatersatt verlassen. sis

  

Premieren im September 2018

"Die Verlobung in St. Domingo" im Cuvilliéstheater/ Residenztheater

Schauspiel nach der Novelle von Heinrich von Kleist
Inszenierung: Robert Borgmann
Premiere am 29. September 2018
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

Kleists empfindsame Novelle über Liebe und Rebellion wird bei Borgmann zu einem Assoziationsfeuerwerk zwischen politischer Aktualität und Comedy aufgefrischt. Die Darsteller, kurios kostümiert, spielen alle Rollen im Wechsel. Im Mittelpunkt stehen Rassismus, Kolonialismus, Gender und die Relativität der Macht. Es sind die Nachwehen der Französischen Revolution. Auf St. Domingo (Haiti) tobt der siegreiche Aufstand der schwarzen Sklaven. Congo Hoango, obgleich arriviert, rächt sich tödlich an seinem Herrn. Die Liebesgeschichte zwischen dem Mischlingsmädchen Toni und dem Schweizer Gustav, der ideal-humanistisch beseelt, doch nicht zu Vertrauen fähig ist, endet in der Katastrophe. Auch Kleist und seine Geliebte begehen Selbstmord. Michael Jackson erwacht und rezitiert Heiner Müller. Seehofer schwebt als Luftballon vorüber. Mit Mathilde Bundschuh, Marcel Heupermann, Thomas Schmauser u.a. Starke Bilder, ergreifende Songs. avs

"Marat/Sade" im Residenztheater

Schauspiel von Peter Weiss
Inszenierung: Tina Lanik
Premiere am 27. September 2018
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

Wie man es auch dreht, nach der Französischen Revolution kommt der Despot Napoleon. Auf rotierender Bühne, in Kammern, auf Treppen, auf der Guillotine und oft im Bad des an einem Hautekzem leidenden Anführers Jean Paul Marat (Nils Strunk) entfaltet sich ein vielschichtiges Spektakel, das die Trikolore und jedermanns Kleidung und Körper blutrot färbt. Peter Weiss lässt sein bejubeltes Drama von 1964 im Irrenhaus spielen, in dem der radikale Individualist Marquis de Sade (Charlotte Schwab) und seine Mitpatienten die Verfolgung und Ermordung Marats zur Aufführung bringen. Das braucht Tina Laniks Inszenierung nicht, genug Verrücktheit auch so, als Marat von der Badewanne aus Todesurteile unterschreibt, dort von der Konterrevolutionärin Charlotte Corday erstochen wird und das Volk vergeblich auf Wohlstand wartet. Oder 15 Jahre später, als sich der Ausrufer (Michele Cuciuffo) in einen rappenden Napoleon verwandelt oder in den heutigen Verhältnissen, wie Marats Wutrede ans Publikum zeigt. Glänzende Schauspieler meistern Dispute und Zeitebenen flott und fabelhaft. sis

"Ein Sommernachtstraum" im Münchner Volkstheater

Komödie von William Shakespeare
Inszenierung: Kieran Joel
Premiere am 23. September 2018
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

Shakespeares Stücke sind ja so vielschichtig, dass man allerhand mit ihnen anstellen kann. Aber es ist schon vogelwild, was Regisseur Kieran Joel zur Saisoneröffnung im Volkstheater mit Shakespeares "Ein Sommernachtstraum" treibt. Er konzentriert sich auf die zwei jungen Paare, die im Original durch einen Zauberwald irren. Auf der Bühne hat Ausstatterin Bella Santos jedoch eine Theaterruine gebaut, in der die vier durcheinander Liebenden einen einzigen Traum durchleben. Sie tragen die gleichen Kleider und Beatles-Pilzkopf-Perücken, was die Liebe als oberflächliches Wechselspiel von sich selbst spiegelnden Egos erscheinen lässt. Max Wagner manipuliert als Puck die Illusionswelt des Quartetts. Zudem spielt ihnen ein dämonisches Handwerkertrio die tragische Romanze von Pyramus und Thisbe vor, während Elfenkönig Oberon und Gattin Titania als Zombiefiguren einer wahrlich bös‘ lüsternen Beziehung auftreten. Kieran Joel hat das Stück neu zusammengesetzt: Zu einem intensiv düsteren Essay über Liebe und Triebe, mit einem Ensemble, das sich konsequent in diesen irrwitzigen Albtraum wirft. mst

TheaGe-Kritiken zu den Premieren der vergangen Spielzeit 2017/18

 

 

Agrippina / Foto: Wilfired Hösl

 

 

Liliom / Foto: Thomas Dashuber

 

 

 

 

 

Alles Weitere kennen Sie aus dem Kino / Foto: Gabriela Neeb

 

 

Salome / Foto: Wilfried Hösl

 

Tschitti Tschitti Bäng Bäng / Foto: Thomas Dashuber

 

 

 

Melancholia / Foto: Armin Smailovic

 

 

 

Atlantis / Foto: Marie-Laure Briane

Atlantis / Foto: Marie-Laure Briane

 

 

Alceste / Foto: Wilfried Hösl

Alceste / Foto: Wilfried Hösl

 

 

Der junge Lord / Foto: Christian Pogo Zach

Der junge Lord / Foto: Christian Pogo Zach

 

 

Die Physiker / Foto: Arno Declair

 

 

 

 



Drei Schwestern in den Kammerspielen München / Foto: Judith Buss

 

 

On the Town im Gärtnerplatztheater München / Foto: Marie-Laure Briane


 

 

Warten auf Godot im Volkstheater / Foto: © Gabriela Neeb

Warten auf Godot im Volkstheater / Foto: © Gabriela Neeb
 

 

"La bohème" im Gärtnerplatztheater / Foto: Marie-Laure Briane

 

"La bohème" im Gärtnerplatztheater / Foto: Marie-Laure Briane

 

"Das Leben des Vernon Subutex" in den Münchner Kammerspielen / Foto: Arno Declair

 

"Das Leben des Vernon Subutex" in den Münchner Kammerspielen / Foto: Arno Declair

 


 

"Eine göttliche Komödie. Dante < > Pasolini" im Residenztheater / Foto: Matthias Horn




 

"La fanciulla del West" im Nationaltheater / Foto: © Wilfried Hösl

 

 

"Die Bakchen" im Cuvilliéstheater / Foto: Danny Willems

 

 

"Elektra" im Residenztheater München / Foto: Thomas Aurin

 

 

"King Arthur" im Gärtnerplatztheater München / Foto: Marie-Laure Briane

 

 

Karl V. and er Bayerischen Staatsoper / Foto: Wilfried Hösl

 

 

"Herakles" im Münchner Volkstheater / Foto: Arno Declair

 

 

 

 

"Drei Männer im Schnee" im Gärtnerplatztheater / Foto: Christian Pogo Zach

"Drei Männer im Schnee" im Gärtnerplatzhteater / Foto: Christian Pogo Zach

 

 

Doktor Alici in den Kammerspielen München / Foto: Armin Smailovic

 

 

 

Die Möwe im Cuviliéstheater Foto: © Federico Pedrotti

 

 

 

Die verkaufte Braut in der Bayerischen Staatsoper im Nationaltheater München / Foto: Wilfried Hösl

 

 

"Momo" im Gärtnerplatztheater / Foto: Christian Pogo Zach

 

"Momo" im Gärtnerplatztheater / Foto: Christian Pogo Zach

 

 

"Der Spieler" Im Residenztheater / Foto: Matthias Horn

 

 

 

"Macbeth" in den Münchner Kammerspielen / Foto: Thomas Aurin

 

 



"Glaube Liebe Hoffnung" im Münchner Volkstheater / Foto: Gabriela Neeb



 

"Otello" im Nationaltheater / Foto: © Wilfried Hösl

"Romeo und Julia" (Ballett) im Gärtnerplatztheater / Foto: © Marie-Laure Briane

"Romeo und Julia" (Ballett) im Gärtnerplatztheater / Foto: © Marie-Laure Briane

 

 

"Endspiel" im Residenztheater / Foto: Thomas Aurin

 

 

 

"Wiener Blut" im Gärtnerplatztheater / Foto: Christian Pogo Zach

 

 

 

 

 

#Genesis - A starting point in den Münchner Kammerspielen / Foto: David Baltzer

 

 

"Die Dämonen" Im Münchner Volkstheater / Foto: Gabriela Neeb

 

"Der nackte Wahnsinn" im Residenztheater München / Foto: Matthias Horn

 

 

"Gefährliche Liebschaften" im Gärtnerplatztheater / Foto: Thomas Dashuber

 

 

 

"Dantons Tod" im Gärtnerplatztheater / Foto: Christian Pogo Zach

 

 

 

 

"Dionysos Stadt" in den Münchner Kammerspielen / Foto:

 

 

 

Die Verlobung in St. Domingo im Cuvilliéstheater München / Foto: Andreas Pohlmann

 

 

 

"Marat/ Sade" im Residenztheater München / Foto: Matthias Horn

 

 

 

"Ein Sommernachtstraum" im Münchner Volkstheater / Foto: Arno Declair

 

 

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