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Kulturvielfalt zum ermäßigten Preis

Chevaliers de la rose

Mitte Februar 2021 war plötzlich zu hören und zu lesen, dass die Regierung des stolzen, weiß-blauen Freistaates nun den Zeitpunkt für gekommen hielte, die Bürgerinnen und Bürger der schönen, schwierigen Stadt und darüber hinaus jeden Bewohner, jede Bewohnerin der Fluren und Gaue vom Alpenkamm bis zum Maine von ihren Haarproblemen zu erlösen. Die Zeit der handbreit herausgewachsenen Haaransätze, der schief geschnittenen Ponyfransen, der Zottelfrisuren, sie sollte enden. Ein Styling-Angebot sollte jedem von Euch zur Verfügung stehen, ab 1. März. „Wunderbar“ dachtest Du und reihtest Dich ein in die Warteschlange derer, die hofften, auf dem Wege der Frisuroptimierung einen Teil ihres prä-apokalyptischen Selbst zurück zu bekommen. Jedoch. Die Coiffeure der Stadt waren wohl ein wenig aus der Übung geraten, in den Monaten ihrer erzwungenen Untätigkeit. Und vielleicht wurden sie auch zu sehr vom Ansturm überrollt. Jedenfalls verpasste man Dir am 11.3.2021 eine Art paramilitärischen Einheitsschnitt.

Frierend, mit fast kahl geschorenem Nacken und ungewohnt freiliegenden Ohren wandeltest Du danach durch die immer noch wintergraue Stadt, deren zerrüttete Plakatwände von Kulturereignissen kündeten, die entweder nie stattgefunden hatten oder nie stattfinden würden. Im Raum-Zeit-Kontinuum des Virus mit der Krone also, im Zustand des Wartens, des Verharrens, des Erinnerns an das immer weiter zurückliegende „Einst“. „Passing“, dachtest Du driftend. „Passing“. Die Realität der letzten Kammerspiel-Premiere vor der Zeitenwende, sie hatte Dich eingeholt. Eine gewesene Kulturberichterstatterin warst Du. Afficionada einer Welt, die nicht mehr zu existieren schien. Jedoch. Wie um Dir ein Zeichen zu geben, glomm in diesem Moment eine Art Scheinwerferlicht matt durch den Winter-Smog. „Theater?“ dachtest Du. „Bühne?“ Nein, Sonnenstudio, stelltest Du fest. Hautbräunungsangebot für jeden Bürger der schönen, schwierigen Stadt. „Ok“ dachtest Du, zogst widerstrebend Deine partikelfilternde Halbmaske übers Gesicht und gingst hinein.

Marlis Petersen in Der Rosenkavalier / Foto: Wilfried Hösl

Bei Deinem nächsten Versuch, ein wenig Kultur-via-Zoom zu erproben, saßest Du folglich mit viel zu kurz geschnittenen Haaren und viel zu höhensonnenverbranntem Gesicht vor dem PC. Anders aussehend, als noch vor vier Wochen, bei Reichlmayrs Amazonen-Vortrag. Jedoch nach wie vor gezeichnet von den Auswirkungen der Pandemie. Womit Du aber keineswegs alleine warst. Denn, so stelltest Du beim Klick auf die Homepage des Nationaltheaters fest, beispielsweise auch an Vladimir Jurowski, dem kommenden Generalmusikdirektor der Staatsoper und an Barrie Kosky, dem kultigen, quirligen Bühnenregisseur aus Berlin, waren die Repressalien der zurückliegenden Monate nicht spurlos vorübergegangen. Blass, nachdenklich waren beide in der Diskussions-Matinee anlässlich der bevorstehenden Online-Premiere ihrer Neuinszenierung von Richard Straussens „Rosenkavalier“ zu sehen. In Jurowskis schulterlanges, schwarz schimmerndes Winnetou-Haar hatten sich silberne Strähnen eingeschlichen, seit der Großen Schließung. Und Barrie Kosky sah beinahe lilienthal-haft verzottelt aus.

Umso funkelnder strahlte das Geschenk, das sie der schönen, schwierigen Stadt mit der Online-Präsentation des Musikkomödien-Klassikers am Nachmittag des 21.3.2021 machten. Wie um ihren eigenen Zustand und den der Welt zu reflektieren, hatten Kosky-Jurowski eine Studie zum Thema „Zeit“ aus der Geschichte der Feldmarschallin und ihres jungen Lovers gemacht, die sich im Schatten einer Standuhr mit rückwärts rotierenden Zeigern vollzog. Und zwar unter Aufbietung all der Opulenz, zu der das Haus unter Intendant Bachler fähig war. Ein greiser Cupido mit silbernen Flügeln auf einer silbernen, vierspännigen Prunkkutsche, gezogen von silbern ummantelten „Pferden“. Liebesduette. Wunderarien. Federkronen. Allongeperücken. Negligees. Rheingrafenhosen. Spitzenjabots. All das und noch viel mehr hatte man dem Virus mit der Krone abgerungen. Und so die bisherige, die heißgeliebte, nach beinahe 50 Jahren jedoch hoffnungslos aus der Zeit gefallene Inszenierung von Otto Schenk ins Zeitlos-Überzeitliche transferiert.

Geniestreich? Kraftakt? Willensanstrengung? Wie auch immer. Am 21.3.2021 avancierten Vladimir und Barrie zum Meister-Hora-Dream-Team der kulturell ausgezehrten, sozial aufs Blut gequälten, administrativ in Ketten liegenden Stadt. Was sie vor dem publikumslosen Zuschauerraum der Staatsoper in kleiner, Pandemie-gerechter Orchester-Besetzung zeigten, war maßstabsetzend. Denn es inszenierte kein Davor und kein Danach, jedoch ein heilendes Schweben ÜBER den Unbilden der vor mehr als einem Jahr heraufgedämmerten Zeit. Es setzte dem um sich greifenden Kulturverfall den Zauber einer silbernen Kavaliersrose entgegen, es aromatisierte die angst- und frustgeschwängerte Luft der schönen, schwierigen Stadt mit dem in der Oper von Sophie und Octavian besungenen Odeur persischen Rosenöls. Wenigstens für drei Stunden und 38 Minuten. Dafür kann Jurowski-Kosky nicht genug gedankt werden, dachtest Du, als Du an diesem Nachmittag kurz vor Einbruch der Abenddämmerung den PC nach unten fuhrst.

 

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