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Theatergemeinde
München

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Kulturvielfalt zum ermäßigten Preis

Die Ruhe und die Wirklichkeit

Früher, schneller, jäher als sonst, fiel dann der Herbst ein, in die schöne, schwierige Stadt. Ohne das weltgrößte Volksfest, das seit gefühlt unvordenklicher Zeit Jahr für Jahr Lebensfreude, Spaß und Sinnlichkeit einem finalen Höhepunkt entgegentreibt, bevor die Kälte kommt, wurde es plötzlich einfach dunkel und still und der ohnehin nur halbherzig gelebte Sommer war vorbei. Gesichtsverhüllte Kinder kehrten zurück in ihre Schulen. Menschen suchten ihre Arbeitsplätze wieder auf. Man fuhr Fahrrad, erging sich gesittet im Park, nahm hinter Distanzparavents in Gaststätten und Restaurants ein bescheidenes Essen ein. Dankbar für das Wenige, was möglich war. An den Kammerspielen betrat eine kluge Frau mit dunklen Augen und kurzgeschnittenem, silberweißem Haar die verwaisten Räume, um das Zepter zu übernehmen, das Kultur-Clochard Matthias aus der Hand gegeben hatte. Bereit, eine schamaninnenhafte Regentschaft anzutreten. Mit einem wunderbar divers aufgestelltem Team und klar formuliertem Plan:

„Don’t let reality rest“/ “Die Wirklichkeit nicht in Ruhe lassen“ - so kündete es in schwarzer Schrift auf weißem Grund von den Plakatflächen quer durch die Stadt. Und die Theater folgten dem Programm. Am Resi traten zur Spielzeiteröffnung endlich wieder Ulrich Rasches schwarz gekleidete Maschinenmenschen an, um mit dem Text von Kleists „Erdbeben in Chili“ gegen inneres Gefangensein und Identitätsverlust anzuskandieren. In kleinerer Besetzung als bisher. Auf endlos rotierender Drehbühne, in einem neunköpfigen Team. Aber nicht weniger düster, nicht weniger zeitnah, nicht weniger beklemmend, als man es von raumgreifenderen Inszenierungen des Meisters kannte. In der Komödie im Bayerischen Hof versuchte man mit dem britischen Boulevardklassiker „Halbe Wahrheiten“ das eingeschüchterte Publikum zurück in die samtenen Räume zu locken. Und an den Kammerspielen selbst wurde „Touch“ gegeben – eine flirrende, schimmernde Tanzperformance hart an den Grenzen und Rändern der neuen Kontakt- und Bewegungstabus.

Das Erdbeben von Chili / Foto: Sandra Then

Das alles hätte sehr schön sein können. Der Theater-Flow war zurückgekehrt in die Stadt. Mit neuen Ideen, neuen Antworten, neuen herausfordernden Gestaltungsmitteln und Bildern. Dem Projekt „Scores that shaped our friendship“ beispielsweise, bei dem der fragile, nicht normgemäße Körper der Performerin Lucy Wilke mit der idealtypischen, modellhaften Statur des Tänzers Pavel Dudus eine zutiefst berührende Symbiose eingeht. Im Werkraum der Kammerspiele, wo für jeden einzelnen Zuschauer ein großes, orientalisches Bodensitzkissen reserviert war. Jedoch. Die Speiselokale der schönen, schwierigen Stadt waren behördlicherseits bereits zur Schließung verpflichtet worden, als Du eines Abends Ende Oktober nach dieser Veranstaltung auf die Straße tratest. Das Virus mit der Krone würde die Gesundheit zu vieler Personen angreifen, wurde gesagt. Auch in Distanzkreisen, hinter Trennglasscheiben und Gesichtsschleiern sei es erneut nicht mehr verantwortbar, dass Menschen sich träfen. Die kurze Zeit der Hoffnung, sie war vorbei.

„Seltsam, durch Städte zu wandern“ drängt sich seitdem frei nach Hermann Hesse auf zu denken, wenn man draußen unterwegs ist. „Kein Mensch erkennt mehr den andern. Jeder ist allein.“ Verhüllt. Vermummt. Mit leerem Blick hinter beschlagenen Brillengläsern. So mäandern die einst so stolzen, fein zurechtgemachten Bewohner der schönen, schwierigen Stadt durch die nebelverhangenen Straßen. Vorbei an heruntergelassenen Rollos, geschlossenen Türen, Schaufenstern, hinter denen noch die Artefakte einer versunkenen Zeit zum Kauf feilgeboten werden, ohne Bezug zur Realität. Die uns, da sie dieser Tage mächtiger scheint als alles künstlerische Bemühen, leider NICHT in Ruhe lässt. Die uns, die wir uns in Ballettdarbietungen fanden und trafen, die wir beim Vortrag live gesungener Opernarien dahinschmolzen, nun hineinzwingt in eine instinktgesteuerte Daseinsform auf Flucht- und Klein-Tier-Niveau. Beherrscht vom atavistischen Programm der Vorratssicherung, der Hypervigilanz. Ohne Erinnerung an Kultur.

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