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Hair-Ermitage

Sehr bald, am 8. Februar 2021, saßest Du bei Einbruch der Abenddämmerung bereits wieder vor Deinem PC, um an einer virtuellen Reichlmayr-Führung teilzunehmen. Im Home-Office-Chic, also in Leggings, Oversize-Strickkleid, mit sonnenentwöhnter Haut und mühsam zu einem „absichtlich-unperfekten“ Look zurechtgezupftem, nicht mehr wirklich kurz geschnittenem Haar. Genau wie die übrigen Besucherinnen und Besucher des Online-Treffens, die wohlbehalten und entspannt, jedoch mit abenteuerlichen Do-it-yourself-Frisuren aus ihren Wohnzimmern ins Rund der briefmarkengroßen Zoom-Bildchen grüßten. Denn, einen Friseur-Salon hatte seit Ende November 2020 kein Bewohner der schönen, schwierigen Stadt, keine Teilnehmerin der traditionsreichen Kultureinrichtung, für die Du arbeitest und schreibst, mehr von innen gesehen. Ebensowenig wie einen Konzertsaal, ein Opernhaus, einen Zuschauerraum oder gar ein Restaurant. Alle wart Ihr überwiegend zu Hause gewesen, ohne Besuche, ohne nächtliches Ausgehen, ohne Life-Kultur. Jeder. Auch Du. 

Amazonen-Statue vor der Villa Stuck / Foto: Georg Reichlmayr

So nahmst Du, verwildert und sozial entwöhnt wie Du warst, erstmal einen kräftigen Schluck aus der Teetasse in Deiner rechten Hand und begannst zeitgleich die widerspenstigen Strähnen Deines Vogelnest-Haars um die Finger der Linken zu drehen, als Reichlmayr „aus“ dem toskanischen Villen-Flügel des Lenbachhauses mit seinem Online-Vortrag über Amazonen bzw. „Frauenbilder“ in der Kunsthistorie der schönen, schwierigen Stadt begann. Dass es eigentlich ein Referat über die kulturgeschichtliche Bedeutung von Körpernähe, Bewegungsfreiheit, über die Symbolsprache von Haartracht und Kleidung war, dämmerte Dir, als Dein Blick auf das prachtvoll arrangierte Haupthaar der Dibutades-Tochter im Gemälde „Die Entstehung der Kunst“ von Jean-Baptiste Regnault fiel. Eingedreht in ein Bindetuch aus reinweißem Leinen, im Nackenbereich zu einem kunstvoll geflochtenen, nahezu mittig im Bild prangenden Knoten drapiert, bildete es eine Art absolutes Zentrum auf dem Monitor Deines PC, ja, einen Sehnsuchts-Ort, dessen Magnetismus kaum zu wiederstehen war.

Die Unattraktivität Deines eigenen Zustands kam Dir noch stärker zu Bewusstsein, als Reichlmayr nach einem kurzen Exkurs über das in antike, rotfigurige Keramik gebrannte Sirenen-Trauma des Odysseus dazu überging, die Schlüsselsätze aus Heinrich Heines Nachdichtung des Rheinmährchens von Clemens Brentano zu rezitieren. „Die schönste Jungfrau sitzet/ dort oben wunderbar“ trug er mit eindringlicher Stimme vor, während Deine Finger wieder und wieder durch die Un-Frisur auf Deinem Kopf streiften. „Ihr goldnes Geschmeide blitzet/ sie kämmt ihr goldenes Haar.“ - „Sie kämmt es mit goldenem Kamme/ und singet ein Lied dabei“ wolltest Du schulmädchenhaft mitskandieren. Da ließ der Anblick der mit gebieterisch erhobenem Arm gen wetterleuchtende Wolken weisenden Kraft-Loreley des Nazareners Edward Jacob von Steinle Dich verstummen. Flammengleich loderten die Strähnen ihres schmuckdurchwirkten Wunderhaares im Bidschirmlicht, während sie vom halsbrecherisch schmalen Felsvorsprung auf ihre Laute gestützt in die Tiefe unter sich spähte. Majestätisch. Einsam. Grandios.

Gisela Stein 1996 in „Ithaka“ von Botho Strauss an den Münchner Kammerspielen Dt. Theatermuseum / Oda Sternberg

Was Reichlmayr über Hetären, die hochkultivierten Liebesdienerinnen der Antike referierte, war ebenso fasziniernd, wie sein mythologisches Essay über die rasenden Mänaden im Gefolge des Dionysos und über das Volk der männermordenden Amazonen. Und doch kam es nur schemenhaft bei Dir an. Denn, EIN ikonenhaftes Bild, das er präsentierte, übertraf jeden anderen Moment des mit kulturellen Aha-Effekten mehr als reich gesegneten Online-Vortrags: Gisela Stein, Theatergöttin, Edel-Tragödin, Ideal-Darstellerin von Bühnenmagier Dieter Dorn während der grossen, der goldenen, der unvergessenen Ära ihrer beider Wirkens in der schönen, schwierigen Stadt. Als Penthesilea, Königin der Amazonen, auf der Bühne der Kammerspiele von Epochenfotografin Oda Sternberg kongenial ins Bild gesetzt. Mit straff zurückgekämmtem, kupferrot schimmerndem, von einer goldenen Rüstspange zusammengehaltenem Haar. Mit unbezwingbarem, stolzem Blick. Ganz Haltung. Ganz Würde. Ganz Kriegerin. Ganz Siegerin. Vollkommen souverän.

Dein eigener Kopf schwirrte unter seinen schlecht frisierten, pandemiegeschädigten Haaren von all den audiovisuellen Highlights, als Du an diesem Abend den PC herunterfuhrst. Denn, eins hatte Reichlmayrs kunsthistorische Präsentation von quasi-göttlicher, überwältigender, verstummen machender Weiblichkeit in der Einsamkeit Deiner Home-Office-Welt zweifelsfrei klargestellt: menschliches Erleben und künstlerisches Tun hatte sich immer schon im Draußen, in der Bewegung und im Miteinander abgespielt. Auf Meeren, Felsklippen, Schlachtfeldern, der Gefahr verschlungen, zerfetzt, erschlagen oder gar INFIZIERT zu werden zum Trotz. Denn, nur so ist Weiterentwicklung möglich. Weder Penthesilea, noch Gisela Stein, weder Hetäre Neaira, noch Kora von Sicyon, noch sonst ein Weib aus Reichlmayrs Frauenbild-Vortrag hätte sich monatelang einsperren, hinter Gesichtsverhüllungen verstecken, und ihr Äusseres auf behördliche Anordnung verkommen lassen. KEINE. Und deshalb, ja deshalb war es nun allerhöchste Zeit, die Hair-Ermitage zu verlassen.  

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