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Schwere Reiter: Ein Interim für die Ewigkeit

Mit dem neuen Schwere Reiter im Kreativquartier hat die Freie Szene Münchens eine frische Spielstätte mit Signalwirkung für die ganze Stadt. TheaGe-Autor Michael Stadler führte im September 2021 ein Gespräch mit den Betreiber*innen des Drei-Sparten-Hauses.

Judith Huber, Micha Purucker, Lea Ralfs, Christiane Böhmke Geisse, Ingrid Kalka) / Foto: G. Neeb

Es ist schon beachtlich, wie viele Münchner Kultur-Bauprojekte trotz Pandemie in diesem Jahr fertig gestellt werden konnten: Im Februar öffnete das Kulturzentrum Luise am Alten Südbahnhof, im Oktober der Neubau des Volkstheaters im Schlachthofviertel sowie die Gasteig-Ausweichstätte HP8 mitsamt der Isarphilharmonie in Sendling. Und auch die Freie Szene Münchens hat jetzt eine neue Spielstätte! Direkt gegenüber vom alten Schwere Reiter wurde ein taufrischer Neubau hochgezogen: für 3,5 Millionen Euro, entworfen und realisiert vom Münchner Architekturbüro Mahlknecht Herrle. Der mit seinen massiven Spundwänden stark ins Auge fallende Bau wurde Mitte September mit einem zweitägigen Performance-Reigen eröffnet. Was von dem neuen Schwere Reiter zu halten ist, was die Zukunft bringt, aber auch, welche Geschichte mit dem Freie-Szene-Biotop verbunden ist – darüber hat die Theatergemeinde mit den Programmverantwortlichen der drei im Haus vertretenen Sparten gesprochen: mit Micha Purucker von der Tanztendenz München, Christiane Böhnke-Geisse von „scope – Spielraum für aktuelle Musik“ sowie Judith Huber und Lea Ralfs vom Pathos München e.V.

THEATERGEMEINDE: Zunächst mal ein Blick zurück: Herr Purucker, Sie waren 2008 dabei, als der Schwere Reiter als Drei-Sparten-Haus für die hiesige Freie Szene eröffnet wurde. Wie kam es dazu?

MICHA PURUCKER: Ach, die Geschichte kennen wir glaube ich alle ganz gut… Das war so ein Kairos-Moment: Johanna Richter von der Tanztendenz und Jörg Witte vom Pathos haben einfach sehr schnell geschnallt, dass sich gerade die Möglichkeit ergibt, eine Spielstätte aufzumachen. Zuvor hatte die Otto-Falckenberg-Schule, an der Johanna unterrichtete, auf dem Gelände ihr Ausweichquartier gehabt. Als die Renovierung der Kammerspiele beendet war und die Schauspielschüler dort wieder proben konnten, wurden die Gebäude frei. Das Kulturreferat war bald mit an Bord und hat uns gefragt, in welche Richtung das gehen könnte. Uns war vor allem wichtig, dass es endlich ein Atelier für die freie Szene gibt, eine Werkstatt zum Arbeiten. Und das war der Schwere Reiter dann auch: eine Werkstatt!

Wie war denn diese Werkstatt ausgestattet?

Gar nicht! Hier gab es keinen Haustechniker, kein technisches Equipment. Jeder Scheinwerfer musste angeschleppt werden. Wir haben schon auch Unterstützung bekommen, zum Beispiel von Leuten vom Residenztheater. Aber insgesamt war das schon krass – und gleichzeitig sehr schön! Wir hatten plötzlich diesen Freiraum, in diesem Brachland mitten in der Stadt. Es hat dann auch gedauert, bis die Leute sich nicht mehr gescheut haben, die vier Stationen vom Hauptbahnhof mit der Tram-Bahn hierher zu fahren. Aber über die Jahre hat sich der Ort etabliert. Klar war von Anfang an auch, dass die Neue Musik einen Platz hat. Die Akustik ist ja wunderschön, trotz bimmelnder Trambahnen außenrum.

Neubau Schwere Reiter / Foto: Franz Kimmel

Für die Neue Musik war zuerst Karl Wallowsky mit seinem „Kunstbahnsteig“ zuständig. 2018 haben dann Sie, Frau Böhnke-Geisse, mit „scope – Spielraum für aktuelle Musik“ diese Stelle übernommen.

CHRISTIANE BÖHNKE-GEISSE: Ja. Das Kulturreferat ist bereits 2018 auf mich zugekommen, da wusste ich noch gar nicht, dass Karl aufhören wollte. Ich hatte zuvor 24 Jahre lang die Unterfahrt geleitet und war dabei, mir eine Pause zu nehmen. Ich hatte schon immer eine Nähe zur Neuen Musik, allein schon, weil mein Mann Gunnar Geisse in diesem Bereich als Komponist und Musiker arbeitet. Ich war auch viel in den Konzerten im Schwere Reiter, hab mir das dann genau überlegt, um letztlich zuzusagen und im Januar 2019 anzufangen.

Wurden Sie dann nicht dennoch ins kalte Wasser geworfen?

Nein, so hat sich das nicht angefühlt. In der Unterfahrt fanden ja 350 Konzerte im Jahr statt, auf einem sehr internationalen Level. Beim Schwere Reiter stand und steht im Vordergrund, die freie Szene Münchens im Bereich der Neuen Musik möglichst weitgehend abzubilden. Gerne auch mit Gästen von außen, aber ich habe hier nicht den Auftrag, das Programm zu „verinternationalisieren“. Das „kalte Wasser“ habe ich eher empfunden, wenn der Circus Roncalli auf dem Platz draußen wochenlang gastierte und ich wegen des Lärms alle Konzerte absagen musste. Sowas habe ich zuvor noch nie erlebt.

Wegen des Neubaus hat der Circus Roncalli jetzt wohl keinen Platz mehr.

Ja, wir sind jetzt Roncalli! Wobei Corona wieder alles durcheinandergebracht hat. Ich bin hier seit 2018, aber im Grunde habe ich bis jetzt nur ein dreiviertel Jahr „normalen“ Spielbetrieb mitbekommen. Dafür haben wir alles ganz gut gemeistert. Improvisation gehört hier einfach auch zum Tagesgeschäft dazu – was ich sehr schätze! Wäre ja schade, wenn hier alles im Fünf-Minuten-Takt durchorganisiert wäre.

Frau Huber und Frau Ralfs, seit 2019 leiten Sie das Pathos Theater, das sowohl ein eigenes Gebäude im Kreativquartier hat sowie einzelne Produktionen, vor allem Gastproduktionen, im Schwere Reiter zeigt. Sie, Frau Huber, haben das Schwere Reiter zunächst als Performerin kennengelernt, oder?

JUDITH HUBER: Ja genau. Ich bin hier schon in der Anfangszeit aufgetreten und habe den Schwere Reiter sehr schnell lieben gelernt. Wie Micha schon sagte, hat man hier auf dem Gelände und im Raum selbst wahnsinnig viele Freiheiten. Der Schwere Reiter ist als Ort ganz eigen, sehr charismatisch.

Dennoch hat das Gebäude ein paar Mängel. Wann haben sich denn diese gezeigt?

MICHA PURUCKER: Von Anfang an. Ich glaube auch, wir hätten hier nicht so leicht hineinschlüpfen können, wenn wir nicht bereit gewesen wären, mit manchen Dingen umzugehen. Wasser kommt, wann es will. Heizung gibt es, ja, aber manchmal war es hier doch oft sehr kalt. Dafür kochend heißes Wasser beim Duschen. Die Duschen haben wir auch erstmal einbauen müssen, und im Winter musste man schon mal aufs Dach und den Schnee runterschippen, weil nicht so ganz sicher war, ob das hält. 

CHRISTIANE BÖHNKE-GEISSE: Diese Mängel waren aber letztlich gar nicht so entscheidend. Es ging vor allem darum, dass der Brandschutz unzureichend war. Rechts und links vom Haus gibt es keine Brandschutzmauern, das ist für einen öffentlich genutzten Raum nicht erlaubt. Das Schwere Reiter war als Interims-Gebäude angelegt, weshalb jedes Jahr aufs Neue eine Verlängerung der Nutzung beantragt werden musste. Insofern ging jedes Jahr das gleiche Spiel los: Man versuchte, den Mangel im Brandschutz auszugleichen – gut beschilderte Notausgänge, Feuerlöscher an jeder Ecke – und die Brandschutzdirektion sagte, wir sehen eure Bemühungen und geben euch noch ein Jahr. 

Aber dieses Spiel konnte nicht ewig so weiter gehen.

Genau. Es wurde dann erstmal angedacht, ein Interimsgebäude zu bauen, dann das alte Schwere Reiter während der Zwischennutzung zu sanieren und wenn die Sanierung fertig ist, dorthin wieder zurückzuziehen. Aber das Kulturreferat hat gemerkt, dass das viel zu teuer wird. Da der Stadtrat das Interimsgebäude bereits genehmigt hatte, hat man sich dann dazu entschlossen, richtig in das neue Schwere Reiter zu investieren, mit einer veranschlagten Interimsnutzungszeit von zehn Jahren.

LEA RALFS: Es gibt dazu noch ganz andere Geschichten. Zum Beispiel, dass der damalige Kulturreferent Hans-Georg Küppers bei einer Veranstaltung im Schwere Reiter war und auf der Toilette den Künstlerinnen, die er auf der Bühne sehen würde, begegnet ist. Die Toiletten von Publikum und Performern waren ja im alten Schwere Reiter nicht getrennt, das hat schon immer beide Seiten gestört. 

JUDITH HUBER: Und war es nicht so, Micha, dass zunächst ein Bierzelt geplant war?

MICHA PURUCKER: Ja, der erste Vorschlag war ein Bierzelt, eins mit Holzboden. Die Münchner Gewerbehofgesellschaft, die jetzt Herr auf dem Gelände ist, kommt recht schnell mit solchen Ideen. Dann hat Karl Wallowsky den Architekten Lukas Mahlknecht angefragt, ob der nicht einen anderen Vorschlag machen könnte. Ich kann mich noch an die erste Sitzung erinnern, als der erste Entwurf von Mahlknecht Herrle auf dem Tisch lag und alle gesehen haben, ups, das könnte was Tolles werden!

Bühne im Neubau Schwere Reiter / Foto:Oliver Jaist

Gehören die Spundwände, die aus Baustahl hergestellt werden und eigentlich im Hafenbau und zur Stabilisierung von Baugruben verwendet werden, auch schon zu diesem ersten Entwurf?

LEA RALFS: Ja. Die Auflage für das neue Gebäude war ja von Anfang an, dass es nachhaltig und wieder abbaubar sein sollte. 

MICHA PURUCKER:. Diese roughe industrielle Anmutung finde ich auch super. Es ist jetzt nicht so, dass wir Berlin mit so einem Kreativ-Bullerbü nachmachen, sondern das Gebäude wirkt zeitgenössisch und ist auch ein tolles kulturpolitisches Signal an die freie Szene und das Publikum! 

CHRISTIANE BÖHNKE-GEISSE: Es hat auch eine ganz andere Sichtbarkeit. Es stehen jetzt zwar diese bunten Container davor, aber man sieht das Foyer-Fenster von der Dachauerstraße aus. Das zieht die Leute an. Viele kommen auch und wollen erstmal wissen, was in diesem Gebäude überhaupt los ist.

Obwohl es Verzögerungen mit dem Baustart gab, war das Gebäude dann recht schnell, in gerademal eineinhalb Jahren, gebaut.

MICHA PURUCKER: Und ohne Corona wäre es sicherlich noch schneller gegangen! Es gab übrigens einen Höllenlärm, als diese Stahlträger fünf oder sechs Meter in den Boden gerammt wurden. Mit Nachhämmern hat das gerade mal eine Woche gedauert. Dabei ist diese Außenhülle die ganze tragende Konstruktion. Ich würde mal sagen, das ist Interim, aber auch ein bisschen für die Ewigkeit.

Eine neue Studiobühne als Probenraum und möglicher zweiter Aufführungsort gibt es auch noch…

JUDITH HUBER: …und es gibt wesentlich mehr Begegnungsflächen! Dadurch, dass die Gänge hinter den Bühnen durchlaufen, können die Leute, die hier proben, sich wesentlich öfter begegnen. Und die Büros sind besser ausgestattet, die Küche, die Garderoben. Das ist schon eine totale Verbesserung.

Etwas verwunderlich ist jedoch, dass der Hauptbühnenraum im Neubau exakt gleich gebaut wurde wie im alten Schwere Reiter. Hat der Stadtrat auf diese Kopie bestanden?

CHRISTIANE BÖHNKE-GEISSE: Würde ich nicht sagen. Das hat schon mit der Ansage des Kulturreferats zu tun, dass das eben ein Interims-Gebäude ist, das auch nicht viel besser sein muss als das alte. Das ist auch eine Geldfrage. Und Karl Wallowsky war es ganz wichtig, die gute Akustik zu bewahren. Dann hat man überlegt, wie man die Akustik aus dem alten in den neuen Schwere Reiter transportieren kann, und ist darauf gekommen, dass man den Raum nochmal genauso baut. 

JUDITH HUBER: Vielleicht denkt man sich im Nachhinein, es wäre schon schöner gewesen, den neuen Raum noch ein paar Meter höher zu bauen. Aber ich glaube, dann wäre es auch nicht durchgegangen. 

MICHA PURUCKER: Unabhängig davon war das Verhältnis von Spiel- zu Publikumsfläche, zwei Drittel zu einem Drittel, schon im alten Schwere Reiter optimal, gerade für den zeitgenössischen Tanz. 

Seit letztem Jahr bekommt der Schwere Reiter eine städtische Förderung von 150 000 Euro. Für was wird das Geld verwendet?

CHRISTIANE BÖHNKE-GEISSE: Zunächst mal arbeiten wir ja inhaltlich getrennt voneinander und bekommen jeweils eine eigene Förderung. Über die Jahre hinweg wurde aber klar, dass wir für den Schwere Reiter einen eigenen technischen Leiter brauchen, dass es eine Geschäftsführung, eine Assistenz und weitere feste Stellen braucht, dass wir auch gemeinsam Material benötigen und benutzen, weshalb wir 2020 eine GbR gebildet haben, die jetzt einen städtischen Zuschuss bekommt.  

JUDITH HUBER: Und inhaltlich haben wir auch eine geförderte Residenz, die wir zu dritt ausschreiben.

Neubau Schwere Reiter / Foto: Oliver Jaist

Wie stimmen Sie sich terminlich ab? Jede Sparte möchte ja im gleichen Maße bedient werden.

CHRISTIANE BÖHNKE-GEISSE: Jede Sparte hat im Prinzip fünfzehn Wochen zur Verfügung. Davon ausgehend müssen wir immer wieder schauen, wer wann wie zum Zug kommt. 

JUDITH HUBER: Dann gibt es auch Festivals, die noch mal einen Extra-Zeitraum belegen. Das ist schon ein bisschen wie Tetris spielen. Wir treffen uns einmal die Woche und planen mittlerweile auch sehr langfristig, da wir gemerkt haben, dass auch die jeweiligen Gruppen länger vorausplanen wollen.

Beide, der alte und der neue Schwere Reiter, werden noch bis Ende Oktober bespielt. Herr Purucker, Sie bestreiten Ende Oktober die letzte Uraufführung im alten Schwere Reiter mit der Tanzperformance „threats + knots“. Was passiert danach mit dem alten Gebäude?

MICHA PURUCKER: Das MUCCA oder das International Munich ArtLab, die hier in unmittelbarer Nähe angesiedelt sind, müssen wohl in nächster Zukunft ebenfalls ertüchtigt werden und können während dieser Umbauzeiten wiederum interimsmäßig ins alte Schwere Reiter umgesiedelt werden.

CHRISTIANE BÖHNKE-GEISSE: Wobei die dann auch wirklich wieder in ihre Gebäude zurückkehren.

Verbinden Sie jetzt mit dem neuen Schwere Reiter irgendwelche Visionen, Träume, Wünsche? 

JUDITH HUBER: Ich fände es wünschenswert, wenn die drei Sparten sich noch mehr vermischen würden, dass die Künstlerinnen und Künstler sich noch häufiger begegnen und gegenseitig inspirieren. So eine Spielstätte der Vernetzung ist doch eine schöne Vision für das neue Haus.

CHRISTIANE BÖHNKE-GEISSE: Ich fände es schön, wenn die Leute nicht nur sagen, „Ich gehe heute Abend zur Neuen Musik“, sondern „Ich gehe heute Abend ins Schwere Reiter“. Und dabei ist es egal, welche Sparte gerade bedient wird.  

MICHA PURUCKER: Das ist zwar hoch gegriffen, aber damals war das so mit der Alabama-Halle. Man wusste, man geht da hin und sieht immer was Interessantes. 

JUDITH HUBER: Uns verbindet ja auch, dass wir immer zeitgenössische Kunst zeigen. 

CHRISTIANE BÖHNKE-GEISSE: So ein Haus, das alle, die sich für zeitgenössische Kunst interessieren, anzieht…

MICHA PURUCKER: …da müssen wir hin.

Schwere Reiter, Dachauer Straße 116 bzw. 114 a, Programm unter www.schwerereiter.de

 

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