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Kulturvielfalt zum ermäßigten Preis

Streamt weiter! Aber ohne mich …

Ab dem Frühjahr 2021 gewannst Du zunehmend den Eindruck, dass auch die Kreisläufe der Natur im Jahr Zwei der pandemischen Zeitrechnung aus ihrer Ordnung geraten und dem Regime des Kälte-affinen Virus mit der Krone untertan gemacht worden seien. Denn anders als sonst wollte es im einstigen Wonnemonat Mai einfach nicht heller, wärmer oder blühender werden in den Gärten, den Parkanlagen, den Avenuen der schönen, schwierigen Stadt. Es regnete viel. Und dazu wehte, wie um die gesellschaftliche und medizinische Situation abzubilden, fast ständig ein scharfer, atlantischer Wind durch die Straßen und trieb die verfrorenen Bewohner mit ihren schnabeltierartig eingerüsteten Gesichtern auf ihren immergleichen Pfaden vor sich her. Zur Bürgertest-Stelle. Zum Hausarzt. Zur Apotheke. Zum Impfzentrum. Zum Baumarkt. Zum Blumengeschäft. Zum hektischen Einkauf von Dingen des täglichen Bedarfs. Und wieder zurück ins Haus, in die Wohnung, ins Homeoffice, zu den Streamingdiensten, den Zoom-Angeboten, den Online-Event-Surrogaten vor dem heimatlichen PC.

Pauline Fusban in "Es waren ihrer sechs" / Foto: © Wojciech Sobolewski

Zum Zumba- und Rücken-Fit-Kurs des noch immer geschlossenen Fitnessstudios via Zoom. Zur Jamulus-gestützten Mitmach-Gesangsstunde eines tapferen Kirchenchores am südlichen Rande des Mittleren Rings. Zum Online-Maccaron-und-Cupcake-Backen mit jungen Patisserie-Künstlerinnen aus dem Franzosen-Viertel. Zum digitalen Haute-Cuisine-Cooking mit den jungen, wilden, wütenden Sterne-Köchen vom Urban-Art-Restaurant Mural. Zum Häkeln. Zum Stricken. Zum Bauchtanzen. Zum Virtual-Community-Lesen von Werken der Weltliteratur. Das Leben war ein einziger langer Stream. Ein Freund sandte Dir Mitschnitte von Online-Kultur aus den Schauspielhäusern von Zürich, Basel, Bochum und Berlin. Du selbst streamtest „Gespenster – Erika, Klaus und der Zauberer“ an den Kammerspielen und „Es waren ihrer sechs“ am Resi. Die dysfunktional-inzestuösen Verhältnisse innerhalb der Literatenfamilie Mann. Die schiksalhaft-idealistische Verbindung zwischen Hans und Sophie Scholl. Brüderlein. Schwesterlein. Zerbrochen an oder in der schönen, schwierigen Stadt.

So interessant es auch war. Vexierspiele im Glaskubus hier. Gefilmte Real-Life-Theatralik auf der Ludwigstraße dort. Familienhistorie. Postdramatisches Agieren nach allen Regeln der Kunst. Irgendwann kam der Moment, in dem Du nicht mehr streamen, zoomen, Dich online irgendwo einloggen wolltest, um irgendetwas Performatives von irgendwelchen Darsteller-Avataren zu erleben und gleichzeitig in Deiner Teetasse zu rühren, auf Deinem Handy herumzutippen, Deine Zehennägel zu lackieren oder gar mit einem Papiertaschentuch in Deiner vom vielen Schnell-Testen ramponierten Nasenschleimhaut herumzupulen. Denn, so dachtest Du, während Du Pauline-Fusban-als-Sophie-Scholl pandemiekonform gesichtsverhüllt zum Lichthof der Universität irrlichtern sahst, all das, was sich da auf und um Deinen PC-Bildschirm herum tat, hatte mit Deinem Verständnis von Kulturerleben mit jedem Tag weniger zu tun. „Streamt weiter! Aber ohne mich!“ dachtest Du im Mai 2021, als Du eines Abends entschiedst, Deinen PC in Sachen Online-Theater letztmalig nach unten zu fahren.

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