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Kulturvielfalt zum ermäßigten Preis

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Theater dahoam?

Natürlich, es gab die Online-Angebote, in der Zeit des Eingeschlossenseins. Kultur im Netz. Streaming von Opernhighlights. Virtuelles Umherspazieren in Museen. Digitales Nach-Erleben von legendären Theater-Momenten. Oder „gemeinsames“ Raven zu Techno-Tracks. All das gab es, als jeder Bewohner der schönen, schwierigen Stadt, die gekrönte Häupter normalerweise jubelnd und fähnleinschwenkend willkommen heisst, sein Zuhause nur noch für kleine Besorgungen und kurze Spaziergänge verlassen durfte. Um, ja klar, um den Triumphzug des Virus mit der Krone über historische Strassenzüge und Plätze nicht unnötig zu stören. Vom Staatsschauspiel gab es deshalb das „Tagebuch eines geschlossenen Theaters“. Kurze Video-Collagen über das herabgedimmte Leben der jüngeren Ensemble-Mitglieder in ihren Wohnungen und in der entvölkert scheinenden Stadt. Es gab die Aktion „Resi ruft an“. Kulturelle Telefonseelsorge? Telefonstreich? Oder Blind Date? Jedenfalls würde ein Staatsschauspieler zu Hause anrufen.

Oder eine Staatsschauspielerin, natürlich. Je nachdem. Es sollte eine Überraschung sein. Deshalb konnte man vorher nicht wissen, wer sich melden würde. Nur den Zeitpunkt konnte man vereinbaren. Sonst nichts. Diese Unwägbarkeit machte Dir persönlich Angst. Schliesslich war alles bereits unwägbar genug, seit März. Hättest Du da wirklich hören wollen, wie etwa die rauchig-lebenssatte Stimme von Charlotte Schwab Teile aus der aktuell gewesenen Inszenierung von Wedekinds Lulu rezitiert, am anderen Ende Deiner Telefonleitung? Und was, wenn zufällig gar Johannes Nussbaum bei Dir durchgeklingelt hätte? Der junge, blonde King of Cool? Mit einem Monolog aus was auch immer? Das Risiko, dann vielleicht hyperventilierend, ohne Chance auf Rettung durch die Außenwelt in Deiner Küche zusammenzubrechen, war Dir zu groß. Nein. Auch wenn Deine Kolleginnen auf der Homepage der traditionsreichen Kultureinrichtung, für die Du arbeitest und schreibst, es rege propagierten - „Resi ruft an“ war KEIN passendes Kulturangebot für Dich.

She She Pop im Stream aus der Kammer 4 / Foto: Benjamin Krieg

Es blieb die Flucht in Kammer 4, den eilig etablierten virtuellen Ort der Kammerspiele für kreative Netzaktivitäten aller Art. Hier sollte die ganz besondere Nestwärme, die spezielle, fast kuschelige Vertrautheit, die am Haus während der Ära Lilienthal zwischen Publikum und Ensemble entstanden war, über die Zeit des Eingesperrtseins hinweg gerettet werden. Hier sollten Nähe, Berührung und Emotionalität weiterhin gelebt und Theatermagie nach wie vor entfaltet werden. Beispielsweise mit der Live-Cam-Performance von Yung Faust nach der Inszenierung von Leonie Böhm. Analog, in Kammer 2, war es ein wunderbarer Publikumserfolg gewesen, wann immer Julia Riedler, Benjamin Radajpur und Annette Paulmann sich als gender-instabiles GretchenFaustMephisto-Knäuel symbiotisch in- und wieder auseinander wurschtelten. Und auch auf Deinem Tablet-Screen sah es ziemlich kultig aus, als Julia im charmant verschlampten Out-of-Bed-Look vor ihrem Bücherregal daheim mit Fausts Eingangsmonolog begann.

Und als Benjamin von seinem Zuhause aus mit „No Ordinary Love“ von Sade einsetzte, fühltest Du viele bislang nicht geweinte Tränen in Dir hochsteigen, wegen all der Veränderungen, die im Gefolge des Virus mit der Krone Einzug in die schöne, schwierige Stadt gehalten hatten. Wegen all der Verluste, all dem, was nicht mehr da war. Und dachtest: „ES funktioniert. SO muss Theater sein!“ Dann aber wurdest Du von einer unerklärlichen, quasi-narkoleptischen Schlafattacke überfallen. Die Life-Zuschaltung von immer mehr Zuschauern ins virtuelle Theatergeschehen, die Vervielfachung der ursprünglich vier Splits auf Deinem Tabletscreen bis hin zur Video-Konferenz mit ca. 300 gemeinsam singenden und skandierenden Teilnehmern erlebtest Du dann nur noch schemenhaft mit. Irgendwann verschwamm das Mosaik der vielen bunten Bildchen vor Deinen Augen, der Kopf sank Dir in den Nacken und Du schliefst ein. Mitmach-Theater im Netz. Theater dahoam. Im Couch-Potato-Outfit. Es war leider viel zu anstrengend für Dich ... 

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