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Theatergemeinde München

Kulturvielfalt zum ermäßigten Preis

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Aktuelle Theaterkritiken 2019/20

Premieren im Februar 2020

„Passing - It´s so easy, was schwer zu machen ist“ an den Münchner Kammerspielen

Schauspiel und Inszenierung von René Pollesch
Uraufführung am 29. Januar 2020
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Passing - It´s so easy... / Foto: Thomas Aurin

Eine wackelnde Riesenspinne aus rotem Holz spreizt sich über die Bühne, über Alpenpanorama-Bodenbelag. Der Spinnenleib ist ein Korb, in dem die Spieler, im Video sichtbar, oft die Fäden dieser Inszenierung spinnen, oder auch mal Kaugummi. Es geht um Rollen, die wir nach Belieben spielen und die als echt durchgehen ("passing"). Es geht um das Wahre im Falschen, soziale Normen und Diversität, wenn der B-Movie-Regisseur (Thomas Schmauser) mit einem glitzernden rotweißen Harlekin (Kathrin Angerer), einem Cop und anderen, so schrullig und verspielt wie spaßig, über alles und nichts schwadroniert. Unsere Ansprüche an schlüssige Bedeutung und logischen Drive im Theater können wir hier getrost draußen lassen. Doch viele Zuschauer macht der designierte Volksbühnen-Intendant (Chris Dercon-Nachfolger) fröhlich mit seiner Mixtur aus Zitaten und Textschnipseln, Kalauern und Wiederholungsschleifen, die um Film und Hollywood kreisen, um das Berlin der 20er und München heute, um Brecht, die Arbeiterbewegung, prekäre Kunst und vieles mehr. Schön schräg! avs
 

„Salome tanz“ am Gärtnerplatztheater

Ballett von Eyal Dadon
Musikalische Leitung: Michael Brandstätter
Uraufführung am 28.02.2020
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

Salome tanz / Foto: Marie-Laure Briane

Aktuelle Ballettchoreographien haben die Tendenz, die namensgebenden Stoffvorlagen als nicht immer ganz einfach wiederzuerkennende Basis für eine sehr weit gefasste Betrachtungsweise zwischenmenschlicher Grundprobleme zu benutzen. In der Uraufführung des israelischen Choreographen Eyal Dadon ist aus der Geschichte ein Videospiel auf der Bühne geworden, in dem sich die Spielfiguren in Avatar-Trikots (Bregje van Balen) wie ferngesteuert entseelt bewegen. Sie gestalten dennoch alles, was im Stoff der Wilde’schen „Salome“ enthalten ist: Lüsternheit, Gier, Triebhaftigkeit, Hilflosigkeit, Kampf, Ringen um Beziehung, Tod. Die Videokamera zeigt immer neue Perspektiven des Geschehens. Level-Angaben und die Einbeziehung des Publikums durch Befragungen verstärken den Spielcharakter. Und doch – oder deshalb: Der Effekt dieses „Spiels“ fesselt ungemein. Das liegt auch an der Brillanz der Tänzer, mit der sie die einfallsreiche Choreographie umsetzen, und der über-zeugenden Kongruenz mit der Musik von Schubert, Schreker, John Cage und Caroline Shaw. Der Jubel am Ende war mehr als berechtigt!   s.l.
 

„Medea“ am Residenztheater

Schauspiel nach Euripides
Inszenierung: Karin Henkel
Premiere am 23. Februar 2020
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause


Medea / Foto: Sandra Then

Ist sie Furie oder Feministin, Täterin, Opfer, alles zugleich? Karin Henkel zeigt in ihrer herausragenden Inszenierung, die der Tragödie von Euripides manches hinzufügt, eine neue Medea, die sich erwartbaren Zuschreibungen entzieht, von Carolin Conrad eindrucksvoll gespielt. In Korinth sucht die unerwünschte Fremde mit den Söhnen und Ehemann Jason Zuflucht. Der allerdings wendet sich schnell Königstochter Kreusa und der damit verbundenen royalen Karriere zu. Doch Medea will, dass nicht ihre Erniedrigung, sondern ihre Stärke Jahrtausende in Erinnerung bleibt. Und ein Mädchenchor in Schuluniformen skandiert das „Ende vom ewigen Lied der schwachen Frau“, das jedoch zum Mord an den eigenen Kindern führt. Letzter Akt einer Blutspur, die Medeas Begegnung mit Jason von Anfang an durchzieht. Ausweglos verengt sich die schwarze, kalt beleuchtete Bühne, alle stapfen durch Wasser, das erhöht gebaute Kinderzimmer voll giftgelber Graffitis. Dort gibt es nach der furchtbaren Tat noch ein überraschendes Bild. Es geht unter die Haut. Was will bestes Theater mehr? sis
 

„Judith: Konzert für Orchester / Herzog Blaubarts Burg“ an der Bayerischen Staatsoper

Konzert und Oper von Béla Bartók
Inszenierung: Katie Mitchell
Film: Grant Gee
Musikalische Leitung: Oksana Lyniv
Premiere am 1. Februar 2020
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

Judith / Foto: Wilfried Hösl

Nicht aus Faszination für seine geheimnisvoll fremde Männlichkeit, aus Zuneigung oder gar Liebe folgt Judith bei Regisseurin Katie Michell Herzog Blaubart in seine Burg, die hier eine Zimmerflucht im Keller ist, sondern weil sie als Ermittlerin einem mutmaßlichen Serienmörder, der drei vermisste Frauen auf dem Gewissen hat, auf der Spur ist. Das zeigt in einer guten halben Stunde ein origineller Stummfilm zur Musik von Bartóks „Konzert für Orchester“, aber auch, dass sie, ausgestattet wie eine der von ihm bevorzugten reiferen Blondinen, sich zu ihm chauffieren lässt. Angekommen nötigt sie ihn seine Geheimnisse preiszugeben: Ob heruntergekommener Operationssaal, Tresorraum, ein seltsamer Wintergarten, eine Waffenkammer mit Gewehren, die vor Dreck starrende Dusche oder ein Flugsimulator – Judith dringt ins verborgene, dunkle Reich von Blaubart vor und stößt schließlich auf drei gefesselte, aber lebenden Frauen. Am Ende geht Judith einen anderen Weg als Bartók vorsieht; aber wie bei jedem guten Thriller darf dies nicht verraten werden. klk
 

Premieren im Januar 2020

„Woyzeck“ am Residenztheater

Schauspiel von Georg Büchner
Inszenierung: Ulrich Rasche
Premiere am 31. Januar 2020
Dauer: 3 Stunden 15 Minuten, eine Pause

Woyzeck / Foto. Sandra Then

Expressives Krafttheater, das Sie nicht vergessen werden. Ein monumentales Bühnenräderwerk kreist als dramaturgische Metapher für das übermächtige Schicksal. Auf der riesigen, kippenden Scheibe marschieren die Menschen, Halt suchend und unerbittlich angetrieben von einer Klangwalze pochender Livemusik. Alles ist schwarz, es gibt keine Nähe. Als bei Woyzeck (Nicola Mastroberardino), dem guten Kerl vom unteren Rand der Gesellschaft, die Angst und die Sexualität durchbrechen, kann er nicht mit Empathie rechnen. Marie (Franziska Hackl), der Lichtpunkt seines armseligen Lebens, verfällt einem Testosteron-Typen und der Loser Woyzeck, der im Nebenjob als medizinischer Laboraffe missbraucht wird, rastet aus. Die Verrohung der Gesellschaft, an der alle leiden, zeigt Büchner, beginnt in der Sprache. Ulrich Rasche ("Die Räuber", "Elektra") macht mit seinen mitreißenden Bühnenmaschinerien und Chor-Projekten aufs Neue Furore. Die Baseler Inszenierung, die zum Theatertreffen 2018 eingeladen war, ist so faszinierend wie berührend, so anstrengend wie überwältigend. avs
 

„Am Wiesnrand“ am Münchner Volkstheater

Schauspiel von Stefanie Sargnagel
Inszenierung: Christina Tscharyiski
Premiere am 30. Januar 2020
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Am Wiesnrand / Foto: Arno Declair

Allein das Bühnenbild ist eine Schau für sich: Ein riesiger Torso liegt auf der Spielfläche im  Volkstheater, bestehend aus der Brustgegend plus einem Bierbauch, der auch für den berühmt-berüchtigten „Kotzhügel“ stehen kann - einer der Schauplätze des Oktoberfestes, auf dem sich die österreichische Kult-Autorin Stefanie Sargnagel im letzten Jahr ausgiebig herumgetrieben hat. Auf Basis ihrer Recherche hat sie „Am Wiesnrand“ geschrieben: einen zwischen bitterböser Satire, absurder Phantastik und liebevoller Oktoberfestumarmung pendelnden Text, den die ebenfalls aus Wien stammende Regisseurin Christina Tscharyiski zur fulminanten Uraufführung bringt. Fünf Spieler*innen lässt Tscharyiski als Flöhe verkleidet auf dem Bauch herumtollen und Sargnagels genüssliche Menschenbeobachtungen perfekt rhythmisiert sprechen. Die Verbindung von Eros und Sauferei wird kommentiert („Jedes Bier– eine Samenbank!“), die bumsfidele Suche nach dem „Traumprinzen“ durch den Kakao gezogen. Dazu die Musik der Ösi-Trashband „Euroteuro“. Eine Mords-Gaudi, süffig, saulustig – wahrlich ein Theaterrausch! mst

„Rigoletto“ am Gärtnerplatztheater

Oper von Giuseppe Verdi
Inszenierung: Herbert Föttinger
Musikalische Leitung: Anthony Bramall / Oleg Ptashnikov
Premiere 30. Januar 2020
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, 1 Pause

Rigoletto / Foto: Christian Pogo Zach

Die wunderbare, süffige Musik Verdis, die schmetternden Bravourarien - im Gärtnerplatz transparent und, wie immer, in hoher Qualität von Sängern, Chor und Orchester dargeboten - können nicht  darüber hinwegtäuschen, dass in dieser Neuinszenierung von Herbert Föttinger echtes Gefühl nur wenig Platz hat. Die ins Heute versetzte Szenerie ist kalt und schmucklos – so wie die beißend zynische Welt des Hofnarren Rigoletto, der hier als „Joker“ das Macho-Gehabe einer lasterhaften Männergesellschaft persifliert und zugleich unterstützt. Dem Herzog von Mantua ist keine Frau heilig, der stürmische, junge Mann bedient sich selbstverständlich an Frauen, Alkohol und Drogen, genau wie seine männliche Entourage. Rigolettos heißgeliebte und beschützte Tochter Gilda glaubt als  Einzige noch an wahre Liebe und wird grausam enttäuscht, selbst ihr freiwilliger Tod für ihre Liebe ist zur Rache an Rigoletto pervertiert. Schlüssig und wahrhaftig, auch im Geiste des Libretto-Vorbilds Victor Hugo, agieren hier Skrupellosigkeit und Exzess - und damit überzeugt die Inszenierung. Und das Schwelgen in den schönen Melodien ist ja dennoch nicht untersagt! s.l.

„Im Dickicht der Städte“ an den Münchner Kammerspielen

Schauspiel nach Bertolt Brecht
Inszenierung: Christopher Rüping
Premiere am 25. Januar 20202
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

Im Dickicht der Städte / Foto: Julian Baumann

Jeder bleibt in seiner Blase. In einer riesigen Kugel im Theaterfoyer sitzt die junge Schauspielerin Gro Swantje Kohlhof und tippt ins iPhone. Später wird sie genau so auf die Bühne gerollt. Im Dickicht der Städte leben die Menschen einsam und beziehungslos, egal ob sie gerade knutschen oder kämpfen, ob sie mit Geld um sich werfen, sich (von einem Zuschauer) ins Gesicht spucken lassen oder unter einer Decke beim Gruppensex vergnügen. Nie ist der Einzelne als Person gemeint. Brecht hat diese Unmöglichkeit der Nähe als Ringkampf gezeigt, in dem er den Holzhändler Shlink und den ihm völlig fremden George Garga, Angestellter einer Leihbücherei, im Chicago von 1912 mehrere Runden lang um Leben und Tod boxen lässt – ohne Grund, Feindschaft als Kontakt. Erfolgsregisseur Christopher Rüping („Dionysos Stadt“, „Trommeln in der Nacht“) und sein fünfköpfiges Ensemble machen aus solch harter Tuchfühlung ein munteres Durcheinander mit Rollen- und Geschlechtertausch, mit mehreren Sprachen und tausend Einfällen. Kampf oder Krampf? Viel Applaus, einige Buhs.  sis
 

„Der starke Stamm“ am Residenztheater

Schauspiel von Marieluise Fleißer
Inszenierung: Julia Hölscher
Premiere am 23. Januar 2020
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

Der starke Stamm / Foto: Sandra Then

Hier ist die Welt mit Brettern vernagelt: Vor einem gewaltigen Scheunentor liefert sich die Verwandtschaft des Sattlers Leonhardt Bitterwolf eine Dauerfehde ums Geld. Kaum ist Bitterwolfs Frau mit „Näher mein Gott zu dir“ auf dem Friedhof verabschiedet, schon streiten sich alle um ihre Habseligkeiten. Wenig später zieht ihre dreiste Schwester Balbina, die mit Spielautomaten zwielichtige Geschäfte macht, auf dem Hof ein – und Familie und Dorfleute über den Tisch. Die Gier und das skrupellose Streben, sich finanziell besser zu stellen, beherrschen und zerstören alle Beziehungen. Regisseurin Julia Hölscher lässt Fleißers kritisches Volksstück von 1945 in der Zeit und textgetreu spielen und schafft ein ländliches Szenario mit Holz, Gockel und Maßkrügen, in dem sich die Personen auch an der besonderen, dialektgefärbten Kunstsprache der Ingolstädter Dichterin versuchen. Am besten gelingt das Robert Dölle als Sattlermeister, der jeden Satz im Sprechen langsam abwägt. Man sieht diesen Dörflern gerne zu, auch wenn die Baseler Crew beim „bairischen Einstand“ noch fremdelt.  sis
 

Premieren im Dezember 2019

„The Snow Queen“ im Nationaltheater

Oper von Hans Abrahamsen nach dem Märchen von Hans Christian Andersen
Inszenierung: Andreas Kriegenburg
Musikalische Leitung: Cornelius Meister
Premiere am 21. Dezember 2019
Dauer. 2 Stunde 20 Minuten, eine Pause

The Snow Queen / Foto: Winfried Hösl

Ein eisiger Wind und Schnee weht durch die fein aufgefächerte, oftmals leise Musik und rieselt beständig auf der Bühne, auch wenn Andreas Kriegenburgs Inszenierung der englischsprachigen deutschen Erstaufführung von Hans Abrahamsens Oper nach „Die Schneekönigin“ von Hans Christian Andersen in der Psychatrie spielt. Seit einiger Zeit lebt Kay hier apathisch und verstummt. Gerda besucht ihn täglich, ohne zu ihm durchzudringen, denn er ist ihr nicht erst abhanden gekommen, seit ihn ein Splitter aus dem Spiegel des Teufels in Auge und Herz traf und alles auf der Welt hässlich sehen lässt und ihn die Schneekönigin (hier ein Bassist unter lauter hohen Frauen- und Männerstimmen) in den hohen Norden entführt. Ein weiblicher junger Mezzosopran verkörpert hier die reine Seele, die sich in seinen Körper zurückgezogen hat. Erst am Ende, wenn Gerda  den von einem Schauspieler gedoubelten Kay in einem heruntergekommenen Operationssaal wiederfindet, verschmelzen die verschiedenen Verkörperungen der beiden als Kinder, singendes Duo, jugendlich Verliebte und reife Erwachsene in einer geradezu märchenhaften musikalischen Apotheose.  klk
 

„Der eingebildete Kranke oder das Klistier der reinen Vernunft“ im Residenztheater

Schauspiel von PeterLicht nach Molière
Inszenierung: Claudia Bauer
Premiere am 20. Dezember 2019
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

Der eingebildete Kranke / Foto: Sandra Then

Schräg, schrill und wild ist Ihr Ding? Dann gönnen Sie sich diesen durchgedrehten Spaß aus Comedy-Soap, Varieté und Barock. Der Hypochonder-Superstar Argan (Florian von Manteuffel), in wallendem Sonnenkönigsornat über Unterhose, kreist im egomanischen Endlosschleifen-Lamento um seine körperliche Befindlichkeit. „Mir geht es grad nich so gut“, nuschelt er sein Lebens-Mantra. Seine Entourage aus Show-Girlies, in Zuckergussfarben mit Fettsteiß und Turmfrisur, verstärkt die unermüdlich rotierende Sprechblase mit gefühligen Psycho-Selbstbespiegelungsfloskeln und Nonsens, von der Live-Kamera gezoomt. Der mehrstöckige Wohnturm mit Dauerdrehwurm, in dem die Darsteller unermüdlich herumklettern, reflektiert das Kreisförmige dieses leeren, darmzentrierten (aktuell!) Narzisten-Daseins im Hyperkapitalismus, samt Selfie und Smartphone. Schmerz, Leid und nerviger Vielsprech werden schön rhythmisiert vom Live-Bar-Jazz. Eine konsumkritische Molière-Neudichtung des Songpoeten PeterLicht, von Claudia Bauer als spielfreudige, anstrengende Groteske inszeniert. Jubel.  avs
 

„The Vacuum Cleaner“ in den Münchner Kammerspielen

Schauspiel von Toshiki Okada
Inszenierung: Toshiki Okada
Uraufführung am 12. Dezember 2019
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

Thea Vacuum Cleaner / Foto: Julian Baumann

Japanische Papierschiebewände trennen aufeinander gestapelte, leere Wohnwaben, die manchmal in hübschen Pastellfarben leuchten. Die fünf Bewohner in schickem Freizeitpolyester halten den gesellschaftlichen Druck nicht aus. Jeder kreist in seinem Kokon aus erinnerten Alltäglichkeiten, Angstphantasien und Scham. Der Systemschmerz an der durchkapitalisierten Arbeitswelt, an Überforderung und Einsamkeit treibt die "Hikikomori"-Stubenhocker in die selbstgewählte Isolation einer unfreiwillig konservierten Pseudo-Familie. Es gibt kein Gespräch. Der Staubsauger übertönt die täglichen Wutausbrüche der Tochter. Thomas Hauser (Freund des Sohnes) hat es nur kurz in seinem Job im Amazon-"Dschungel" ausgehalten. Das war pervertierter Leistungsdruck am Handscanner. Julia Windischbauers seltsam verfremdete Puppenbewegungen, die reglosen Yogastellungen der bitter klagenden Tochter (Annette Paulmann) und Walter Hess' (Vater) kreisförmige Passgänge sind die kunstvoll choreographierten Reste natürlicher Bewegung. Japanisch anmutendes Theater, melancholisch und leise, mit fein abgestimmter absurder Komik. Viel Beifall. avs

„Leonce und Lena“ im Residenztheater

Schauspiel nach Georg Büchner
Inszenierung: Thom Luz
Premiere am 7. Dezember 2019
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Leonce und Lena / Foto: Sandra Then

Ganz schön verrückt: Die Ansage, das Handy auszuschalten, läuft rückwärts, später dann beginnt die „Mondscheinsonate“ mit der letzten Note; auf der Bühne steht ein zersägtes Klavier, der Bass rechts, der Diskant links, die Spieler flitzen hin und her, und einmal kann sogar eine Schuhputzmaschine einer Geige Töne entlocken. Was ist hier los? Regisseur Thom Luz hat aus Büchners ziemlich abgründiger Komödie von den beiden Königskindern aus den Reichen Popo und Pipi, die verheiratet werden sollen, aber vor diesem Schicksal fliehen und am Ende doch als Unbekannte zusammenkommen, ein poetisch-musikalisches und absurd-vergnügliches Verwirrspiel gemacht. Eine seltsame Hofgesellschaft wandelt durch einen im Verfall begriffenen Saal, jede Kopfbewegung, jede Geste wie einstudiert, Automaten vielleicht. Manchmal sprechen sie einige Sätze, doch wer ist Lena, wer Leonce? In dieser Welt ohne Sinn scheint auch die Identität egal. Viele Zuschauer bejubeln die Übernahme aus Basel, andere wundern sich. Ein herrliches Kleinod auf jeden Fall für phantasievolle Gemüter!  sis

 

Premieren im November 2019

„Vor Sonnenaufgang“ im Residenztheater

Schauspiel von Ewald Palmetshofer nach Gerhart Hauptmann
Inszenierung: Nora Schlocker
Premiere am 29. November 2019
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

Vor Sonnenaufgang / Foto: © Sandra Then

Eine Familienaufstellung von heute im monochromen Zimmer-Guckkasten, vom Scheinwerfer-Sonnenaufgang knallhart ausgeleuchtet. Der einstige Firmenchef ist daueralkoholisiert und familienuntauglich. Der Jungunternehmer, Politiker und Schwiegersohn sieht sich vom linken Journalisten-Schulkameraden attackiert. Die patente Stiefmutter bekommt die Familie nicht in den Griff wie einst das Sekretariat. Die Tochter jammert gefühlig ihrer Niederkunft entgegen. Neurosen, Floskeln und Scheingefechte blühen. Nur der Arzt und Geburtshelfer bringt einen faustischen Lichtstrahl in das finstere Sozialgeflecht, bis zum finalen Desaster. Palmetshofer hat Hauptmanns sozialkritsches Skandalstück umgedichtet zu einem psychologischen Sprachkammerspiel mit Elementen einer komisch-rustikalen Familien-Soap.
Nora Schlockers Baseler Inszenierung ist ein Schauspielerfest, ein Klassiker in virtuoser Neuschöpfung. Viel Gelächter, anhaltender Applaus.   avs

„Der haarige Affe“ im Münchner Volkstheater

Schauspiel von Eugene O‘Neill
Inszenierung: Abdullah Kenan Karaca

Premiere am 28. November 2019
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Der haarige Affe / Foto: © Arno Declair

Rußverschmiert sind sie, ihre Zähne so schlecht wie die Arbeitsverhältnisse, und ihre Köpfe voller Gedanken, die sie im Kesselraum eines Luxusdampfers ausgiebig artikulieren: Long (Silas Breiding) ist überzeugter Kommunist, Paddy (Jakob Immervoll) ein wehmütiger Nostalgiker, und Yank (Jonathan Müller) ein Verfechter des Fortschritts. Eugene O’Neills „Der haarige Affe“ (1921) hat Volkstheater-Hausregisseur Abdullah Kenan Karaca in der Übersetzung von Peter Stein in entschlackter, aber nicht zwanghaft aktualisierter Fassung auf die Bühne gebracht. Im Schiffsbauch, dem Vincent Mesnaritsch ein niedrigdeckiges, kohledüsteres Ambiente plus goldenem Schacht zur Welt da oben verpasst hat, kommt es zur exemplarischen Begegnung von Reich und Arm, als Stahlmagnaten-Tochter Mildred (Nina Steils) sich aus Langeweile zu den Heizern begibt und sie begafft. Yank fühlt Scham und Wut, macht sich auf nach New York, zur Gewerkschaft und zum Zoo, wo ein mächtiger Gorilla auf ihn wartet. Jonathan Müller nimmt die Zuschauer mitreißend mit auf diese klassenkämpferische Reise.  mst

„Die Räuberinnen“ in den Münchner Kamerspielen

Schauspiel nach Friedrich Schiller
Inszenierung: Leonie Böhm und Ensemble
Premiere am 23. November 2019
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

Die Räuberinnen / Foto: © Judith Buss

Frauenpower statt Männermacht: Doch wer nun meint, dass feministische Thesen Schillers viriles Sturm-und-Drang-Drama dominieren, irrt. Regisseurin Leonie Böhm und das vierköpfige weibliche Ensemble plus Live-Musikerin scheren sich zwar nicht um die Handlung und wirbeln die Dichterworte gehörig durcheinander, doch es bleibt bei den Hauptpersonen und oft bei Originaltexten. Erst beklagt die Franz, hässlich und verkrüppelt, dass ihr Vater sie nicht ausstehen kann, anders als das erstgeborene Kind, die geliebte, eitle und schwermütige Karl. Amalia schließlich hat nur die Aufgabe, rein und schön zu sein. Drei kurze, originelle Monologe, bis Spiegelberg (großartig: Gro Swantje Kohlhof) mitten im Publikum auf einem Sitz stehend die Unzufriedenen aufmischt: In den „böhmischen Wäldern“ verbrüdern, besser verschwestern sie sich, schwören sich Treue und reißen sich die Kleider vom Leib in einem übermütigen Befreiungsakt von alten Denkmustern und Vaterfiguren, der dem angekündigten „Junggesellinnenabschied außer Kontrolle“ alle Ehre macht. Spielspaß groß geschrieben!  sis

„Amphitryon“ im Residenztheater

Schauspiel von Heinrich von Kleist nach Molière
Inszenierung: Julia Hölscher
Premiere: 21. November 2019
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

Amphitryon / Foto:  © Sandra Then

Was wissen wir schon, wer wir sind? Die Welt: eine raffiniert spiegelnde, kreiselnde Verwirrung (die bejubelte Bühne: Paul Zoller), auf der die Menschen sich selbst und einander verlieren. Auf die übergriffigen Götter ist sowieso kein Verlass. Aber auf unser Gefühl? Von wegen, meint Kleist, der sprachmächtige Psychologe, und beweist es mit einem witzig-tiefgründigen Traumspiel. Jupiter, arroganter Gott in sexuellem Notstand, schlüpft in Amphitryons Heldengestalt (Felix von Manteuffel) und lockt die treue Ehefrau Alkmene (Pia Händler) ins Bett. Die merkt nichts, liebt auch im Gott nur den Gatten. Der Heimkehrer Amphitryon aber weiß nicht mehr, wer er ist, ringt um sein Ich und seine Bestätigung. Gibt es noch eine stabile Identität? Gibt es Liebe, Ehe und Zugehörigkeit, oder nur noch Lust und Schmerz? Wunderbar zerbrechliche, hochemotionale Schauspieler spielen in Julia Hölschers präziser, von Basel übernommener Inszenierung. Begeisterter Beifall.  avs

„Die tote Stadt“ im Nationaltheater

Oper von Erich Wolfgang Korngold
Inszenierung: Simon Stone
Musikalische Leitung: Kirill Petrenko
Premiere am 18. November 2019

Die tote Stadt / Foto: Wilfried Hösl

Die Hausnummer von Pauls Drei-Zimmer-Apartement aus den 1960er-Jahren, in dem ihn die Tänzerin Marietta besucht und verstörend an seine verstorbene Geliebte Marie erinnert, also die 37, spielt in so manchem Film-Thriller eine Rolle, steht aber auch in der Esoterik für den Neubeginn. Und den wagt Paul am Ende – oder auch nicht, wenn er, vermeintlich erwacht aus dem Albtraum, Marietta/Marie umgebracht zu haben, mit einem Bier in der Küche sitzen bleibt. Seine tote Marie spukte vorher tatsächlich vervielfacht durch das Haus – glatzköpfig und im Krankenhauskittel wie eine Krebskranke während der Chemo. Das kleine, über und über mit Polaroids von ihr und einem kleinen Altar ausgestattete Zimmer spricht Bände wie die Filmplakate an den Wänden, die von mysteriösen Morden handeln: Godards „Pierrot le Fou“ und Antonionis „Blow Up“. Auf dieser, manchmal sich in einzelne Räume teilenden Bühne von Ralph Myers, konkretisiert Simon Stone in seiner aus Basel übernommenen Inszenierung das Geschehen klug zum packenden Krimi. Dazu liefert den perfekten Soundtrack die immer wieder überbordend spätestromantisch schillernde Musik Korngolds, die das Staatsorchester mit viel Liebe zum sinnlichen Detail spielt. klk

„Ronja Räubertochter“ im Residenztheater

Schauspiel nach dem Roman von Astrid Lindgren
Inszenierung: Daniela Kranz
Altersempfehlung: ab 6 Jahre
Premiere am 16. November 2019
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Ronja Räubertochter / Foto: Adrienne Meister

Wie schön, dass die neue Theaterleitung die Tradition des Familienstücks fortsetzt und gleich ihr junges Publikum mit tollen Akteuren und zauberhaften Bildern begeistert. Die Geschichte von Ronja, der Tochter des Anführers der Mattisräuber, und ihrer Freundschaft zu Birk, dem Sohn aus der verfeindeten Bande der Borkaräuber, ist ebenso spannend wie klug und herzerwärmend. Daniela Kranz, zuständig für das „Resi für alle“, bleibt in ihrer Inszenierung nah am Roman und lässt eine springlebendige, klar denkende und couragiert handelnde Ronja (Paula Hans) über eine Bühne turnen, die sich mal in den Mattiswald voll unheimlicher Wesen wie dreiköpfige Graugnomen und geflügelte Wilddruden, mal in die schützende Mattisburg verwandelt. Es blitzt und donnert und es braucht viel Mut, einige Sprünge über den gefährlichen Höllenschlund, der die Burg in die zwei Räuberlager teilt, und manch starke Songs und Elektrobeats (Musik: Polly Lapkovskaja u.a) bis zur Einsicht der Erwachsenen und dem versöhnlichen Ende. So muss Familientheater sein! sis

„Tosca“ im Gärtnerplatztheater

Oper von Giacomo Puccini 
Inszenierung: Stefano Poda Dirigat
Musikalische Leitung: Anthony Bramall
Premiere am 14. November 2019
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

Tosca / Foto: Christian Pogo Zach

Regie, Bühne, Kostüme und vor allem Lichtgestaltung – alles aus einer Hand: Stefano Poda beweist, wie man damit stimmige Opernabende schafft. Auch wenn hier eine düstere, schmucklose, ja manchmal fast brutale „Tosca“ auf die Bühne des Gärtnerplatztheaters gebracht wurde, so schlüssig ist die Geschichte von Liebe, Verrat, Brutalität selten zu erleben. Der erste Akt in der Kirche zeigt schon die Entweihung durch Macht und Gewalt: Ein umgestürztes großes Kreuz beherrscht die Drehbühne – Ort der liebenden Begegnung und Sammlung, aber auch der Heuchelei der Mächtigen in Staat und Kirche. Noch mehr wird die Oper zum Krimi in den folgenden Akten. Dabei sticht aus dem Schwarz, das die Bühne beherrscht, der glühend rote Mantel und die helle Haarpracht von Floria Tosca hervor. Dieser Blickfang und die phänomenale Lichtgestaltung in all der Düsterheit erzeugen ein Spannungsfeld, das Poda bis zum überraschenden Schluss durchzuhalten gelingt. Kein Schwulst, nur Intensität in den Stimmen und im Orchestergraben und ausgezeichnete Gast-Sänger, die auch mit ihrem Spiel überzeugen. Dieses Bühnen-Gesamtkunstwerk berührt und begeistert!   s.l.
 

„Der Riss durch die Welt“ im Cuvilliéstheater/ Residenztheater

Schauspiel von Roland Schimmelpfennig
Inszenierung: Tilmann Köhler
Uraufführung am 13. November 2019
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

Der Riss durch die Welt / Foto: Sandra Then

Die Apokalypse ereignet sich in einer superschicken Bergvilla. Auf ihre „Hütte“ haben der reiche Geschäftsmann Tom und seine Frau Sue die junge Künstlerin Sophia eingeladen, die ihren Freund Jared aus dem „Ghetto“ mitbringt. Hier wollen sie über die Finanzierung von Sophias Projekt sprechen, einem Fluss aus Blut, Plastik und Tierleichen. Im Auftragswerk des Dramatikers Roland Schimmelpfennig mit dem Untertitel „170 Fragmente einer gescheiterten Unterhaltung“ geht es schlicht um Alles, um die verwundete Erde genauso wie um den Riss durch die Gesellschaft. Albträu-me aus den biblischen Plagen suchen die Vier heim, verwesende Fliegen, Frösche im Mund, am Ende prasseln Eisbrocken auf die Bühne. Im leeren Raum, den eine drehbare Wand immer anders trennt, erzählen Gastgeber, Gäste und Hausmädchen in Bruchstücken und Zeitsprüngen vom schrecklichen Wochenende. Tilmann Köhler fesselt durch seine hochpräzise Inszenierung, die ihr Gewicht auf die besondere „Textpartitur“ (SZ) des Autors legt. Fünf wunderbare Schauspieler erwecken sie großartig zum Leben.  sis
 

Premieren im Oktober 2019

Drei Schwestern“ im Residenztheater

Schauspiel von Simon Stone nach Anton Tschechow
Inszenierung: Simon Stone
Premiere am 30. Oktober 2019
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

Drei Schwestern / Foto: Sandra Then

Glauben Sie, Tschechow nervt mit depressivem Sehnsuchtsgerede und zähem Stillstand? Regie-Star Simon Stone macht aus dem vorrevolutionären Klassiker aus Russland eine furiose und anspruchsvolle Bühnen-Soap-Opera, eine Highspeed-Satire, die keine Sekunde langweilt. Im Split-Level-Ferienhaus der Geschwister Olga (Barbara Horvath), Mascha (Franziska Hackl) und Irina (Liliane Amuat) platzen die Träume und Lebensabschnittbeziehungen. Irina zieht es nach Berlin, den drogen- und pokersüchtigen Bruder Andrej ins Silicon Valley, Masha mit ihrem verheirateten Lover Alexander nach Brooklyn. Dort warten Freiheit, Liebe und Lebenssinn - das hoffen die bedröhnten, laschen, überdrehten und charmant desolaten Figuren eines Lebensstils im Abschwung. Stones Inszenierung bietet erstklassiges Entertainment, subtil und klug, so cool und pathetisch wie ambivalent. Die Baseler Inszenierung wurde von Theater heute zum "Stück des Jahres 2017" gekürt. Mitreißend. avs 

„Der Kaufmann von Venedig“ im Münchner Volkstheater

Komödie von William Shakespeare
Inszenierung: Christian Stückl
Premiere am 27. Oktober 2019
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause 

Der Kaufmann von Venedig / Foto: Arno Declair

Antisemitismus ist, man will es kaum glauben, kein Phänomen der Vergangenheit. So bringt Christian Stückl mit Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ ein auch heute hochaktuelles Stück auf die Bühne. Kaufmann Antonio, von Silas Breiding aalglatt gespielt, leiht sich von dem Juden Shylock 3000 Dukaten, die Antonio an seinen Kumpel Bassanio weitergibt, damit dieser sich die Brautwerbung um Porzia (fulminant als sexy-kracherte Walküre: Carolin Hartmann) leisten kann. Als Antonio die Schuld nicht begleichen kann, darf ihm Shylock, abgemacht ist abgemacht, ein Pfund Fleisch aus dem Körper schneiden. Während aber Shylock bei Shakespeare noch ein rachsüchtiger Schurke ist, verkörpert ihn Pascal Fligg als würdevollen Geschäftsmann, der in einer christlichen Business-Welt der Anzugträger böse angegriffen und am Ende völlig demontiert wird. Stückl inszeniert das großartig dicht, in einer vergoldeten Bühnenkonstruktion mit drei Drehtüren, durch die der eiskalte Wind einer gnadenlos antisemitischen Welt weht. Der Abend ist beklemmend, rührt ungemein an. Das Stück der Stunde! mst

„Sommergäste“ im Residenztheater

Schauspiel von Maxim Gorki
Inszenierung: Joe Hill-Gibbins
Premiere am 25. Oktober 2019
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

Sommergäste / Foto: Sandra Then

Zeitenwende! Intellektuell ist alles durchanalysiert. Die Welt von heute gibt es morgen nicht mehr. Die hochgekommene Elite jammert und leidet gern. Man surft zwischen Weltschmerz, Sinnsuche und Leidenschaften wie "Sommergäste" auf Besuch, genussorientiert und unbeteiligt. Handeln hieße ja Verantwortung tragen für morgen. Alte Denkschablonen und Chauvinismen leben weiter, man hält die Frauen klein. Es ist der Vorabend der russischen Revolution. Im Sommerhaus von Warwara (Brigitte Hobmeier) und Bassow (Robert Dölle) trifft sich eine Handvoll Bildungsbürger auf einer zeitlos weißen Kastenbühne. Warwara und die Ärztin Marja schwingen die Fahne des politischen Engagements. Die Lage eskaliert. Hat man sich nicht gut eingerichtet in der altvertrauten Komfortzone? Will und kann man jetzt vieles riskieren, um eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen? Kommt sie, die Wende in Politik und Wirtschaft, Ehe und Umwelt, oder "kommen alle einfach wieder runter"? Spannend heutige Fragen mit glänzenden Dialogen und einem energiegeladenen Ensemble. Begeisterter Applaus. avs
 

„Nirvanas Last“ in den Münchner Kammerspielen

Musikalisches Schauspiel
Inszenierung: Damian Rebgetz
Arrangements: Paul Hankinson
Premiere am 24. Oktober 2019
Dauer: 2 Stunden, keine Pause 

Nirvanas Last / Foto: David Baltzer

Nirvana-Fan war Damian Rebgetz nie. Und so ist dieser Abend, den der Kammerspiele-Schauspieler aus Australien mit Studium Klassischer Gesang inszeniert hat, auch keine Verneigung vor der legen-dären Band. Er sei vielmehr, erzählt Rebgetz am Anfang, ein „romantisches Echo“ auf das, was am 1. März 1994 am ehemaligen Flughafen Riem geschah: Nirvana spielte dort das letzte Konzert, brach dann die Tournee ab, einen Monat später war Kurt Cobain tot. Seither seien München und Nirvana  miteinander verbunden. Auf lilafarbener Showtreppe erleben wir nun einen sanft-poetischen, aber auch bitter-ironischen Abgesang auf eine einst zornige und am kommerziellen Erfolg gescheiterte Band und auf eine Heimat, in der nicht jeder willkommen ist. Alle Songs des letzten Konzerts sind in schlichtes Deutsch, manchmal Bayerisch, übertragen, im Hintergrund grüßen die Berge, Live-Musik und Gesang erinnern ans deutsche Kunstlied und die großartigen Akteure kommen als Förster oder queerer Satin-Waldschrat daher. Riesenapplaus für ein unerwartet berührendes „Requiem“ (SZ) sis.
 

„Die drei Musketiere“ im Residenztheater

Schauspiel nach Alexandre Dumas
Bearbeitung und Inszenierung: Antonio Latella
Premiere am 20. Oktober 2019
Dauer: ca. 2 Stunden, keine Pause

Die drei Musketiere / Foto: Nicola Mastroberardino

Die neuen Publikumslieblinge tragen Anzüge mit Rautenmuster wie Arlecchino aus der Commedia dell’arte. Sie singen, steppen, streiten, liefern sich blitzschnelle Wortgefechte und wiehern wie Pferde. Aus dem Mantel- und Degen-Stoff von den Musketieren im Dienst des französischen Königs hat der italienische Regisseur Antonio Latella eine sehr komische und herrlich alberne Komödie gezaubert, in der vier Akteure aus Basel – dort war die Aufführung bereits ein Riesenerfolg – zwei stürmische Stunden lang ihre Kämpfe und ihre Freundschaft und das Theater selbst auf die Schippe nehmen. Drei Musketiere? Nicht vier? Schließlich gehört auch D’Artagnan zur Heldenriege von Athos, Porthos und Aramis! Doch immer fühlt sich einer ausgeschlossen, und Helden sind sie auch nicht. Eher Schauspieler, die auf Geheiß eines superschlauen Dramaturgen ihre Rollen üben, auch die der eigenen Diener und der eigenen Pferde. Zum Radetzkymarsch zeigen sie dann die Hohe Schule des Dressurreitens. Ein großer, intelligenter Spaß, Handlung unwichtig und die Zuschauer jubeln.  sis
 

„Die Verlorenen“ vom Residenztheater im Cuvilliéstheater

Schauspiel von Ewald Palmetshofer
Inszenierung: Nora Schlocker
Uraufführung am 19. Oktober 2019
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause

Die Verlorenen / Foto: Birgit Hupfeld

Andreas Beck beginnt seine Intendanz anspruchsvoll. Das erste Stück, ein Auftragswerk des österreichischen Dramatikers Ewald Palmetshofer, ist ebenso textintensiv wie tiefgründig – und hinterlässt einen starken Eindruck. In fast lyrischer Sprache, rhythmisch und mit teils ungewöhnlichem Satzbau erzählt „Die Verlorenen“ von Menschen, die verstört, verletzt, vereinsamt und bar jeden Mitgefühls ihr Dasein leben. Clara, die Hauptfigur, will sich vor ihrem Ex-Mann, vor ihrem Sohn und der Mutter in das Haus der verstorbenen Großmutter zurückziehen, in ein Kaff mit Tanke und Disco als einzige Treffpunkte. Kurze, mitunter lustige Szenen – die Handlung steigert sich nach der Pause noch dramatisch – zeigen einen Reigen der Enttäuschten. Das Kreuz im sonst leeren, grell weißen Bühnenkasten gibt keine Hoffnung mehr. Die anfangs im Chor gerufene Frage „Hallo, hört uns jemand?“ verhallt. Düster das Stück – leuchtend die Schauspielkunst. Es ist die pure Freude, große „alte“ und großartige neue Akteure zu erleben, in der beeindruckenden Inszenierung der Hausregisseurin Nora Schlocker.  sis
 

„Der Messias“ im Gärtnerplatztheater

Oratorium von Georg Friedrich Händel
Szenische Fassung und Inszenierung: Torsten Fischer
Musikalische Leitung: Antony Bramall/ Andreas Kowalewitz
Choreographie: Karl Alfred Schreiner
Premiere am 10. Oktober 2019
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

Der Messias / Foto: Marie-Laure Briane

„Ein zähes Ringen“ – „Um Himmels Willen“ – „Vater, vergib ihnen“ – so titeln die Münchner Zeitungen ihre Kritiken zu der szenischen und tänzerischen Darstellung des Händelschen Oratoriums. Und das Publikum bejubelt bei der Premiere die Solisten, den Chor und das Orchester unter Anthony Bramall, das eine gekürzte Fassung des Werks in gewohnter Brillanz musiziert. Die sanften Buhs beziehen sich auf eine mit Ideen und Botschaften beladenen Inszenierung von Torsten Fischer, der der gierigen, liebesarmen Menschheit unserer Tage einen stoischen Schmerzensmann und seine Mutter Maria (in einer Sprechrolle mit Texten eines zeitgenössischen irischen Dichters) gegenüberstellt, die ihrerseits mit dem Schicksal ihres Sohnes hadert. Die Verfremdung erreicht ihren Höhepunkt beim „Halleluja“, bei dem Chor, Tänzer und Solisten ihre Arme gen Himmel recken, aus dem es Dollarnoten regnet, während Jesus mit Gewehren behangen zur Statue wird. In unentwegter Bewegung kriechen, zucken und winden sich die Tänzer (Choreographie: Karl Alfred Schreiner) - ihre Bedeutung in der dennoch interessanten Oratorien-Performance bleibt weitgehend verborgen.   s.l.

„Die Kluge“ im Gärtnerplatztheater

Oper von Carl Orff
nach dem Märchen "Die kluge Bauerntochter" der Brüder Grimm
Musikalische Leitung: Andreas Kowalewitz / Oleg Ptashnikov
Regie: Lukas Wachernig
Premiere am 2. Oktober 2019
Dauer: 1 Stunde 25 Minuten, keine Pause

Die Kluge / Foto: Christian Pogo Zach

Studiobühnen haben einen großen Vorteil: Der Zuschauer ist mittendrin im Geschehen und die Textverständlichkeit ist unvergleichlich gut. Wenn auch noch die Geschichte ohne Requisiten auf einem stilisiertem Treppengestell spielt, bleibt das pure Werk. Das hilft der Kammeroper „Die Kluge“ enorm. Die klare Personenregie von Lukas Wachernig und das Lichtdesign, wie auch der klare Schwarz-Weiß-Kontrast bei den Kostümen, zielen auf die Typisierung der Figuren ab. Gut und Böse sind klar getrennt und erst am Schluss der Oper, wenn die Kluge mit ihrer Liebe über den rohen und ungerechten König und Ehemann siegt und dem zarten Wiegenlied die Vision der Vereinbarkeit von Liebe und Klugheit folgt, bleiben trotz strahlendem Ende doch Fragen offen. Ohne jeden Zeitbezug  (Entstehung des Werks 1942!) oder tiefere Deutung spielen und singen die vier Hauptfiguren – und auch die drei fast diabolischen Strolche – hervorragend, während das von Wilfried Hiller "geschrumpfte" Orchester unter der Leitung von Andreas Kowalewitz auch im örtlichen Sinne im Hintergrund bleibt. Ein guter Einstieg in die neue Saison!   s.l.

 

Premieren im September 2019

„König Lear“ in den Münchner Kammerspielen

Schauspiel von William Shakespeare
Übersetzt und bearbeitet von Thomas Melle
Inszenierung: Stefan Pucher
Premiere am 27. September 2019
Dauer: ca. 2 Stunden 30 Minuten, keine Pause

König Lear / Foto: Arno Declair

Revolte! Fort mit der ewigen Männerherrschaft, fort mit Gewalt, Unterdrückung und Selbstherrlichkeit. Lear (Thomas Schmauser, fulminant zwischen Narzissmus und Verletzlichkeit) dankt ab, und seine Schmeichel-Töchter Regan und Goneril greifen durch. Blutvergießen wie jeher inbegriffen. Im Großaufnahmen-reflektierenden Bühnenglaskasten vollzieht sich ein Machtwechsel-Showdown in poppiger Zuspitzung und Trashkostümen, Gloucester ist eine Frau (Wiebke Puls als merkelige Pragmatikerin in Pink), ihr guter Sohn Edmund schwebt als Major Tom aus dem Bühnenhimmel. Stefan Puchers Regie und Thomas Melles kongeniale Textneufassung schaffen es, aus Shakespeares pessimistischem Stück von Macht, Erbschaft und Einsamkeit ein rasantes, krass heutiges Spektakel zu machen, ohne zu verflachen. Die Emanzipation der jungen Frauen schillert ambivalent im Zentrum: Wird es jetzt besser? Das ist so vielschichtig wie das Original und dabei unterhaltsam und witzig. Ein famoser Saisonstart im „Theater des Jahres“. Einhelliger Jubel.  avs

„Hedda Gabler“ im Münchner Volkstheater

Schauspiel von Henrik Ibsen
Inszenierung: Lucia Bihler
Premiere am 27. September 2019
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

Hedda Gabler / Foto: Arno Declair

Im Korsett des Patriarchats steckten die Frauen schon vor der Zeit von Ibsens Hedda Gabler – und womöglich haben sie sich ja heute immer noch nicht richtig befreit. Regisseurin Lucia Bihler jedenfalls transportiert Ibsens Gesellschaftsdrama, das 1891 in München uraufgeführt wurde, schnurstracks ins 18. Jahrhundert und streut ein paar Requisiten des Internetzeitalters ein, darunter einen Speicher-Stick mit gar wichtigem Inhalt. Laura Kirst hat tolle Rokoko-Kostüme entworfen, Bühnenbildnerin Jana Wassong lässt eine Chaiselongue und ein Wägelchen mit Süßigkeiten auf einer Drehscheibe langsam rotieren. Über der Bühne des Volkstheaters hängen zudem fluffige Schicksalswolken, in denen es auch mal tüchtig blitzen kann. Hedda, von Ensemble-Neuzugang Anne Stein mit starkem Selbstbewusstsein ausgestattet, langweilt sich mit ihrem Loser-Gatten Tesman (toll: Jakob Immervoll) und hängt ihrem Ex-Lover Lövborg (genießerisch gockelig: Jakob Geßner) nach, dem sie dann böse mitspielen wird. Das Ensemble rokoko-rockt ganz wunderbar, so dass man im Parkett einen Mordsspaß hat. mst
 

Kritiken zu den Premieren der vergangenen Spielzeit 2018/19

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