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Theatergemeinde München

Kulturvielfalt zum ermäßigten Preis

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Aktuelle Theaterkritiken 2019/20

Premieren im Dezember 2019

„Leonce und Lena“ im Residenztheater

Schauspiel nach Georg Büchner
Inszenierung: Thom Luz
Premiere am 7. Dezember 2019
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Leonce und Lena / Foto: Sandra Then

Ganz schön verrückt: Die Ansage, das Handy auszuschalten, läuft rückwärts, später dann beginnt die „Mondscheinsonate“ mit der letzten Note; auf der Bühne steht ein zersägtes Klavier, der Bass rechts, der Diskant links, die Spieler flitzen hin und her, und einmal kann sogar eine Schuhputzmaschine einer Geige Töne entlocken. Was ist hier los? Regisseur Thom Luz hat aus Büchners ziemlich abgründiger Komödie von den beiden Königskindern aus den Reichen Popo und Pipi, die verheiratet werden sollen, aber vor diesem Schicksal fliehen und am Ende doch als Unbekannte zusammenkommen, ein poetisch-musikalisches und absurd-vergnügliches Verwirrspiel gemacht. Eine seltsame Hofgesellschaft wandelt durch einen im Verfall begriffenen Saal, jede Kopfbewegung, jede Geste wie einstudiert, Automaten vielleicht. Manchmal sprechen sie einige Sätze, doch wer ist Lena, wer Leonce? In dieser Welt ohne Sinn scheint auch die Identität egal. Viele Zuschauer bejubeln die Übernahme aus Basel, andere wundern sich. Ein herrliches Kleinod auf jeden Fall für phantasievolle Gemüter!  sis

 

Premieren im November 2019

„Vor Sonnenaufgang“ im Residenztheater

Schauspiel von Ewald Palmetshofer nach Gerhart Hauptmann
Inszenierung: Nora Schlocker
Premiere am 29. November 2019
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

Vor Sonnenaufgang / Foto: © Sandra Then

Eine Familienaufstellung von heute im monochromen Zimmer-Guckkasten, vom Scheinwerfer-Sonnenaufgang knallhart ausgeleuchtet. Der einstige Firmenchef ist daueralkoholisiert und familienuntauglich. Der Jungunternehmer, Politiker und Schwiegersohn sieht sich vom linken Journalisten-Schulkameraden attackiert. Die patente Stiefmutter bekommt die Familie nicht in den Griff wie einst das Sekretariat. Die Tochter jammert gefühlig ihrer Niederkunft entgegen. Neurosen, Floskeln und Scheingefechte blühen. Nur der Arzt und Geburtshelfer bringt einen faustischen Lichtstrahl in das finstere Sozialgeflecht, bis zum finalen Desaster. Palmetshofer hat Hauptmanns sozialkritsches Skandalstück umgedichtet zu einem psychologischen Sprachkammerspiel mit Elementen einer komisch-rustikalen Familien-Soap.
Nora Schlockers Baseler Inszenierung ist ein Schauspielerfest, ein Klassiker in virtuoser Neuschöpfung. Viel Gelächter, anhaltender Applaus.   avs

„Der haarige Affe“ im Münchner Volkstheater

Schauspiel von Eugene O‘Neill
Inszenierung: Abdullah Kenan Karaca

Premiere am 28. November 2019
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Der haarige Affe / Foto: © Arno Declair

Rußverschmiert sind sie, ihre Zähne so schlecht wie die Arbeitsverhältnisse, und ihre Köpfe voller Gedanken, die sie im Kesselraum eines Luxusdampfers ausgiebig artikulieren: Long (Silas Breiding) ist überzeugter Kommunist, Paddy (Jakob Immervoll) ein wehmütiger Nostalgiker, und Yank (Jonathan Müller) ein Verfechter des Fortschritts. Eugene O’Neills „Der haarige Affe“ (1921) hat Volkstheater-Hausregisseur Abdullah Kenan Karaca in der Übersetzung von Peter Stein in entschlackter, aber nicht zwanghaft aktualisierter Fassung auf die Bühne gebracht. Im Schiffsbauch, dem Vincent Mesnaritsch ein niedrigdeckiges, kohledüsteres Ambiente plus goldenem Schacht zur Welt da oben verpasst hat, kommt es zur exemplarischen Begegnung von Reich und Arm, als Stahlmagnaten-Tochter Mildred (Nina Steils) sich aus Langeweile zu den Heizern begibt und sie begafft. Yank fühlt Scham und Wut, macht sich auf nach New York, zur Gewerkschaft und zum Zoo, wo ein mächtiger Gorilla auf ihn wartet. Jonathan Müller nimmt die Zuschauer mitreißend mit auf diese klassenkämpferische Reise.  mst

„Die Räuberinnen“ in den Münchner Kamerspielen

Schauspiel nach Friedrich Schiller
Inszenierung: Leonie Böhm und Ensemble
Premiere am 23. November 2019
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

Die Räuberinnen / Foto: © Judith Buss

Frauenpower statt Männermacht: Doch wer nun meint, dass feministische Thesen Schillers viriles Sturm-und-Drang-Drama dominieren, irrt. Regisseurin Leonie Böhm und das vierköpfige weibliche Ensemble plus Live-Musikerin scheren sich zwar nicht um die Handlung und wirbeln die Dichterworte gehörig durcheinander, doch es bleibt bei den Hauptpersonen und oft bei Originaltexten. Erst beklagt die Franz, hässlich und verkrüppelt, dass ihr Vater sie nicht ausstehen kann, anders als das erstgeborene Kind, die geliebte, eitle und schwermütige Karl. Amalia schließlich hat nur die Aufgabe, rein und schön zu sein. Drei kurze, originelle Monologe, bis Spiegelberg (großartig: Gro Swantje Kohlhof) mitten im Publikum auf einem Sitz stehend die Unzufriedenen aufmischt: In den „böhmischen Wäldern“ verbrüdern, besser verschwestern sie sich, schwören sich Treue und reißen sich die Kleider vom Leib in einem übermütigen Befreiungsakt von alten Denkmustern und Vaterfiguren, der dem angekündigten „Junggesellinnenabschied außer Kontrolle“ alle Ehre macht. Spielspaß groß geschrieben!  sis

„Amphitryon“ im Residenztheater

Schauspiel von Heinrich von Kleist nach Molière
Inszenierung: Julia Hölscher
Premiere: 21. November 2019
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

Amphitryon / Foto:  © Sandra Then

Was wissen wir schon, wer wir sind? Die Welt: eine raffiniert spiegelnde, kreiselnde Verwirrung (die bejubelte Bühne: Paul Zoller), auf der die Menschen sich selbst und einander verlieren. Auf die übergriffigen Götter ist sowieso kein Verlass. Aber auf unser Gefühl? Von wegen, meint Kleist, der sprachmächtige Psychologe, und beweist es mit einem witzig-tiefgründigen Traumspiel. Jupiter, arroganter Gott in sexuellem Notstand, schlüpft in Amphitryons Heldengestalt (Felix von Manteuffel) und lockt die treue Ehefrau Alkmene (Pia Händler) ins Bett. Die merkt nichts, liebt auch im Gott nur den Gatten. Der Heimkehrer Amphitryon aber weiß nicht mehr, wer er ist, ringt um sein Ich und seine Bestätigung. Gibt es noch eine stabile Identität? Gibt es Liebe, Ehe und Zugehörigkeit, oder nur noch Lust und Schmerz? Wunderbar zerbrechliche, hochemotionale Schauspieler spielen in Julia Hölschers präziser, von Basel übernommener Inszenierung. Begeisterter Beifall.  avs

„Die tote Stadt“ im Nationaltheater

Oper von Erich Wolfgang Korngold
Inszenierung: Simon Stone
Musikalische Leitung: Kirill Petrenko
Premiere am 18. November 2019

Die tote Stadt / Foto: Wilfried Hösl

Die Hausnummer von Pauls Drei-Zimmer-Apartement aus den 1960er-Jahren, in dem ihn die Tänzerin Marietta besucht und verstörend an seine verstorbene Geliebte Marie erinnert, also die 37, spielt in so manchem Film-Thriller eine Rolle, steht aber auch in der Esoterik für den Neubeginn. Und den wagt Paul am Ende – oder auch nicht, wenn er, vermeintlich erwacht aus dem Albtraum, Marietta/Marie umgebracht zu haben, mit einem Bier in der Küche sitzen bleibt. Seine tote Marie spukte vorher tatsächlich vervielfacht durch das Haus – glatzköpfig und im Krankenhauskittel wie eine Krebskranke während der Chemo. Das kleine, über und über mit Polaroids von ihr und einem kleinen Altar ausgestattete Zimmer spricht Bände wie die Filmplakate an den Wänden, die von mysteriösen Morden handeln: Godards „Pierrot le Fou“ und Antonionis „Blow Up“. Auf dieser, manchmal sich in einzelne Räume teilenden Bühne von Ralph Myers, konkretisiert Simon Stone in seiner aus Basel übernommenen Inszenierung das Geschehen klug zum packenden Krimi. Dazu liefert den perfekten Soundtrack die immer wieder überbordend spätestromantisch schillernde Musik Korngolds, die das Staatsorchester mit viel Liebe zum sinnlichen Detail spielt. klk

„Ronja Räubertochter“ im Residenztheater

Schauspiel nach dem Roman von Astrid Lindgren
Inszenierung: Daniela Kranz
Altersempfehlung: ab 6 Jahre
Premiere am 16. November 2019
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Ronja Räubertochter / Foto: Adrienne Meister

Wie schön, dass die neue Theaterleitung die Tradition des Familienstücks fortsetzt und gleich ihr junges Publikum mit tollen Akteuren und zauberhaften Bildern begeistert. Die Geschichte von Ronja, der Tochter des Anführers der Mattisräuber, und ihrer Freundschaft zu Birk, dem Sohn aus der verfeindeten Bande der Borkaräuber, ist ebenso spannend wie klug und herzerwärmend. Daniela Kranz, zuständig für das „Resi für alle“, bleibt in ihrer Inszenierung nah am Roman und lässt eine springlebendige, klar denkende und couragiert handelnde Ronja (Paula Hans) über eine Bühne turnen, die sich mal in den Mattiswald voll unheimlicher Wesen wie dreiköpfige Graugnomen und geflügelte Wilddruden, mal in die schützende Mattisburg verwandelt. Es blitzt und donnert und es braucht viel Mut, einige Sprünge über den gefährlichen Höllenschlund, der die Burg in die zwei Räuberlager teilt, und manch starke Songs und Elektrobeats (Musik: Polly Lapkovskaja u.a) bis zur Einsicht der Erwachsenen und dem versöhnlichen Ende. So muss Familientheater sein! sis

„Tosca“ im Gärtnerplatztheater

Oper von Giacomo Puccini 
Inszenierung: Stefano Poda Dirigat
Musikalische Leitung: Anthony Bramall
Premiere am 14. November 2019
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

Tosca / Foto: Christian Pogo Zach

Regie, Bühne, Kostüme und vor allem Lichtgestaltung – alles aus einer Hand: Stefano Poda beweist, wie man damit stimmige Opernabende schafft. Auch wenn hier eine düstere, schmucklose, ja manchmal fast brutale „Tosca“ auf die Bühne des Gärtnerplatztheaters gebracht wurde, so schlüssig ist die Geschichte von Liebe, Verrat, Brutalität selten zu erleben. Der erste Akt in der Kirche zeigt schon die Entweihung durch Macht und Gewalt: Ein umgestürztes großes Kreuz beherrscht die Drehbühne – Ort der liebenden Begegnung und Sammlung, aber auch der Heuchelei der Mächtigen in Staat und Kirche. Noch mehr wird die Oper zum Krimi in den folgenden Akten. Dabei sticht aus dem Schwarz, das die Bühne beherrscht, der glühend rote Mantel und die helle Haarpracht von Floria Tosca hervor. Dieser Blickfang und die phänomenale Lichtgestaltung in all der Düsterheit erzeugen ein Spannungsfeld, das Poda bis zum überraschenden Schluss durchzuhalten gelingt. Kein Schwulst, nur Intensität in den Stimmen und im Orchestergraben und ausgezeichnete Gast-Sänger, die auch mit ihrem Spiel überzeugen. Dieses Bühnen-Gesamtkunstwerk berührt und begeistert!   s.l.
 

„Der Riss durch die Welt“ im Cuvilliéstheater/ Residenztheater

Schauspiel von Roland Schimmelpfennig
Inszenierung: Tilmann Köhler
Uraufführung am 13. November 2019
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

Der Riss durch die Welt / Foto: Sandra Then

Die Apokalypse ereignet sich in einer superschicken Bergvilla. Auf ihre „Hütte“ haben der reiche Geschäftsmann Tom und seine Frau Sue die junge Künstlerin Sophia eingeladen, die ihren Freund Jared aus dem „Ghetto“ mitbringt. Hier wollen sie über die Finanzierung von Sophias Projekt sprechen, einem Fluss aus Blut, Plastik und Tierleichen. Im Auftragswerk des Dramatikers Roland Schimmelpfennig mit dem Untertitel „170 Fragmente einer gescheiterten Unterhaltung“ geht es schlicht um Alles, um die verwundete Erde genauso wie um den Riss durch die Gesellschaft. Albträu-me aus den biblischen Plagen suchen die Vier heim, verwesende Fliegen, Frösche im Mund, am Ende prasseln Eisbrocken auf die Bühne. Im leeren Raum, den eine drehbare Wand immer anders trennt, erzählen Gastgeber, Gäste und Hausmädchen in Bruchstücken und Zeitsprüngen vom schrecklichen Wochenende. Tilmann Köhler fesselt durch seine hochpräzise Inszenierung, die ihr Gewicht auf die besondere „Textpartitur“ (SZ) des Autors legt. Fünf wunderbare Schauspieler erwecken sie großartig zum Leben.  sis
 

Premieren im Oktober 2019

Drei Schwestern“ im Residenztheater

Schauspiel von Simon Stone nach Anton Tschechow
Inszenierung: Simon Stone
Premiere am 30. Oktober 2019
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

Drei Schwestern / Foto: Sandra Then

Glauben Sie, Tschechow nervt mit depressivem Sehnsuchtsgerede und zähem Stillstand? Regie-Star Simon Stone macht aus dem vorrevolutionären Klassiker aus Russland eine furiose und anspruchsvolle Bühnen-Soap-Opera, eine Highspeed-Satire, die keine Sekunde langweilt. Im Split-Level-Ferienhaus der Geschwister Olga (Barbara Horvath), Mascha (Franziska Hackl) und Irina (Liliane Amuat) platzen die Träume und Lebensabschnittbeziehungen. Irina zieht es nach Berlin, den drogen- und pokersüchtigen Bruder Andrej ins Silicon Valley, Masha mit ihrem verheirateten Lover Alexander nach Brooklyn. Dort warten Freiheit, Liebe und Lebenssinn - das hoffen die bedröhnten, laschen, überdrehten und charmant desolaten Figuren eines Lebensstils im Abschwung. Stones Inszenierung bietet erstklassiges Entertainment, subtil und klug, so cool und pathetisch wie ambivalent. Die Baseler Inszenierung wurde von Theater heute zum "Stück des Jahres 2017" gekürt. Mitreißend. avs 

„Der Kaufmann von Venedig“ im Münchner Volkstheater

Komödie von William Shakespeare
Inszenierung: Christian Stückl
Premiere am 27. Oktober 2019
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause 

Der Kaufmann von Venedig / Foto: Arno Declair

Antisemitismus ist, man will es kaum glauben, kein Phänomen der Vergangenheit. So bringt Christian Stückl mit Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ ein auch heute hochaktuelles Stück auf die Bühne. Kaufmann Antonio, von Silas Breiding aalglatt gespielt, leiht sich von dem Juden Shylock 3000 Dukaten, die Antonio an seinen Kumpel Bassanio weitergibt, damit dieser sich die Brautwerbung um Porzia (fulminant als sexy-kracherte Walküre: Carolin Hartmann) leisten kann. Als Antonio die Schuld nicht begleichen kann, darf ihm Shylock, abgemacht ist abgemacht, ein Pfund Fleisch aus dem Körper schneiden. Während aber Shylock bei Shakespeare noch ein rachsüchtiger Schurke ist, verkörpert ihn Pascal Fligg als würdevollen Geschäftsmann, der in einer christlichen Business-Welt der Anzugträger böse angegriffen und am Ende völlig demontiert wird. Stückl inszeniert das großartig dicht, in einer vergoldeten Bühnenkonstruktion mit drei Drehtüren, durch die der eiskalte Wind einer gnadenlos antisemitischen Welt weht. Der Abend ist beklemmend, rührt ungemein an. Das Stück der Stunde! mst

„Sommergäste“ im Residenztheater

Schauspiel von Maxim Gorki
Inszenierung: Joe Hill-Gibbins
Premiere am 25. Oktober 2019
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

Sommergäste / Foto: Sandra Then

Zeitenwende! Intellektuell ist alles durchanalysiert. Die Welt von heute gibt es morgen nicht mehr. Die hochgekommene Elite jammert und leidet gern. Man surft zwischen Weltschmerz, Sinnsuche und Leidenschaften wie "Sommergäste" auf Besuch, genussorientiert und unbeteiligt. Handeln hieße ja Verantwortung tragen für morgen. Alte Denkschablonen und Chauvinismen leben weiter, man hält die Frauen klein. Es ist der Vorabend der russischen Revolution. Im Sommerhaus von Warwara (Brigitte Hobmeier) und Bassow (Robert Dölle) trifft sich eine Handvoll Bildungsbürger auf einer zeitlos weißen Kastenbühne. Warwara und die Ärztin Marja schwingen die Fahne des politischen Engagements. Die Lage eskaliert. Hat man sich nicht gut eingerichtet in der altvertrauten Komfortzone? Will und kann man jetzt vieles riskieren, um eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen? Kommt sie, die Wende in Politik und Wirtschaft, Ehe und Umwelt, oder "kommen alle einfach wieder runter"? Spannend heutige Fragen mit glänzenden Dialogen und einem energiegeladenen Ensemble. Begeisterter Applaus. avs
 

„Nirvanas Last“ in den Münchner Kammerspielen

Musikalisches Schauspiel
Inszenierung: Damian Rebgetz
Arrangements: Paul Hankinson
Premiere am 24. Oktober 2019
Dauer: 2 Stunden, keine Pause 

Nirvanas Last / Foto: David Baltzer

Nirvana-Fan war Damian Rebgetz nie. Und so ist dieser Abend, den der Kammerspiele-Schauspieler aus Australien mit Studium Klassischer Gesang inszeniert hat, auch keine Verneigung vor der legen-dären Band. Er sei vielmehr, erzählt Rebgetz am Anfang, ein „romantisches Echo“ auf das, was am 1. März 1994 am ehemaligen Flughafen Riem geschah: Nirvana spielte dort das letzte Konzert, brach dann die Tournee ab, einen Monat später war Kurt Cobain tot. Seither seien München und Nirvana  miteinander verbunden. Auf lilafarbener Showtreppe erleben wir nun einen sanft-poetischen, aber auch bitter-ironischen Abgesang auf eine einst zornige und am kommerziellen Erfolg gescheiterte Band und auf eine Heimat, in der nicht jeder willkommen ist. Alle Songs des letzten Konzerts sind in schlichtes Deutsch, manchmal Bayerisch, übertragen, im Hintergrund grüßen die Berge, Live-Musik und Gesang erinnern ans deutsche Kunstlied und die großartigen Akteure kommen als Förster oder queerer Satin-Waldschrat daher. Riesenapplaus für ein unerwartet berührendes „Requiem“ (SZ) sis.
 

„Die drei Musketiere“ im Residenztheater

Schauspiel nach Alexandre Dumas
Bearbeitung und Inszenierung: Antonio Latella
Premiere am 20. Oktober 2019
Dauer: ca. 2 Stunden, keine Pause

Die drei Musketiere / Foto: Nicola Mastroberardino

Die neuen Publikumslieblinge tragen Anzüge mit Rautenmuster wie Arlecchino aus der Commedia dell’arte. Sie singen, steppen, streiten, liefern sich blitzschnelle Wortgefechte und wiehern wie Pferde. Aus dem Mantel- und Degen-Stoff von den Musketieren im Dienst des französischen Königs hat der italienische Regisseur Antonio Latella eine sehr komische und herrlich alberne Komödie gezaubert, in der vier Akteure aus Basel – dort war die Aufführung bereits ein Riesenerfolg – zwei stürmische Stunden lang ihre Kämpfe und ihre Freundschaft und das Theater selbst auf die Schippe nehmen. Drei Musketiere? Nicht vier? Schließlich gehört auch D’Artagnan zur Heldenriege von Athos, Porthos und Aramis! Doch immer fühlt sich einer ausgeschlossen, und Helden sind sie auch nicht. Eher Schauspieler, die auf Geheiß eines superschlauen Dramaturgen ihre Rollen üben, auch die der eigenen Diener und der eigenen Pferde. Zum Radetzkymarsch zeigen sie dann die Hohe Schule des Dressurreitens. Ein großer, intelligenter Spaß, Handlung unwichtig und die Zuschauer jubeln.  sis
 

„Die Verlorenen“ vom Residenztheater im Cuvilliéstheater

Schauspiel von Ewald Palmetshofer
Inszenierung: Nora Schlocker
Uraufführung am 19. Oktober 2019
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause

Die Verlorenen / Foto: Birgit Hupfeld

Andreas Beck beginnt seine Intendanz anspruchsvoll. Das erste Stück, ein Auftragswerk des österreichischen Dramatikers Ewald Palmetshofer, ist ebenso textintensiv wie tiefgründig – und hinterlässt einen starken Eindruck. In fast lyrischer Sprache, rhythmisch und mit teils ungewöhnlichem Satzbau erzählt „Die Verlorenen“ von Menschen, die verstört, verletzt, vereinsamt und bar jeden Mitgefühls ihr Dasein leben. Clara, die Hauptfigur, will sich vor ihrem Ex-Mann, vor ihrem Sohn und der Mutter in das Haus der verstorbenen Großmutter zurückziehen, in ein Kaff mit Tanke und Disco als einzige Treffpunkte. Kurze, mitunter lustige Szenen – die Handlung steigert sich nach der Pause noch dramatisch – zeigen einen Reigen der Enttäuschten. Das Kreuz im sonst leeren, grell weißen Bühnenkasten gibt keine Hoffnung mehr. Die anfangs im Chor gerufene Frage „Hallo, hört uns jemand?“ verhallt. Düster das Stück – leuchtend die Schauspielkunst. Es ist die pure Freude, große „alte“ und großartige neue Akteure zu erleben, in der beeindruckenden Inszenierung der Hausregisseurin Nora Schlocker.  sis
 

„Der Messias“ im Gärtnerplatztheater

Oratorium von Georg Friedrich Händel
Szenische Fassung und Inszenierung: Torsten Fischer
Musikalische Leitung: Antony Bramall/ Andreas Kowalewitz
Choreographie: Karl Alfred Schreiner
Premiere am 10. Oktober 2019
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

Der Messias / Foto: Marie-Laure Briane

„Ein zähes Ringen“ – „Um Himmels Willen“ – „Vater, vergib ihnen“ – so titeln die Münchner Zeitungen ihre Kritiken zu der szenischen und tänzerischen Darstellung des Händelschen Oratoriums. Und das Publikum bejubelt bei der Premiere die Solisten, den Chor und das Orchester unter Anthony Bramall, das eine gekürzte Fassung des Werks in gewohnter Brillanz musiziert. Die sanften Buhs beziehen sich auf eine mit Ideen und Botschaften beladenen Inszenierung von Torsten Fischer, der der gierigen, liebesarmen Menschheit unserer Tage einen stoischen Schmerzensmann und seine Mutter Maria (in einer Sprechrolle mit Texten eines zeitgenössischen irischen Dichters) gegenüberstellt, die ihrerseits mit dem Schicksal ihres Sohnes hadert. Die Verfremdung erreicht ihren Höhepunkt beim „Halleluja“, bei dem Chor, Tänzer und Solisten ihre Arme gen Himmel recken, aus dem es Dollarnoten regnet, während Jesus mit Gewehren behangen zur Statue wird. In unentwegter Bewegung kriechen, zucken und winden sich die Tänzer (Choreographie: Karl Alfred Schreiner) - ihre Bedeutung in der dennoch interessanten Oratorien-Performance bleibt weitgehend verborgen.   s.l.

„Die Kluge“ im Gärtnerplatztheater

Oper von Carl Orff
nach dem Märchen "Die kluge Bauerntochter" der Brüder Grimm
Musikalische Leitung: Andreas Kowalewitz / Oleg Ptashnikov
Regie: Lukas Wachernig
Premiere am 2. Oktober 2019
Dauer: 1 Stunde 25 Minuten, keine Pause

Die Kluge / Foto: Christian Pogo Zach

Studiobühnen haben einen großen Vorteil: Der Zuschauer ist mittendrin im Geschehen und die Textverständlichkeit ist unvergleichlich gut. Wenn auch noch die Geschichte ohne Requisiten auf einem stilisiertem Treppengestell spielt, bleibt das pure Werk. Das hilft der Kammeroper „Die Kluge“ enorm. Die klare Personenregie von Lukas Wachernig und das Lichtdesign, wie auch der klare Schwarz-Weiß-Kontrast bei den Kostümen, zielen auf die Typisierung der Figuren ab. Gut und Böse sind klar getrennt und erst am Schluss der Oper, wenn die Kluge mit ihrer Liebe über den rohen und ungerechten König und Ehemann siegt und dem zarten Wiegenlied die Vision der Vereinbarkeit von Liebe und Klugheit folgt, bleiben trotz strahlendem Ende doch Fragen offen. Ohne jeden Zeitbezug  (Entstehung des Werks 1942!) oder tiefere Deutung spielen und singen die vier Hauptfiguren – und auch die drei fast diabolischen Strolche – hervorragend, während das von Wilfried Hiller "geschrumpfte" Orchester unter der Leitung von Andreas Kowalewitz auch im örtlichen Sinne im Hintergrund bleibt. Ein guter Einstieg in die neue Saison!   s.l.

 

Premieren im September 2019

„König Lear“ in den Münchner Kammerspielen

Schauspiel von William Shakespeare
Übersetzt und bearbeitet von Thomas Melle
Inszenierung: Stefan Pucher
Premiere am 27. September 2019
Dauer: ca. 2 Stunden 30 Minuten, keine Pause

König Lear / Foto: Arno Declair

Revolte! Fort mit der ewigen Männerherrschaft, fort mit Gewalt, Unterdrückung und Selbstherrlichkeit. Lear (Thomas Schmauser, fulminant zwischen Narzissmus und Verletzlichkeit) dankt ab, und seine Schmeichel-Töchter Regan und Goneril greifen durch. Blutvergießen wie jeher inbegriffen. Im Großaufnahmen-reflektierenden Bühnenglaskasten vollzieht sich ein Machtwechsel-Showdown in poppiger Zuspitzung und Trashkostümen, Gloucester ist eine Frau (Wiebke Puls als merkelige Pragmatikerin in Pink), ihr guter Sohn Edmund schwebt als Major Tom aus dem Bühnenhimmel. Stefan Puchers Regie und Thomas Melles kongeniale Textneufassung schaffen es, aus Shakespeares pessimistischem Stück von Macht, Erbschaft und Einsamkeit ein rasantes, krass heutiges Spektakel zu machen, ohne zu verflachen. Die Emanzipation der jungen Frauen schillert ambivalent im Zentrum: Wird es jetzt besser? Das ist so vielschichtig wie das Original und dabei unterhaltsam und witzig. Ein famoser Saisonstart im „Theater des Jahres“. Einhelliger Jubel.  avs

„Hedda Gabler“ im Münchner Volkstheater

Schauspiel von Henrik Ibsen
Inszenierung: Lucia Bihler
Premiere am 27. September 2019
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

Hedda Gabler / Foto: Arno Declair

Im Korsett des Patriarchats steckten die Frauen schon vor der Zeit von Ibsens Hedda Gabler – und womöglich haben sie sich ja heute immer noch nicht richtig befreit. Regisseurin Lucia Bihler jedenfalls transportiert Ibsens Gesellschaftsdrama, das 1891 in München uraufgeführt wurde, schnurstracks ins 18. Jahrhundert und streut ein paar Requisiten des Internetzeitalters ein, darunter einen Speicher-Stick mit gar wichtigem Inhalt. Laura Kirst hat tolle Rokoko-Kostüme entworfen, Bühnenbildnerin Jana Wassong lässt eine Chaiselongue und ein Wägelchen mit Süßigkeiten auf einer Drehscheibe langsam rotieren. Über der Bühne des Volkstheaters hängen zudem fluffige Schicksalswolken, in denen es auch mal tüchtig blitzen kann. Hedda, von Ensemble-Neuzugang Anne Stein mit starkem Selbstbewusstsein ausgestattet, langweilt sich mit ihrem Loser-Gatten Tesman (toll: Jakob Immervoll) und hängt ihrem Ex-Lover Lövborg (genießerisch gockelig: Jakob Geßner) nach, dem sie dann böse mitspielen wird. Das Ensemble rokoko-rockt ganz wunderbar, so dass man im Parkett einen Mordsspaß hat. mst
 

Kritiken zu den Premieren der vergangenen Spielzeit 2018/19

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